Schlesierland - Heimatland

Oh, Du mein Schlesierland, oh, Du mein Heimatland, 
wie bist Du schön, wie bist Du schön. 
Oh, Du mein Schlesierland, oh, Du mein Heimatland, 
wann werden wir dich wiedersehen? 
Die blauen Berge, die grünen Täler, das goldene Korn 
Zur Erntezeit, der Duft der Linden, rauschende Wälder, 
die Schneekoppe im Winterkleid. 
Oh, Du mein Schlesierland, oh, Du mein Heimatland, 
wie bist Du schön, wie bist Du schön.
   
Oh, Du mein Schlesierland, oh, Du mein Heimatland, 
Du alter Berggeist Rübezahl, oh, Du mein Schlesierland, 
oh, Du mein Heimatland, wir grüßen Dich viele 
tausendmal, mit deinen Sagen, mit Deinen 
Märchen, Erinnerungen der Kinderzeit, die 
Muttersprach, das Haus der Väter, wie liegst Du 
Weit, so weit, so weit. 
Oh, Du mein Schlesierland, oh, Du mein Heimatland, 
wie bist Du schön, wie bist du schön.

http://gutenberg.spiegel.de/fontane/quitt/quitt11.htm 
http://literaturnetz.org/10701

Theodor Fontane: Quitt

Elftes Kapitel

Frau Menz hatte zu schweigen versprochen, aber sie war unfähig, etwas auf der Seele zu behalten, und so wußte Lehnert nach einer Viertelstunde schon, was Christine berichtet hatte.

»Laß ihn, er wird nicht weit damit kommen!« Er sagte das so hin, um die Mutter, so gut es ging, zu beruhigen, in seinem Herzen aber sah es ganz anders aus, und er ging auf das Fenster zu, das er aufriß, um frische Luft einzulassen. Er hatte diesen Ausgang wohl für möglich, aber, bei der Fürsprache drüben, keineswegs für wahrscheinlich gehalten, und nun sollte doch das Schlimmste kommen, und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen wollte, so gab es nur ein Mittel und mußte nun das geschehen, womit er bis dahin in seiner Phantasie bloß gespielt hatte: Flucht. Ungezählte Male war es ihm eine Freude gewesen, von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen, von der Lust, dieser Armseligkeit und Knechterei den Rücken zu kehren und übers Meer zu gehen, und doch – jetzt, wo die Stunde dazu da war, das immer wieder und wieder mit Entzücken Ausgemalte zur Tat werden zu lassen, jetzt wurd er zu seiner eigenen Überraschung gewahr, wie sehr er seine Heimat liebe, sein Schlesierland, seine Berge, seine Koppe. Das sollte nun alles nicht mehr sein. Um nichts, oder um so gut wie nichts, war er das erstemal von Opitz zur Anzeige gebracht worden, und um nichts sollt es wieder sein. Was war es denn? Ein Has, der in seinem Kornfeld gesessen und den er über Eck gebracht hatte. Das war alles, und dies alles war eben nichts. Und wenn es etwas war, wer war schuld daran? Wer anders als »der da drüben«, der ihm den Dienst verleidet hatte, sonst wär alles anders gekommen, und er wäre, was eigentlich sein Ehrgeiz und seine Lust war, bei den Soldaten geblieben und hätte seinem König weiter gedient und hätte jedes Jahr Urlaub genommen und wäre dann mit dem Hirschfänger und dem Czako durch die Dorfstraße gegangen, und alles hätte gegrüßt und sich über ihn gefreut. »Um all das hat er mich gebracht, weil er mir's mißgönnte, weil er nicht wollte, daß wer neben ihm stünde. Ja, er ist schuld, er allein. Um das Kreuz hat er mich gebracht, aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an und hat mich geschunden und gequält, und wie damals, so tut er's auch heute noch. Er hat mir das Leben verdorben und mein Glück und meine Seligkeit.«

Als er das letzte Wort gesprochen, brach er ab und sah vor sich hin. Alles, was in Nächten, wenn er nicht schlief, ihm halb traumhaft erschienen war, erschien ihm in diesem Augenblicke wieder, aber nicht als ein in Nebelferne vorüberziehendes Bild, sondern wie zum Greifen nah, und in seiner Seele klang es noch einmal nach: »und meine Seligkeit«.

Es war Mittag, und Frau Menz brachte die Mahlzeit. Aber Lehnert aß nicht, und als die Alte ihm zuredete, wies er es kurzerhand ab, stand auf und ging in seine Kammer, um, was ihn peinigte, loszuwerden und Ruhe zu suchen. Wenn er hätte schlafen können! Aber er fühlte nur, wie's hämmerte. Mit einem Male sprang er auf. »Nein, ich bleibe. Nicht fort. Ich will nicht fort. Einer muß das Feld räumen, gewiß. Aber warum soll ich denn der eine sein? Warum nicht der andere? Mann gegen Mann ... und oben im Wald ... und heute noch. Ich sage nicht, daß ich's tun will, ich will es nicht aus freien Stücken tun, nein, nein, ich will es in Gottes Hand legen, und wenn der es fügt, dann soll es sein ... Und das Papier drüben und alles, was drin steht, das will ich schon aus der Welt schaffen ... Und wenn ich ihm nicht begegne, dann soll es nicht sein, und dann will ich mich drein ergeben und will ins Gefängnis oder will weg und über See.«

Lehnert war klug genug, alles, was in diesen seinen Worten Trugschluß und Spiegelfechterei war, zu durchschauen; aber er war auch verrannt und befangen genug, sich drüber hinwegzusetzen, und so kam es, daß er sich wie befreit fühlte, nach all dem Schwanken endlich einen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben. Er wartete bis um die sechste Stunde, legte dann, wie stets, wenn er ins Gebirge wollte, hirschlederne Gamaschen an und stieg, als er sich auf diese Weise marschfertig gemacht hatte, von seiner Bodenkammer wieder in die Wohnstube hinunter. Hier riß er aus dem unter der Jagdflinte hängenden Kalender ein paar Blätter heraus und wickelte was hinein, was wie Flachs oder Werg aussah. Alles aber tat er in eine Ledertasche, wie sie die Botenläufer tragen, gab dann der Alten, unter einem kurzen »Adjes, Mutter«, die Hand und ging auf das sogenannte »Gehänge« zu, den nächsten Weg zum Kamm und zur Koppe hinauf. Drüben in der Försterei schien alles ausgeflogen. Nur Diana lag auf der Schwelle und sah ihm nach.

Lehnert verfolgte seinen Weg, der ihn zunächst an den letzten Häusern von Wolfshau vorüberführte. Von hier aus bis zu dem das gräfliche Jagdrevier auf Meilen hin einhegenden Wildzaun waren keine tausend Schritt mehr, ein mit Kusseln besetztes, von einem schmalen Weg durchschnittnes Waldvorland, auf dem sich in diesem Augenblick eine Krummhübler Kinderschar heranbewegte, lauter halbwachsene Mädchen, die, von ihrem Lehrer geführt, eine Tagespartie nach der Schwarzen Koppe hinauf gemacht hatten. Lehnert blieb stehen; als sie näher kamen, sah er, daß sie Blumen in Haar und Hand trugen. Und dazu sangen sie:

»Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.
Wo die Schneekoppe hoch in die Wolken steigt,
Wo der Kynast grau die Zinnen zeigt,
Wo Rübezahl tief im Berge thront,
Wo Liebe, Frohsinn, Treue wohnt,
Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.«

Es war dasselbe Lied, das er in seinen Knabentagen und dann später, bei den Jägern, auf manchem heißen Marsch in Frankreich gesungen hatte. Wie das Lied ihn jetzt ins Herz traf, und er trat zurück, um den jungen Dingern, von denen die meisten ihn kannten, den Weg freizugeben. Sie nickten ihm zu, und eine gab ihm im Vorübergehen den Enzianenkranz, den sie hoch oben im Gebirge gepflückt und geflochten hatte. »Da, Lehnert!« Und kaum, daß sie vorbei waren, so nahmen sie das Lied wieder auf und sangen die letzte Strophe:

»Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand,
Ach, werd ich je dich wiedersehn,
Im Schatten deiner Tannen gehn,
Am Hügel meiner Eltern knien
Und sehen, wie die Wolken ziehn?
Auch in der Ferne knüpft mich ein Band
An dich, geliebtes Heimatland.«

Lehnert, als sie so sangen, hatte die Schlußzeilen unwillkürlich mitgesungen und wiederholte sie sich, als ob er in diesem Augenblicke schon ein tiefstes Heimweh in seinem Herzen empfunden hätte.

 "Quitt". Roman
Entstehung: 1885-April 1889.
Vorabdruck: "Die Gartenlaube" 1890, Nr. 1-11. (Mit Eingriffen der Redaktion und stark gekürzt.)
Erste Buchausgabe: Ende Nov. 1890 bei Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung) Berlin. (Impressum 1891).

 

 http://de.geocities.com/w_schimmel14/lieduged2-4.html