Der Leineweber (1847)

Ludwig Pfau, 



Der bleiche Weber sitzt am Stuhl,
Er wirft mit matter Hand die Spul' -

Knick, knack! -

Er hebt den müden Fuß zum Treten -:
"Herr Gott! Jetzt kann ich nimmer beten -

Knick, knack! -

Du Linnentuch, du Linnentuch!
Ein jeder Faden sei ein Fluch!"



Es webt und webt sein morscher Leib,
Am Boden liegt sein sterbend Weib -

Knick, knack! -

Die Not sitzt bei ihr, sie zu pflegen,
Der Hunger gibt ihr noch den Segen -

Knick, knack! -

"Du Linnentuch, du Linnentuch!
Ein jeder Faden sei ein Fluch!"



Der erste Fluch für unsern Herrn!
Hussa! Da springt mein Schifflein gern -

Knick, knack! -

Er darf am vollen Tische lungern,
Wenn wir am Webestuhl verhungern -

Knick, knack! -

"Du Linnentuch, du Linnentuch!
Ein jeder Faden sei ein Fluch!"


Und einer für den Pfaffen gleich,
Der uns verspricht das Himmelreich -

Knick, knack! -

Wir sollen sterben und verderben,
Das heißt die Seligkeit erwerben -

Knick, knack! -

"Du Linnentuch, du Linnentuch!
Ein jeder Faden sei ein Fluch!"



Der Faden hier sei dem verehrt,
Der Kugeln uns statt Brot beschert -

Knick, knack! -

Dem hohen Herrn von Gottes Gnaden:
O werd' ein Strick, du schwacher Faden! -

Knick, knack! -

"Du Linnentuch, du Linnentuch!
Ein jeder Faden sei ein Fluch!"



Die Lampe, wie sie plötzlich loht!
Gottlob, mein Weib, nun bist du tot -

Knick, knack! -

Das ist der Trost in unsrem Leben,
Daß wir das Bahrtuch selber weben -

Knick, knack!

"O könnt' ich weben, Fluch um Fluch,
Der ganzen Welt ein Leichentuch!"

Ludwig Pfau (1821–1894)

Ein Gärtnersohn aus Heilbronn, der als Revolutionär, Kunstkritiker, Politiker und Dichter Karriere macht – das ist Ludwig Pfau, der am 25. August 1821 als Sohn des Heilbronner Gärtners Philipp Pfau zur Welt kam. (http://www.deutsche-liebeslyrik.de/pfau_b.htm)