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(Zielona Gòra)
Grünberg - Umland
DER GRÜNBERGER WEINBAU
Auszug aus dem Buch "Weinbau in der Niederlausitz" (regia
verlag, Cottbus 2004)
von Arielle Kohlschmidt
Schauen wir nun Mitte des 19. Jahrhunderts ins benachbarte,
schlesische Grünberg (Zielona Góra). Nördlich und südöstlich der Stadt
liegen in der Herbstsonne wie eh und je die vielen abgeernteten Weinberge.
Die stolzen Zahlen: 5.500 Morgen Weinland (ca. 1.375 ha), durchschnittlich
35.000 Eimer (2.357.600 l) Wein und 150.000 Kg Traubenexport. Von
Niedergang keine Spur. Ganz im Gegenteil. Ein großes Weinlesefest wird
gefeiert. Hauptattraktion auf dem Umzug: Eine Riesentraube, die aus vielen
kleinen Trauben zusammengesetzt wurde. Geschmückte Bauernwagen ziehen
vorbei. Ihr beliebtestes Motiv: Ein am Galgen hängender Traubendieb. Es
gibt etwas Besonderes zu feiern. Auf der Pariser Weltausstellung wurde der
Grünberger Sekt als einziger deutscher Schaumwein mit einer Medaille
geehrt. Zu danken ist das alles dem Kaufmann C. S. Häusler, der schon 1823
in Hirschberg (Jelenia Góra) seine ersten Experimente zur Herstellung von
Champagner durchgeführt hatte. Das war damals nämlich noch eine explosive
Angelegenheit mit so manchem von Glassplittern Verletzten. Ein paar Jahre
später konnte er den ersten deutschen Sekt als französischen Champagner
verkaufen. Den Franzosen sehr zum Ärger, aber er soll seinem Vorbild alle
Ehre gemacht haben. „Wir wollen zu Weine gehen“ hören wir es nun von
allen Seiten. Einen Grünberger Bürgerschank kann man sich nach alten
Beschreibungen so vorstellen: An einem Bürgerhaus hängt ein Weinkranz im
Giebel. Hier ist heut´ Bürgerschank. Alles drängt in die Wohnstube hinein:
Freunde des Bürgerwirtes mit Frauen und Kindern und Fremde. Jeder bekommt
prompt ein Viertelliterglas 2-jährigen auf den Tisch gestellt. „Hier kennt
man keine Standesunterschiede“ sagt die Wirtin stolz und reicht den
Fremden mit Schmunzeln die „Grünberger Weinkarte“: Drei Sorten stehen zur
Auswahl: Schuljungenwein - ein bisschen scharf, dient in der Schule als
Zuchtmittel. Dreimännerwein - ein borstiges Zeug, wer ihn trinken soll,
dem halten zwei den Kopf fest, während der Dritte ihm den Trunk eingießt.
Und Maschenwein – erspart das Stopfen, er zieht die Strumpfmaschen durch
seine Säure zusammen. Etwas verängstigt schaut sich einer der Fremden
um. Die Leute haben ihr mitgebrachtes Abendbrot ausgepackt und trinken
munter diesen übel beleumundeten Wein. Er lässt sich nach Empfehlung des
Hauses Dreimännerwein bringen. Die Wirtin setzt sich zu ihm. Sie stoßen
an. Der Wein ist feurig, voll, angenehm und zart, ja völlig säurearm. Der
Fremde ist erstaunt. So ist es immer, sagt die Wirtin. Es gibt einfach zu
viele Spottgedichte auf unseren guten Grünberger. Aber als Schlesier lacht
man darüber und freut sich seines Weines. Dann erzählt sie: Den Weinbau
gibt es in Grünberg schon seit mehr als 750 Jahren. 1314 überlebten die
Grünberger die Pest, weil sie einen Sommer lang in die Weinberge
flüchteten. Es gab schlechte und gute Jahre wie überall. Vom Jahr 1484
erzählt man sich immer noch gern. Da war die Ernte so reichlich, dass man
für ein großes leeres Fass den Inhalt eines vollen hingab. Dennoch musste
man sich allzu oft sorgen. Deshalb haben sich die Grünberger etwas
einfallen lassen: Sie „lesen Wein und Wolle“. Das heißt, dass viele neben
dem Weinberg noch Schafe halten und die Wolle an ihren Webstühlen
verarbeiten. Die Verbindung von Handwerk und Weinbau hat sich als äußerst
günstig erwiesen. In guten Weinjahren bringt sie Wohlstand, in schlechten
schützt sie vor Hunger. In der letzten Zeit hat sich vieles zum Guten
verändert in Grünberg. Vereine zur Förderung des auch in Schlesien im
argen liegenden Weinbaus wurden gegründet und fortan trennte man die
weißen von den roten Trauben. Die Zeit des Schillerweins, der aus blauen
und grünen Trauben gepresst wurde und zwischen hellgelb und rot
„schielte“, war vorbei. Qualität musste es sein, wollte man sich gegen die
Konkurrenz durchsetzen. 1828 führte man das „Gallisieren“ ein. Wenn der
Most zu sauer war, setzte man einen Teil Zuckerwasser hinzu. Das brachte
ganz hervorragende Ergebnisse. 1854 wurde von Kunstgärtner Eichler ein
Versuchsgarten für Obst, Gemüse und Wein angelegt, in dem auch künstliche
Düngemittel ausprobiert werden. Die Wirtin schaut auf. Ein Grünberger
verteilt einen Schinken und Brote großzügig an die vielen Gäste. Die
Wirtin lacht plötzlich laut und droht scherzend mit der Faust: Schinken
und Brot hatte der freundliche Mann aus ihrer Speisekammer gestohlen. Aber
im nächsten Jahr wird sie´s vergelten. Wenigstens hat ihr keiner der Gäste
einen Tisch auf den Schornstein gestellt... Kleinere und größere Scherze
haben beim Bürgerschank Tradition. In Grünberg ging der Weinbau bald
nach dem II. Weltkrieg ein. Im letzten Jahr nahm man die alte Tradition
wieder auf. Ein großes Weinfest, mit einem von Bacchus geführten Festzug,
feiert man schon seit den 50er Jahren an jedem ersten Wochenende im
September.

Weinlese um 1910
http://www.neisse-nysa-nisa.de/Zielona-Gora-Weinbau.htm
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