WAS IST HEIMAT?

 

.Was ist denn "Heimat"? Vater, sag mir's doch!

Siehst Du im Osten jener blauen Berge Joch?
Weit drüber hin, wo tausend Schwalben fliegen,
im fernen Licht muß unsre Heimat liegen.
Dort glitzern Felder reich, wie Gold gemäht,
von Reben quillt der Hügel, taubesät.
Die dunkle Erde hat, was man in sie versenkt,
oft hundertfältig unserm Volk zurückgeschenkt.
Und in dem Busch, verträumt und doch so licht,
winkt dir des Dörfleins ernstes Angesicht.
Die Kirchenburg erhebt sich noch in alter Pracht.
Man denkt, sie sei noch da, die Zeit der Macht.
Noch heute steht der Bau gar stolz und warm ...
Doch unser Volk ist klein, ist elend, arm.

Und grade deshalb lieb ich doppelt dieses Land.
Weißt du nun, Kind, was Heimat wird benannt?

Sag, Vater, warum liebst die Heimat du ...?

Merk auf, mein Kind, und hör' mir stille zu.
Dort hat die Mutter über mir gewacht
und mich in Schlaf gesungen manche Nacht.
Dort trug mein Vater Not und Leid.
Dort wuchs ich groß in aller Zärtlichkeit.

Dort hat die Erde meinen ersten Schritt getragen
in meinen frühen, sel'gen Kindertagen.
Ich konnte in des Vaters Spuren sicher treten,
dort lernt' ich lachen, weinen, singen, beten.
Nun weißt du, Kind, wie alte Heimat tut,
sie sei auch dir ein heilig-hohes Gut.

Ist unsre Heimat wohl so licht und hehr,
so weißt du sicher noch ein Sprüchlein mehr ...

Da hebt der Vater frei und stolz die Augen.
Heimat ist das, woran wir glauben,
ist unsre Hoffnung in den finstern Tagen,
ist Stärke, wenn an uns die Zweifel nagen.
Heimat ist Himmel in dem Blick,
Heimat ist Stolz in hartem Mißgeschick.
Und risse man den Leib in tausend Stücke,
ein jeder Teil sehnt einzeln sich dahin zurücke.
Und weint die Heimat, wird mir schwer,
und lacht sie, jubl' ich noch viel mehr.
Heimat ist Sehnsucht, sel'ge Leidenschaft,
Heimat ist Frommsein, Wille, Blut und Kraft.

Egon Hajek, Dr.  (1888-1963)

*  06.11.1888, Kronstadt (Siebenbürgen)
15.05.1963

Kirchenmusiker und Theologe.

1. Du sollst mein Zeuge sein. Lebenswege eines deutschen Bekenners. Roman 1938
2. König Lautenschläger. Leben und Abenteuer eines fahrenden Sängers aus Siebenbürgen 1940
3. Meister Johannes. Aus dem Werdegang der Deutschen in Siebenbürgen. Roman 1941 

Das 1933 gegründete Deutsche Landestheater in Rumänien mit Sitz in Hermannstadt setzte sich konsequent für die Uraufführung einheimischer Autoren ein und bespielte als Berufsbühne, die über ein Opern- und Theaterensemble verfügte, alle Gebiete Rumäniens mit deutscher Bevölkerung.

Während des Krieges und an deutschen Universitäten hatten viele der jungen siebenbürgischen Autoren mit der europäischen Moderne Bekanntschaft gemacht. Angesichts der weltweiten Veränderungen und der mitgebrachten Erfahrungen empfanden sie die vorgefundenen Lebensverhältnisse als kunstfeindlich, spießerhaft und provinziell. Anfang der zwanziger Jahre werden von Hermann Klöß (1880-1948), Egon Hajek (1888-1963), Bernhard Capesius (1889-1981) und Heinrich Zillich (1898-1988) Schreibweisen durchexerziert, die sich zwischen dekorativem Symbolismus, neuromantischem Subjektivismus und expressionistischem Menschheits- und Vitalitätspathos bewegen. 

 

Dr Egon Hajek, „Die Hecatombe Sententiarum Ovidianarum des Valentin Franck von Franckenstein, Verlag des Südosteuropäischen Forschungsinstitutes, bei W. Krafft, Hermannstadt,1923, dieses Buch ist zu finden u.a. in der Martin Opitz Bibliothek in Herne, Deutschland. Siehe auch der Zeitungsartikel „Umb das Gemeinde Wesen hab ich mich sehr bemuehet, Vor 300 Jahren starb der Sachsenkomes Valentin Franck von Franckenstein“ , von Oswald Kessler, in der Siebenbürgischen Zeitung vom 31. Okt. 1997.