Der gemittliche Schläsinger

(Aus "Ein Glaubensbekenntnis", 1844)

Der gemittliche Schläsinger
Kalender für die Provinz Schlesien
Herausgegeben von Hermann Bauch
im Jahre 1924
 

Rübezahl und der Berliner
A grußfrassiges Gedichte
von Paul Keller

“Verknuchter Lullatsch hab ich Dich ?!
Poß’ uff, jitzt gieht Dir’s ferchterlich,
Du frech Berliner Rasse,
Du kummst ei meine Berge her
Und machst mir hier’s Läben schwer
Mit Deiner grußen Frasse !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A nimmt’m sei Monokel weg,
A schmeißt a Hutt ‘m ein a Dreck,-
A tutt ‘n greulich schinden !

“Ei jeder Baude sitzt De rim,
A jedes Madel faßt De im,
Und sauffst aus jedem Fasse;
Du tust und läßt, was Dir gefällt,
Beanspruchst viel und hust kee Geld,
Nee, bluß ‘n gruße Frasse !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A stißt ‘n mächtig ver a Bauch,
Und zieht ‘n on a Loden auch,-
Und tutt ‘n greulich schinden !

“Quatscht mich nich on mit Eurer Kunst,
Ich gleeb nich dron, se is bloß Dunst,
Die Schläsing, die hot Dichter;
Ihr salber macht nie was Gescheut’s,
Ihr habt - es is a wahres Kreuz -
bluß kritisches Gelichter !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A haut ‘n mächtig uff a Hutt,
Doß ihm och gleich die Nase blutt’,
Und tut’n greulich schinden !

“Der Hochmutsmantel steckt ei Euch,
Das ganze gruße Deutsche Reich,
Is Eich bluß stumme “Masse”,
Gelt, Ihr alleene Ihr habt Krien ?!
Berlin, Berlin, Berlin, Berlin !
Ihr siegt mit Eurer Frasse !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A buckt ‘n über seine Knie,
A haut ‘n mit sein’m Paraplute, -
Und tut ‘n greulich schinden !

“Die Barge hier sein Euch zu kleen,
Bluß Pfützen nennt Ihr meine Seen,
Und Tölpel meine Kinder;
Bluß ei Berlin is olles gruß:
Die Häuser, Seen und der Schmus,
Die Schafe und die Rinder !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A schlät ‘m sieben Zähne ein,
Und stißt ‘n ei ‘ne Pfütze nein;-
Und tut ‘n greulich schinden !

“Du Laps spielst Skat auf meiner Alm,
Bei Krach und Suff und Tabakqualm,
Sprichst schlä’sch zu Hohn und Spaße;
Und stellste mal das Schnarchen ein,
Da tus De Gassenhauer schrein
Mit deiner grußen Frasse !”
A schüttlt’n, a rüttelt’n,
A drückt, a zwickt, a zwippelt’n,
A bricht ‘n reen a Rückedroht
Und schlät ‘n bale mausetot, -
und tut ‘n greulich schinden.

A haut ‘n immer weiter fort,
Da spricht der: “Bitte mal ums Wort !
Det is ja bloß Jequassel;
Du brauchst Dich nicht mehr zu bemüh’n,
Ich bin ja jar nicht aus Berlin,
Ich bin ja aus - Jruß-Brassel ! (Breslau)
Du schüttelst mich, Du rüttelst mich,
Du drückst, Du zwickst, Du zwippelst mich,
Du wirffst mir’n große Fresse vor,
Und dennoch stamm’ ich alter Tor
Aus Deiner lieben Schläsing !”

Do wird der Berggeist käseweiß
Und stieht als ormer Taperkreis
Und macht a tumm Gesichte.
Dann spricht a: “Ormer lieber Schlunk,
Ich bitt’ Dich um Entschuldigung,
Das is ‘ne Saugeschichte !
Ich grame mich, ich schame mich,
Ganz äselsdumm benahm ich mich;
Da hust De eenen Beutel Guld,
Denk ock: A hot’s nich su gewullt ! -
Ich tu blamiert mich drücken!”

Und wie a furt, der Rübezahl,
Der andre lacht mit eenemmal
Aus ganzer vuller Lunge:
“Ja, ja, Berlin, Berlin, Berlin !
Wer hat bewiesen wieder Krien ?
Ich echt Berliner Junge !”
A lacht, daß von a Bergen rullt,
A zählt senn grußen Heffen Guld,
Dann gieht a in a Baudenhaus
Und praßt und schlemmt ei Saus und Braus
Und hot ‘ne gruße Frasse ! - -

EPILOG AN DIE BERLINER:

Ich bin a schläscher Dichtersmonn,
Der sich’s hier nicht verkneifen konn,
‘n Epilog zu sagen:
Do ich geschnauzt su ferchterlich,
Do tu ich mei Läbtage nich
Mich nach Berlin hin wagen.
Sunst drückt ihr mich und zwickt ihr mich
Und schüttelt, rüttelt, zwippelt mich,
Und schreit mir ei die Uhren straks:
“Du Usinger, Du frecher Dachs,  (Schlesier)
Hust salber ‘n gruße Frasse !