Die Jugend    Freund Kuba    Die Flucht    Zwangsarbeiter

 

Mein Elternhaus

 

 

 

Was mich das Leben gelehrt hat?
Als Deutscher, als Eingeborener darf man kein Mitleid erwarten. Von niemandem. Ähnlich einem verwundeten Raubtier. Niemals um Hilfe bitten! 
Nicht jammern! Nicht weinen! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!

Ich bin im Jan. 1941 in Hindenburg O/S, Kampfbahnallee 53 (bis 1937 Sosnitzaer Straße, heute Roosevelta), geboren. Wo liegt Hindenburg O/S? 
In Oberschlesien. Nach Osten hin, fast waagerecht von Mainz aus. Hindenburg war nach dem Plebiszit 1921 die südöstlichste Stadt  Deutschlands.

 

Hindenburg O/S. Kampfbahn-Allee
Hindenburg -Oberschlesien. Die Kampfbahn-Allee

 


Unsere Nachbarn, Haus-Nr. 53 (Adressbuch 1938)

(Plebiszit von 1921. Übrigens: Die pol. Seite hat verlangt und durchgesetzt, dass nur in Oberschlesien geborene an der Abstimmung teilnehmen dürfen. Der vermeintliche Vorteil, wurde für die pol. Seite zum Nachteil. Nach dem Ersten Weltkrieg sollten nach dem Versailler Vertrag Teile des Grenzverlaufs zwischen Polen und Deutschland per Volksabstimmung geregelt werden.

Auf betreiben der fr. Regierung wurde
Oberschlesien geteilt, in Deutsch - Oberschlesien und Polnisch - Oberschlesien (in Ost-O/S und West-O/S). Bis dahin haben Deutsche und Polen in Frieden und Freundschaft zusammen gelebt. Durch diese drei "Schlesischen Aufstände" (1919 - 1921) kam Hass auf! Frankreich hat den Hass nach OS gebracht. Ab etwa 1865 sind viele polnische Fremdarbeiter nach Ost-O/S eingewandert. Um 1900 bildeten sie sogar die Mehrheit der Bevölkerung dort. Bis zu diesen "Aufständen" (heute sagt man: "Terroristische Angriffe", siehe Nord-Irland, das Baskenland und andere), war Oberschlesien neben Preußen ein Musterbeispiel für funktionierendes Multikulti.
Ohne Volksabstimmung und unter Protest seiner Bevölkerung wurde 1920 das wegen seiner Steinkohlevorkommen wirtschaftlich bedeutende 286 km² große Hultschiner Ländchen der Provinz Schlesien an die Tschechoslowakei abgetreten. Das Gebiet wurde zwei unterschiedlichen Verwaltungsgebieten zugeteilt, bis auf zwei, werden alle deutschen Schulen geschlossen.

(
Es war eine Provokation Deutschlands und die Teilung Oberschlesiens widerrechtlich. Diese Provokationen gingen weiter, sogar bis ins Jahr 1967. (9.9.1967 besucht de Gaulle Hindenburg. Er sagt dabei: /Zabrze ist die schlesischste Stadt Schlesiens und die polnischste Stadt Polens/. 
Wie viele Städte hat er denn verglichen? Wie viele gesehen, um einen solchen Vergleich anzustellen? Es war, es sollte sein: PROVOKATION !
"
niech żyje Zabrze, najbardziej śląskie ze śląskich miast i najbardziej polskie z polskich miast" 

Die Einstellung Frankreichs zu Polen
Umso größer wir Polen auf Kosten Deutschlands machen, umso sicherer können wir sein, daß Polen Deutschlands Feind bleiben wird. --- Polen soll einen breiten Korridor mit Danzig erhalten, außerdem einen Streifen Ostpreußens und ganz Oberschlesien. 
Die Einstellung der Polen zu den Deutschen, verdeutlicht dieser Spruch: 
"Póki świat światem, nie będzie Polak Niemcowi bratem". Übersetzt:
"So lange die Welt besteht, so lange wird sich der Pole mit dem Deutschen nicht verbrüdern

(
"Die mit Inkrafttreten der Genfer Konvention am 15.06.1922 vollzogene Teilung Oberschlesiens zerschnitt das dicht besiedelte Industrierevier aufs empfindlichste und schuf trotz der Bestimmungen der Konvention schwierige wirtschaftliche und soziale Probleme. Der wertvollste Teil des Industriegebietes fiel an Polen: 53 der 67 Steinkohlengruben, etwa 9/10 der Kohlenvorräte, 11 von 16 Zink- und Bleierzgruben, der größte Teil der Bleierzvorkommen, alle Blei- und Zinkhütten und damit auch die Schwefelsäurefabriken, alle Eisenerzgruben, fünf von acht Eisenhüttenwerken (mit 22 von 37 Hochöfen, 2/3 der Roheisenproduktion). Am 9.07.1922 übernimmt die deutsche Verwaltung wieder den Deutschland belassenen Teil des Abstimmungsgebietes. In einer Abstimmung vom 3.09.1922 sprechen sich über 90% der Oberschlesier für ein Verbleiben Oberschlesiens bei Preußen aus; nur eine Minderheit verlangt ein eigenes Land Oberschlesien innerhalb des Deutschen Reiches."
Pariser Vorortverträge: Ende des 1. WK, am 28.07.1919 unterzeichnet.
Das Deutsche Reich soll allein schuld gewesen sein. Gebietsverluste an Polen: Westpreußen und Ost-Oberschlesien (nach Abstimmung). Millionen von Deutschen lebten nun in Polen. Der amerikanische Journalist Henry Louis Menken, der 1938 diese Gebiete besucht hatte, schrieb: "Polen konzentriere sich darauf, die Deutschen Bürger auszuplündern und zu unterdrücken". Zu diesem Zwecke ist Polen 1934 aus dem Abkommen mit dem Völkerbund zum Schutz der Deutschen Bevölkerung ausgestiegen. 
Der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen ging von Polen aus, von den Franzosen geschürt.
MELDUNG:  29.06.1922  /  Bei Zusammenstößen mit französischen Besatzungstruppen werden in der oberschlesischen Stadt Hindenburg  20 Menschen getötet. Anlass waren Aktionen deutscher Jugendlicher gegen die Besatzungstruppen.

 

Zuwanderung nach Schlesien

Die neue Grenze wurde willkürlich mitten durch Bauernhöfe und mitten durch Dörfer gezogen. Es kam vor, dass die Stallungen hinter der Grenze lagen, in Polen, das Wohnhaus dagegen in Deutschland.
Die Heimatstadt unserer Eltern, Ruda O/S, wurde zum "Ausland". Unsere Sippschaft ist nach Hindenburg, nach Deutschland gezogen, wurde vertrieben.

Nichts ist endgültig geregelt,
es sei denn, es ist gerecht geregelt (B. Franklin)
Actio recta non erit, nisi recta fürit!
 (
Eine Handlung ist nicht richtig, wenn ihre Absicht nicht richtig gewesen ist!)

Die Abstammung

Stammlinie Hajduk

Man kann sagen, dass unsere Familie (Hajduks) zwei mal vertrieben worden ist. Nach 1922 und dann nach 1945. Die Großeltern, mit ihrer Schuhmacherwerkstatt (Wohnung: Ruda O/S, Hindenburgstraße 18). Unsere Schwester ist noch in Ruda geboren. Unser Bruder Heinz "im Exil", bei Onkel Rufin und Tante Gela (Angela), auf dem Land (in Liebenhain Krs Groß-Strehlitz). Der Autor dann schon in Hindenburg O/S. Opa Rathay ist etwa 1918 nach Hindenburg gezogen.

Großeltern Martin Hajduk
Martin Hajduk, Philomene Hajduk, geb. Opiolka

Großvater Martin Hajduk, vor seiner Werkstatt in Ruda OS
Ur-Großvater Martin Hajduk (*1858),  vor seiner Werkstatt in Ruda O.-S., Hindenburgstraße 18


Familie Martin Hajduk komplett. Heirat von Edmund (?) (Mutter: das Mädchen vorne)
Opa Martin (*1858), Oma Philomene (*1857).
Kinder: Gertrud (*1883), Alfons (*1885), Alois (*1887), Paul (*1889), Marta (*1891),
Richard (*1894),  Valerie (*1897), Edmund (*1898), Angela (*1900), Helene (*1905)-als Kind, vorne

Stammlinie Rathay

Die Familie Rathay

Auch Droschkau wurde nach 1920 polnisch. Unser Opa zog um, aus Niederschlesien nach Oberschlesien, nach Biskupitz-Borsigwerk.

So haben beide Zweige, Hajduk und Rathay, zwei Vertreibungen erlebt. Nach 1920 und nach 1945

Von Mainz nach Hindenburg O/S  

 

Mainz

Hindenburg O/S

Lage:                  50,00 N / 8,16 E

50,18 N / 18,46 E

Fläche:                        97,8 qkm

80,5 qkm

Einwohner (ca.):        202.000  

  200.000

Auf dem 50. Breitegrad liegen:
Mainz (Deutschland)
Wittlich (Deutschland)
Lizzard Point (Südengland)
Portage la Prairie (Kanada)
Ulan-Gom (Mongolei)
Kharko (Ukraine)

Mainz - Hindenburg O/S (heute Zabrze)

Entfernung Luftlinie

752 km

Entfernung Autobahnen

836 km

Die Gemeinde Hindenburg war bis 1915 mit über 60.000 Einwohnern, das größte "Dorf" Europas. Dieses Dorf hieß "Zabrze" (erste Erwähnung um 1305: "Sadbre sive Cunczindorf", "Sadbre" kommt aus dem lat.). 1915 wurde Zabrze zu Gemeinde und in Hindenburg O/S umbenannt. 1922 bekam die Gemeinde Hindenburg O/S die Stadtrechte verliehen. Die Stadt Hindenburg O/S hat nie Zabrze geheißen (erst ab Mai 1946).
Die Kronprinzenstraße ist wahrscheinlich die längste Straße Europas. Auf jeden Fall, ist sie mit 9,5 km die längste Straße im heutigen Polen. Angelegt etwa 1880 zu einer Prachtstraße, mit prächtigen Bürgerhäusern, verläuft sie von West nach Ost, etwa parallel zu der Reichsautobahn
(Geschichte), die eine Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und Oberschlesien sein sollte.

Das Dorf Zabrze - Kronprinzenstraße
Kronprinzenstraße

Im Umkreis von etwa 600 km, finden sich folgende Hauptstätte:
Berlin, Preßburg, Budapest, Prag, Warschau und Wien.

Hindenburg, Stadt der Gruben und Hütten

Die Reichsautobahn, von Hitler gebaut, gedacht vom Ruhrgebiet nach Oberschlesien, nicht fertig gestellt, war bis in die 90 Jahre neben der "Berlinka", die einzige Autobahn Polens.

Ca. 1790 wurde eine Steinkohlengrube, in damals Zabrze, errichtet. Sie wurde Anfang 1800 zu der größten Grube der Welt, mit ca. 9.500 Bergleuten und einer Fördermenge von fast 3.5 Mio. Tonnen Kohle jährlich. Sie wurde "Königin-Luise" getauft. August Borsig, der in Hindenburg- Nordost (Biskupitz) die Arbeiter-Siedlung Borsigwerk errichten ließ, gründete die "Hedwigwunsch" Grube, "meine" Grube. Sein Sohn Albert gründete eine Eisenhütte mit zwei Hochöfen. Später noch ein Walzwerk.
1867 kam die Grube "Ludwigsglück", auf der unser Vater später gearbeitet hat, und 1876 die Grube Borsig. 1872 wurden die ersten Siemens Martin-Öfen in Betrieb genommen die aller ersten in Deutschland

Ich kann mich kaum an meine Eltern erinnern. An meine Großeltern habe ich gar keine Erinnerung.
 
Die Großeltern

Mütterlicherseits:
Opa Martin Hajduk aus Ruda O/S, Hindenburg Str.18, Schumachermeister mit eigener Schusterwerkstatt, katholisch.
Oma Philomene (geb. Opiolka).

Sie hatten 10 Kinder:
Gertrud (1883), Alfons (1885), Alois (1887), Paul (1889), Marta (1891),
Richard (1894),  Valerie (1897), Edmund (1898), Angela (1900), Helene Karoline (1905)

Wohnung: Ruda O.-S., Hindenburgstraße 18.

"Zur Erinnerung an den Feldzug im Westen" - Onkel Edmund
Onkel Edmund - Feldzug im Westen


Väterlicherseits:
Opa Heinrich Robert Rathay (Maschinenarbeiter) aus Droschkau NS, evangelisch.
Oma Hedwig Caroline-Mathilde Unverricht.
Heirat am  17.07.1893, Borsigwerk, Standesamt III, Reg. 27/1893. Oma aus Deutsch-Lauden.

Sie hatten 6 Kinder: 
Ernestine, Elfriede, Wilhelm, Georg (1902), Margarete und ein Mädchen das als Kind verstorben ist.
Abstammungsorte:
Kreisewitz, Groß-Lauden, Himmelwitz, Ruda OS, Kottulin

 

Mikler: Tante Elfriede und Onkel Max
Tante Elfriede mit Onkel Max Mikler


Die Gertrud Hajduk hat sich einen Skandal geleistet. Sie ist den Liebesschwüren eines jungen Zahnarztes, aus einer reichen jüdischen Familie erlegen. Er, der reiche Zahnarzt, versprach ihr neben der ewigen Liebe auch die Ehe. Als sie schwanger wurde, stimmte plötzlich alles nicht mehr. Kein Wort mehr von Liebe. Mein Cousin Paul wurde geboren (19xx). Die jüdische Familie hat die Alimente auf einmal, für 18 Jahre im Voraus,
In GOLD, ausgezahlt. Jetzt rissen sich alle um das uneheliche Kind Paul. Wer den Paul hatte, hatte auch die Hand auf dem Mündel- Gold. Es war um so mehr wert, als damals Papier- Geld immer mehr an Wert verlor. Tante Gertrud hat dann den Bonk geheiratet und bekam zwei weitere Kinder (Erna und Erich).
Sie hat Selbstmord begangen (17.05.1921), offiziell hieß es: Blutvergiftung.
Opa Martin Hajduk übernahm das Mündel-Gold und den Paul und hat ihn zum Schuhmachermeister ausgebildet. (Zum Paul später mehr.)

In Ruda O/S. Hochzeit Paul Hajduk

Die ganze Hochzeitsgesellschaft
   
Hochzeit (Cousin) Paul Hajduk und Anni Stuchlik (Ein Teil der Gesell.). Rechts die Nachfeier
Linkes Bild: Charlotte, Tante Valy, Onkel Viktor, Tante Gela, Mutter und Vater (neben Paul, Opa Hajduk)

Inflationsgeld von damals

100.000 RM - dafür gab es ein Brot zu kaufen        


 


(Diese Scheine befinden sich in meinem Besitz.)

 
1929,
als Folge der Deutschen Reparationszahlungen und des, durch US-Finanz-Verbrecher verursachten  Börsenkrachs an der New Yorker Börse vom Oktober, er war auch die Folge von Überproduktion und kreditfinanzierter Massenspekulation, kam die Depression. Der Verkauf von über 16 Millionen Aktien am 24.10.1929, dem Schwarzen Donnerstag, ließ den Amerikanischen Aktienmarkt zusammenbrechen. Dies führte zu einer Umkehr der Finanzströme. Gelder, die in den Jahren davor in andere Volkswirtschaften investiert worden waren, wurden überstürzt abgezogen. In vielen europäischen Staaten und in anderen Staaten der Welt löste dieser Kreditabzug schwerste wirtschaftliche Krisenerscheinungen aus. In der Kette der Ereignisse kam es unter anderem zu Massenarbeitslosigkeit und einem massiven Rückgang des Welthandels durch protektionistische Maßnahmen.

In dieser schweren Zeit, (1931 bis 1933, 6 Millionen ohne Arbeit, ohne Unterstützung, angespartes Geld nichts wert) wurde auch unser Vater arbeitslos. Die Familie ist nach Liebenhain gezogen, dort hat Vater mit seinem Schwager, dem Onkel Rufin im Wald gearbeitet. Unser Bruder Heinz ist dort, in Liebenhain geboren. Es war ein so strenger Winter 1932, dass mit der Taufe gewartet werden musste, bis zur Kirche in Himmelwitz waren etwa 5 km zurückzulegen. 


In Liebenhain. (?), Mutter, Tante Gela, Onkel Rufin, am Radio Vater.

        

Bild links: (?), Mutter, Tante Gela (auf diesen Korbsesseln  habe ich auch gesessen).
Das Haus, eins der ersten Häuser in Liebenhain, mit Wildem Wein zugewuchert.
Bild rechts: Onkel Rufin (mit Rita, meine Mutter, Ingrid, Dieter?). Hinten Vater, Tante Gela.
An Onkels Hose, die "Knickerbocker" kann ich mich gut erinnern.

Onkel und Tante sind viel gereist. Sie waren auch in Holland, von dort brachten sie als Erinnerung ein Paar Holzschuhe mit, die "Klompen". Mein geliebtes Spielzeug. Onkel Rufin lachte immer, wenn ich mit den riesigen Klompen durch den Hof geschlürft bin.


Unsere Eltern sind nicht mehr zurück nach Ruda O.-S., es war zum "Ausland" geworden, sondern sind 1934 in die neugebauten Häuser in der Kampfbahnallee nach Hindenburg gezogen. Opa Rathay ist bereits 1918 nach Hindenburg gezogen.
Ab 1934 wurde alles besser! Es gab wieder Arbeit, es ging aufwärts. Vater konnte auf dem Holzplatz der Grube "Ludwigsglück" eine Anstellung finden. Er hat sich bis zum Aufseher "hochgearbeitet": "Mehr kann ich dir nicht bieten, Helene" sagte er zu Mutter.

Laut "Einwohner-Adressbuch Hindenburg O/S 1938", wohnte die Familie

                                      

Ratay,   Georg, Former, Kampfbahnallee 53, heute  ul. F. Roosevelta. Mein Vater, Sohn von
Rathay, Heinrich, Invalide, Talstraße 10, heute ul. J. Lelewela und
Rathay, Wilhelm, Büroangestellter, Ernststraße 20, heute ul. Władysława IV. Bruder meines Vaters.



Ich habe mich oft gefragt, was meine Eltern bewogen hat, mitten im Krieg (1940) sich noch ein Kind zu leisten. Meine Mutter war katholisch, es gab aber immerhin eine 8 jährige Baby-Pause.  
Ich bin meinen Eltern dankbar für das mir geschenkte Leben. Trotz aller Widrigkeiten, die besonders diese "Befreiung", "fu_cking Liberation" (wirklich: Besatzung, Fremdherrschaft) mir beschert hat (heute weiß man, daß die wirkliche Befreiung Polens auf 1989 zu datieren ist (Schlesien wartet noch)), war es ein interessantes, durch Überlebenskampf geprägtes Leben. Wie Inhaltsleer, fad, unnütz, doch das Leben der heutigen, bundesrepublikanischen Jugend ist. Heißt es doch schon immer "Vivere militare est!" (Seneca).
 
Die Erinnerungen an meine Eltern sind untrennbar verbunden mit einer bösen Weihnachtsgans, einem Sturm-Gewehr, sowie einem Puddingtopf bei einer Nachbarin. Auch eine brennende Mülltonne und die Pockenimpfung spielen eine Rolle. So wie die Fliegeralarme und der Einmarsch der Rußen.

Vor der Wohnungstür. 1944
Peter U. Vor der Wohnungstür, 1944

 

Wir wohnten im 4. Stock, in einer 4 Zimmerwohnung mit Balkon, Kampfbahnallee 53 (heute F. Roosevelta, (früher Sosnitzaer Str.)), in Hindenburg O/S, unweit der St. Josephskirche, an der Hauptstraße nach Gleiwitz. 

In der St. Josephskirche wurde ich getauft. Unser Bruder war hier Ministrant.

In der Josephskirche wurde ich getauft       In der Josephskirche wurde ich getauft

 

Meine Familie

Meine Familie - Hochzeit
Familie Martin Hajduk, Heirat von (?)
Mutter, das Mädchen vorne.

Verlobung

In Ruda 1927 - Verlobung  Heirat in Ruda O.-S. (16.4.1928) Helene Karoline Hajduk und Georg Heinrich Rathay

  Mutter, Helene Karoline Hajduk, Vater Georg Heinrich Rathay
Verlobung, Hochzeit

     
Heirat in Ruda O.-S. (16.4.1928) Helene Karoline Hajduk und Georg Heinrich Rathay
Heirat in Ruda O.-S. (16.4.1928) Helene Karoline Hajduk und Georg Heinrich Rathay

1933, Mit Ingrid
Eltern 2.06.1930, mit Ingrid 1 Jahr

Mit Ingrid und Heinz (1.1.1933)
1.01.1933, und Heinz 1 Jahr

Mit Ingrd, Henz und Peter ( 2.1.1942)
2.01.1942, und Peter 1 Jahr

  (Ich bin meinen Eltern außerordentlich dankbar für diese Bilder.)

 

Vater mit Lehrling auf dem Holzplatz der Grube, 1944

Die Weihnachtsgans.
Diese Weihnachtsgans, lebend besorgt, sollte zu Weihnachten 1944 ihr  Leben lassen. So lange noch wurde sie in unserer Toilette gehalten und gemästet (Mästen war streng verboten).  

Diese Gans hat es auf mich abgesehen, sie war ein Stückchen größer als ich, der fast 4jährige, jüngster von drei Kindern. Ich hatte mächtig Respekt vor diesem Ungeheuer. Sie residierte hinter der Kloschüssel, von dort hatte sie eine gute Übersicht. Diese Weihnachtsgans war das letzte Festessen (mit Satt essen) auf Jahrzehnte hinaus.(1)  Es gab weiter Mohnklöße so wie Marzipanklöße, schlesische Spezialitäten, die unsere Mutter bereitet hat. Ich sehe meine Mutter die Marzipan-Klöße vorzubereitend, sie streut Kakao-Pulver drauf.

Nach diesem Weihnachtessen kam das Elend der "Befreiung" (Okkupation unserer Heimat Schlesien), es  wurde nur noch gehungert und gehungert. Mein Bruder war fast 13 Jahre alt, meine Schwester 15,5.

Mein Vater wurde nicht zu Wehrmacht eingezogen. Er war Grubenaufseher, von Beruf Former, auf der Grube unentbehrlich. Er hat bis Jan. 1945 auf der Steinkohlengrube "Ludwigs-Glück"  gearbeitet.. 
Vor Weihnachten 1944 hat er ein Volkssturm- Gewehr (Karabiner) nachhause mitgebracht. Wir haben uns mit diesem Gewehr hinter die Couch gehockt und Angriff- Abwehr gespielt. Das ist die einzige, schwache, sehr schwache Erinnerung an meinen Vater. Nach diesen Weihnachten 1944, genauer: nach dem 19.01.1945, hat niemand mehr von uns unseren Vater gesehen. Lebendig nicht und tot auch nicht. 
(2

Weihnachten haben die Eltern mit mir "Guckkuck" gespielt. Ich stehe hinter dem Türpfosten versteckt und rufe laut lachend "Guckkuck!". Das war das letzte unbeschwerte Lachen auf Jahrzehnte hinaus.

Fest in meiner Erinnerung ist das Impfen gegen Pocken verankert. Der Arzt hat mich gelobt, ich war das einzige Kind, das nicht geweint hat und meine Eltern waren stolz auf mich. Ich meine, mich an das Impfen selber zu erinnern. Pockenimpfen wurde am 8.04.1874 zu Pflicht, geimpft wurde kurz vor erreichen des 2. Lebensjahres! (1970 in Deutschland abgeschafft.)

"Die brennende Mülltonne" - es war eine Mülltonne aus Zink, in der irgendjemand ein Feuer abgebrannt hat. Diese Tonne wurde glühend heiß; ich wurde auf diese Tonne rittlings gesetzt. Auf einem Bein ist heute noch eine Handtellergroße Brandnarbe zu sehen.

Mein Bruder sollte auf mich aufpassen. Als seine Freunde ihn riefen, er soll mit ihnen durch die Felder ziehen, nahm er mich kurzerhand mitsamt Kinderwagen mit. Einige Male haben die Jungs mich unterwegs verloren. Ein anderes Mal, beim Baden im See, fiel ich Kopfüber ins Wasser. Irgendjemand konnte mich grad noch so, an der Windel zupackend herausziehen.

Unsere Nachbarin Frau Jontschyk, hat mich in ihre Küche geholt, auf den Tisch am Fenster gesetzt und ich durfte den Puddingtopf auslecken. Mit Frau Jontschyk haben wir unseren Balkon geteilt. Im Treppenhaus Gegenüber wohnte die Familie Schütze mit dem etwa gleichaltrigen Joachim.

  Mit Joachim Schütze im Treppenhaus
Mit Joachim Schütze, vor der Wohnungstür

Zu Frau Schütze hat man sich folgende Geschichte erzählt. Zu Ostern wurden die Mädchen und jungen Frauen, je nach dem, entweder mit einem Eimer Wasser (reinigendes Osterwasser), oder mit einigen Spritzern teuren Parfüms überrascht. Als unser Bruder Heinz noch nicht richtig sprechen konnte und ein paar Spritzer Parfüms Frau Schütze verehrt hat, fragte er Monate später: Frau Schütze, Jiicht das bepitschte noch?"

Weiter sind in meinem Gedächtnis eingebrannt die Fliegeralarme: "Schnell, schnell, runter in den Keller, die Bomber sind da". Es herrschte eine fürchterliche, angst- durchsetzte Atmosphäre. Wir mussten die 4 Stockwerke runter rennen, um im Keller Schutz zu suchen. Und das im Dunkeln, denn es herrschte Verdunkelungspflicht. Später blieben wir einfach im Keller wohnen, im Waschraum, zusammen mit anderen Familien. Bei einem bestimmten Flugzeugtyp habe ich heute noch, fast 60 Jahre danach beklemmende Gefühle, bzw. Alpträume. Zum Glück flogen diese Bomber, es waren viermotorige Maschinen ("Fortress", "Liberator"), über Hindenburg hinweg. Bombardiert wurden  die Synthesewerke in Heydebreck so wie die Treibstofflager dort. Aus dem Ruhrgebiet wurden erst kürzlich Spezialmaschinen hergeholt. Diese fielen dann den Rußen in die Hände. Möglich wurde die Bombardierung Oberschlesiens erst, nachdem Italien die Fronten gewechselt hat. Anfang Juni 1944 wurde Rom besetzt und auch die nördlichen Flugfelder dort. Bis zum 6.07.1944 war Oberschlesien der "Luftschutzbunker Deutschlands". Am 6.07.1944 fielen die ersten Bomben englischer Geschwader auf die Hydrierwerke bei Blechhammer, auf die Stickstoffwerke (der IG-Farben), so wie die Treibstoff-Synthese-Anlagen. Es wurden dort monatlich 50.000 Liter Treibstoff produziert.

Von Italien aus war Oberschlesien für diese Maschinen erreichbar geworden. Hindenburg O/S wurde nur wenig (etwa zu 8 %) zerstört. Die Arbeit in den Gruben war zur keinem Zeitpunkt unterbrochen. Obwohl die Schäden so gering waren, die Stadt Mainz war z.B. zu 80 % zerstört, haben es die neuen Herren nicht geschafft: 60 Jahre nach dem Krieg, sind immer noch Kriegsschäden sichtbar (die jetzt mit EU-Geldern beseitigt werden).

Das rascheln und rattern der Panzerketten auf den Straßen und die Angstschreie: "Die Rußen sind da, die Rußen kommen", ist ein weiteres Kriegsgeräusch, das fest in meine Seele eingebrannt ist. Unsere Schwester wurde als "alte Frau" verkleidet, mit Kohlenstaub wurde ihr Gesicht geschwärzt, um sie "unattraktiv" zu machen. Es war naiv, denn die Rußen haben die Frauen "genommen", egal ob Kind oder alte Frau, egal, ob hässlich oder hübsch. Und immer zu Mehreren, entwürdigend. "Frau, komm!", war der Fluch, das Schlimmste, was ein Mädchen, was eine Frau damals hören konnte. Sie benutzten die Frauen, wie man heute die Gummipuppen von Beate Use benutzt. So wie man heute den Stöpsel aus diese Gummipuppe nach Gebrauch zieht und die Luft herauslässt, so ließen die Rußen die Seelen dieser Frauen (oft durch Kolbenschlag oder Gewehrkugel) heraus.

Besonders tragisch für die jungen Mädchen, wohlbehütet, noch nicht aufgeklärt, noch Jungfrau. Es war die brutalst-mögliche sexuelle Aufklärung, durch gleich mehrere Rußen (Sowjets, ich hoffe, es waren nur wenige Rußen dabei) nacheinander und öffentlich. Wie die Tiere, waren sie, die Rotarmisten. Nein, Korrektur, nicht wie die Tiere. Dieser Vergleich würde die Tiere beleidigen. Sie haben gewütet, wie die Tataren, zu Zeiten des Mongolen Dschingis Khan.

(Dschingis Khan: 
"Das höchste Glück des Mannes ist, seine Feinde zu zerschlagen, sie vor sich herzujagen, ihnen all ihren Besitz zu entreißen, in Tränen die Wesen zu sehen, die ihnen teuer sind und ihre Frauen und Töchter in seine Arme zu drücken.")

Heute wird von "Rache" der Sowjets gesprochen. "Die Sowjets haben Rache geübt". Das müssten mir aber unsere Linken Gutmenschen noch erklären.
 (Wie ich von verschiedenen Seiten gehört habe, waren im Westen die GI -"Befreier" nicht wirklich besser. Die Schwarzen konnten "Rache an der Weißen Frau" üben. Daheim, in den Staaten, durften sie eine Weiße nicht mal direkt anschauen - jetzt konnten sie die weißen Frauen und Mädchen, nach belieben "nehmen" - und das taten sie denn auch. Etwa 100.000 Kinder von schwarzen Vergewaltigern wurden abgegeben. Vergewaltigte Frauen durften die US-Brut an Sammelstellen abgeben.) (Siehe Artikel: Rheinischer Merkur, Nr. 28/2009, Seite 20. (Politisch korrekt geschrieben). Die anständigen GI`s, die es auch gab, sehen das so: Roman „Last of the Conquerors“ ein schwarzer Unteroffizier sagt in diesem Roman:

„Weißt du, was ich gelernt habe? Dass ein Nigger nicht anders ist als alle anderen Menschen auch. Ich musste hier herüber kommen, um das zu lernen. Ich musste hierher kommen und mir das von den Nazis beibringen lassen. Das wird uns zu Hause – im Land der Befreier – nicht beigebracht.“

Der Unterschied zu Wehrmacht, wie ich den sehe: die "Verbrechen" der Wehrmacht waren die sog. Kolateralschäden, wie später durch die USA  in Vietnam, in Serbien, in Afghanistan, heute in Irak oder in Palästina. Es war im Krieg! Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die wirklich schlimm waren, waren Strafaktionen nach Überfällen verübt von Terroristen (damals nannte man sie "La Résistance" bzw. "Partisanen"). Den Partisanen waren die Konsequenzen ihres Tuns sehr wohl bekannt. Sie haben bewusst den Tod ihrer Landsleute in Kauf genommen. Diese Strafaktionen bleiben aber trotzdem ein Verbrechen. Israel führt ähnliche Strafaktionen nach einem Selbstmord-Attentat durch. Wie auch die Besatzungstruppen in Irak, nach einem Bomben-Anschlag. Ich sehe da keinen Unterschied. (Zum B. am 19.01.2004 Bombardierung von Libanon, als "Rache". Ist das kein Verbrechen ?).

Die Rußen sind über Gleiwitz, am 23.01.45 Gegen 14:00 Uhr (Gleiwitz: < 200.000 E.) gekommen. Der Hass hat sich dort entladen. In Gleiwitz haben die Sowjets gewütet wie die Wilden. Vergewaltigt wurde alles, was weiblich war: Kind, Mädchen, Frau, Greisin. Die Vergewaltigten sollten sich in den Krankenhäusern melden, dort wurden spezielle Dienste eingerichtet. Es gab Scheiden-Spülungen, sie konnten so den Sowjet-Schmutz aus dem Körper waschen. Eine "postkoitale Empfängnisverhütung". Die Mädchen hatten schlimme Verletzungen erlitten.  Viele haben diese schlimmen Vergewaltigungen nicht überlebt. Es wird von einem Mädchen berichtet, das 128 Mal vergewaltigt worden ist (die Familie hat gezählt). Die Sowjets standen Schlange, wobei die ungeduldigen, den, der dran war an der Hose zogen: "Mach´ mal, ich will auch noch". Nach dem 15 Rußen ist sie ohnmächtig geworden. Die Familienmitglieder haben gezählt, wie oft sich die Rußen bedient haben. 

In Hindenburg, in den südlichen Vororten, wurde alles, was sich auf den Straßen befand erschossen. Auch der Onkel Viktor, der von der Arbeit mit einem Arbeitskollegen nachhause unterwegs gewesen ist, (beide durch Genickschuss!). Tante Valy (Valerie) ist ihn suchen gegangen, nach dem er von der Arbeit nicht nachhause gekommen ist. Sie wusste nicht, wurde er verschleppt, wie sein Schwager? Nach ca. einem Monat, also etwa im Februar/März, als die Schneeschmelze eingesetzt hat, etwa auf dem halben Weg nachhause sah sie aus dem Schnee im Straßengraben einen Arm herausragen. Als wollte der Onkel zeigen, "hier liege ich". Sie hat den steif-gefrorenen Onkel Viktor auf einen Karren geladen und nachhause gefahren. Es gab absolut keinen Grund, den Onkel und seinen Arbeitskollegen zu ermorden.

Er war zur falschen Zeit, am falschen Ort. Er wurde einfach so abgeknallt, wie man einen Hasen schießt. Bum, und eine Witwe mit einer Halbwaise waren da. Bum, und unsere Cousine Charlotte wurde zu Halbwaise. An diesem Tag ist Onkel Viktor einen anderen, wie er meinte sicheren Weg nachhause gegangen. (Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis Tante Valy den Onkel Viktor gefunden hat. Sie ist nacheinander alle Wege abgegangen, die man gehen konnte, um von Onkels Arbeitsstätte nachhause (Borsig-Werk) zu gelangen.) Er hat sich geirrt. Bei Anna-Segen (eine Siedlung, "Anfang" Biskupitz, Borsigwerk war "Ende" Biskupitz) hat ihn die Russenkugel ereilt - Genickschuss!. Wer weiß, er wäre sonst verschleppt worden, vielleicht wurde ihm ein Schicksal erspart, das seinen Schwager, unseren Vater voll getroffen hat. Er wurde in ein sowjetisches Vernichtungs-Arbeitslager verschleppt. Von der Straße weg; und 2,5 Jahre lang gefoltert

Das Zentrum der Stadt Hindenburg wurde zunächst nicht besetzt, die Sowjet-Armee zog weiter in Richtung Hindenburg-Südost. Dort stand der Rest der 17. Armee, die heftigen Widerstand leistete.

Die Brutalität, die in Gleiwitz gezeigt wurde, wurde später in Hindenburg noch übertroffen. Es wurde Vergewaltigt, Gemordet und Geplündert. Tausende Hindenburger Männer (16 bis 60 Jahre alt) wurden eingefangen und zu Zwangsarbeit verschleppt.
(Siehe Ausstellung im Museum Zabrze, in April 2005, bzw. das Buch: "Tragedia Śląska 1945", Zabrze 2005. ISBN:   83-88427-34-2)

Am sichersten hatten es noch die Soldaten an der Front. Der einzige Bruder meines Vaters, Onkel Wilhelm, hat den Krieg als Soldat gut überstanden. Ein Mal war er verschüttet gewesen und wurde gerade noch gerettet. Ihm wurde der Frieden, die "Befreiung" zum Verhängnis. Er kam in britische Gefangenschaft. Nach seiner Aussage wäre es ihm einigermaßen "gut ergangen", wenn er "den Mund gehalten hätte", wenn er sich "zurückgehalten hätte". Er wurde gefoltert. Onkel Wilhelm wurde 1950 aus der Gefangenschaft nach Westdeutschland entlassen. Er kam nach Kassel. Seine Familie, Tante mit Cousine Helga waren hinter dem "Eisernen Vorhang" in Oberschlesien, Sie wohnten in Biskupitz, Borsigwerk. Weder konnte er zu ihnen, noch seine Familie zu ihm, in den Westen kommen. Sie blieben getrennt. Irgendwann hatte er auch eine neue Partnerin und lebte mit ihr im schönen Häuschen, bis, ja bis 1957 seine Ehefrau mit meiner Cousine Helga vor der Türe standen. Wen sollte Onkel Wilhelm zurückweisen, die Freundin oder die Ehefrau? Zwei Frauen: Freundin und Ehefrau, das Trauma der 5jährigen Gefangenschaft bei den "Tommys", das war zuviel, Onkel Wilhelm hat sich für Selbsttötung (Erhängen) entschieden. Den krieg hat der Onkel einigermaßen überstanden. Der (falsche) Frieden wurde ihm zum Verhängnis. Leider hat Onkel Wilhelm nicht daran gedacht, was er seiner einzigen Tochter damit angetan hat.
 
Tante und Helga durften Oberschlesien verlassen. Cousin Helmut musste ein Jahr lang auf die Ausreise warten. Als Schikane haben die polnischen Behörden die Genehmigung zu Ausreise so lange hingezogen. Wir, die Autochthon, die verbliebenen Deutschen waren Sklaven der Polen. Das, was "politisch korrekt" heute als "Befreiung" gefeiert wird, war für uns Unterwerfung, Versklavung. Die Behörden machten mit uns, was sie wollten. Man wusste nie, wie entschieden wird: Ausreise, oder Ablehnung. Cousin Helmut hat sich dann an einen Korrupten Beamten gewandt, hat ihm 10.000 Złoty bezahlt, und, was ein Wunder, man "fand" seine verlorenen Papiere wieder. Dieser Beamte hat vielen auf diese Weise zur Ausreise verholfen, bis er aufflog und verhaftet wurde.

Zuletzt lebend, hat Helmut seinen Vater vor dem Krieg gesehen (1943). Als er 1957 endlich ausreisen durfte, war sein Vater tot. Er hat seinen Vater nicht mehr gesehen, konnte an ihn keine Fragen richten. Fragen, die er heute, mit bald 80, immer noch an der Seele brennend verspürt. Sein Vater, Onkel Wilhelm, war etwas besseres. Er hat im Büro gearbeitet, (Im Adressbuch steht: Büro-Assistent) was sich auch in seiner Kleidung niederschlug. Immer korrekt gekleidet, mit Krawatte, und das in einer reinen Arbeiter-Siedlung Borsigwerk- Opa Heinrich war "Maschinenarbeiter" (Im Adressbuch: Invalide). Seine anderen Söhne, Handwerker. Onkel Paul Elektriker, Ankerwickler. Mein Vater Former.

Ähnlich ist es der Familie der Schwiegereltern meines Bruders ergangen. Ehefrau mit Tochter Helga blieb in Schlesien, der Ehemann und Vater (der Maler Domanski)  wurde in den Westen entlassen und blieb in Bochum hängen. Irgendwann hatte er auch eine neue Partnerin. Die zwei Frauen hinter dem "eisernen Vorhang", blieben verbittert zurück. Die Eheleute haben ihre Verbitterung in das Grab mitgenommen.

Unser Cousin Werner Sowa war bei der Luftwaffe. Unteroffizier, mit Auszeichnungen. Auch er hat den Krieg und die zweijährige Gefangenschaft bei den "Thomys" gut überstanden. Nach seiner Freilassung kam er über Danzig (oder Thorn?), wo er seine Frau wieder gefunden hat, nach Hindenburg OS. Werner und Agathe hatten drei Söhne, zwei sind verstorben, der jüngste Sohn, Klemens, lebt heute ebenfalls in Mainz.

Werners einziger Bruder Günther, der lustigste aus der ganzen Sippschaft, ist in Tschechien, in den letzten Kriegstagen, als 19jähriger gefallen. (Hier hat sich wieder eine "Volksweisheit" bestätigt. "Den Guten ruft unser Herr sofort zu sich, in den Himmel, dem Bösen gibt er Zeit, sich zu bessern".  Werner hat seinen jüngeren Bruder um mehr als 50 Jahre überlebt. (Zu Werner später)


Cousin Günther Sowa

Günther Sowa in Liebehain. (Als Mädchen verkleidet)   Günther Sowa. Als Mädchen verkleidet (In Liebenhain). Hinten, auf dem Motorrad.
Als Mädchen verkleidet (In Liebenhain). Hinten, auf dem Motorrad.
Auf dem Motorrad außerdem Taufpatin Ingrids mit Tochter.

Die "Befreiung". Fuc_king Liberation. Die Rußen kommen!



www.swg-hamburg.de/Geschichtspolitik/BEFREIUNG      http://www.swg-hamburg.de/index.html

"Nach Beginn der großen Offensive vom Baranow- Brückenkopf aus (12.01.1945) stießen die übermächtigen sowjetrussischen Streitkräfte rasch westwärts vor. Am 19. 1. erreichten sie im Raum Guttentag—Kreuzburg die schlesische Grenze, ihre Panzerspitzen bildeten nur wenige Tage später Brückenköpfe am linken Oderufer bei Steinau und Brieg. Ende Januar hatten die Sowjetrußen fast das ganze rechtsodrige Schlesien besetzt, das oberschlesische Industrierevier war ihnen nach einem Umfassungsmanöver beinahe unzerstört in die Hände gefallen. Die Oderfestungen Glogau und Breslau wurden am 12. bzw. 16. 2. eingeschlossen; jene hielt sich bis zum 1.4., diese sogar bis zum 6. 5. Schon am 25. 2. aber hatten Stoßkeile der sowjetrussischen Armeen die Lausitzer Neiße erreicht. Die Front verlief am 8.05.1945 von der Neiße nördlich Görlitz etwa über Lauban, Löwenberg, Striegau, Strehlen, Neiße, Jägerndorf, Troppau, Hultschin nach Teschen."

Mit dem Einmarsch der Sowjetarmee begann für uns Oberschlesier der Krieg. 
Den Krieg, mit allen seinen Gräueln, brachte erst die sog. "Befreiung". Bis zum Jan. 1945 bekamen wir nicht viel mit vom Krieg. Die Rationierung der knappen Lebensmittel erinnerte an Krieg, sonst nichts. Vater hatte eine kleine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren, zu betreuen. Obwohl die Lebensmittel für alle knapp waren, hat Mutter immer auch Butterbrote für "seine Rußen" mitgegeben. An einem geheimen Platz, im Holzstapel, war das Versteck für diese Butterbrote. Besonders tragisch, dass die Rußen dann ganz anders mit Vater als
Zwangsarbeiter, umgegangen sind (das Vernichtungslager für verschleppte, in Lemberg, Ukraine, hat er 2,5 Jahre überleben können).

Am 18.03.1945 erließ A. Zawadzki eine Verordnung, in welcher die Bildung von Ortsteilen empfohlen wurde, in denen die deutsche Bevölkerung provisorisch untergebracht werden sollte. Er verbot Deutschen die Benutzung der Bahn, es sei denn, dass sie nach Westen fuhren.

Nach Veröffentlichung dieser Verfügung befahlen die Verwaltungsbehörden den Deutschen das Tragen von sichtbaren Erkennungszeichen. In Breslau, Wohlau und im Grottkauer Gebiet mussten weiße Armbinden getragen werden. In Kreuzburg (Kluczbork) trugen Deutsche auf dem Rücken ein rotes “N” (Niemiec - Deutscher). Armbinden mussten u. a. auch in Oberglogau (Glogówek) und Hindenburg O/S angelegt werden.

 

 

Zawadzki sagte damals:
»Wir wollen in unserem Land keinen einzigen Deutschen, aber auch nicht eine einzige polnische Seele geben wir den Deutschen ab«.

Die Verifikation (Klassifizierung) begann schon im März 1945. Es musste ein relativ unkomplizierter Fragebogen mit Personalangaben ausgefüllt und folgender Satz unterschrieben werden: ”Ich bin polnischer Nationalität und bitte um die Ausstellung einer Bescheinigung der Angehörigkeit zu dieser Nation.“ Da die Schlesier sich nicht verifizieren lassen wollten, wurde im August 1945 ein erweiterter Fragebogen, der alles erleichtern sollte, eingeführt. Es reichte, wenn man die polnische Sprache teilweise verstand oder ein polnisches Gebetbuch bzw. einen polnischen Kalender hatte, die Teilnahme an Ausflügen oder Fahrten nach Polen beweisen konnte.

Die Sprache erwies sich als unpassendes Kriterium, denn die Deutschen Oberschlesier, beherrschten beide Sprachen gut. So auch unsere Eltern und die anderen Verwandten ebenfalls.

 

Wir wurden zwangs-"Verifiziert", und als Verifizierte konnte man ab dem 1.07.1947 staatliche Leistungen beantragen. Bis dahin, gab es für die Schlesier keinerlei Unterstützung. Migranten bekamen staatliche Unterstützung sofort. Unsere Schwester Ingrid wurde zu unserer Betreuerin ernannt und hat am 28.09.1947 Waisenrente für Heinz und für mich, in Königshütte beantragt. Der Antrag wurde genehmigt und uns wurde bis zum Erreichen des 18ten Lebensjahres , zusammen 1.450,00 Zloty Rente mtl. gezahlt (10 Gläser Kunsthonig konnte man dafür kaufen, d.h. 5 Gläser für jeden von uns monatlich). Ab Jan. 1945 bis zum Okt.1947 bekamen wir drei Vollwaisen keinerlei Hilfe. Wir waren auf uns alleine, bzw. an die Familie (Tanten) angewiesen.
Unser Vater wurde ab dem 30.06.1947 als verstorben erklärt. (Gestorben, lt. russischer Akten: 27.07.1946.)

Als "Verifizierte", d.h. als Polen 2. Klasse, Polen ohne Migrationshintergrund, konnten unsere Verwandten eine Klage auf Herausgabe des geraubten Eigentums einreichen. Cousine Charlotte Krause hat unserer Schwester dabei geholfen. Am 7.02.1950 war es so weit. Ein Gerichtsvollzieher musste unsere Sachen herausholen. Die polnische Familie KOSAR, die Migranten,  konnte alles verstecken, herausgegeben haben sie nur unser Schlafzimmer:

2 Betten mit Matratzen (verwanzt!!)
1 Kleiderschrank 3-türig
2 Nachtschränke
1 Spiegelkommode
2 Stühle.



Die Verfügung auf Herausgabe, in Polnisch.

 

In unserer Wohnung wohnte nun eine polnische Familie ALOjZY KOSAR, eine Migranten-Familie, Neu-Schlesier, mit Migrationshintergrund. Sie wohnten in unserer vollmöblierten Wohnung, schliefen in unseren Betten, trugen unsere Kleider. Benutzten unser Geschirr, unser Besteck. Die Kinder spielten mit unserem Spielzeug, usw.  Wir mussten in einer Kellerwohnung hausen, ohne Heizung, ohne Wasser, ohne sanitäre Einrichtungen. Der Keller war feucht und kalt, ich bekam Tuberkulose. Diese Bleibe in der Straße Floriana 11 verdanken wir der Familie Chwalczyk, die kurze Zeit später enteignet und vertreiben worden ist. Sie haben sich der "Verifizierung" verweigert. Hochachtung, vor dieser Familie!


Für viele russische Zwangsarbeiter, war es ebenfalls eine "fuc_king Liberation". Stalin hat sie verhaften lassen und in Lager verbringen lassen, wo sie wirkliche Zwangsarbeit zu verrichten hatten. Ein Schicksal ist mir persönlich bekannt. Der Ukrainer hat den Platz, des im Krieg gefallenen Deutschen Bauern eingenommen, als "Zwangsarbeiter". Auch bei der Bäuerin im Bett; er zeugte mit ihr ein Kind. Dann kam die "Befreiung". 
Für Stalin waren es "Drückeberger", Kollaborateure, die sich im Feindesland "gut gehen ließen", während die anderen hungernd kämpfen  mussten. Etwa 80% der "Befreiten" kamen in Lager, bzw. in Verbannung nach Sibirien. Nur wenige werden überleben.

Erst im Jahre 1971 haben wir vom Tod unseres Vaters erfahren.

  Kriegsgefangenen Postkarte
Kriegsgefangenen Postkarte

 

Als es dann so weit war, die Nachricht vom Ableben unseres Vaters zugestellt, war es schon ohne Belang. Belanglos.

Unsere Schwester hatte Angst vor Vaters Rückkehr, d.h. Angst vor der Frage: "Wo ist die Helene?", "Wo ist Mutter"?

Tante Gela (Angela) war die drittälteste von 10 Geschwistern, unsere Mutter Lene (Helene), die Jüngste. Beide haben an einem Tag geheiratet (16.04.28 in Ruda O/S). Es war eine Doppelhochzeit.

Der Volksmund sagt, dass bei einer Doppelhochzeit die Jüngere Schwester zuerst sterben wird. Bei meiner Mutter traf es auch zu. Sie ist 35 Jahre früher gestorben, als ihre 5 Jahre ältere Schwester.

Nach der Vertreibung aus unserer Wohnung sind wir zunächst in dieses Dorf "Liebenhain" (687 Einwohner) gekommen. (1932 ist unser Bruder dort geboren.) Aus irgendeinem Grund, jemand soll gehört haben, wie Tante Gela gesagt haben soll: "versteck´ die Butter, die Lene kommt "-  Auf jeden Fall haben wir Liebenhain verlassen und sind in ein Nachbardorf "Hohenwalde" (394 Einwohner) gezogen. Ein paar km Nordwest, zu entfernten Verwandten.

Kurz danach wurde unsere Mutter dort angeschossen (am Sonntag, den 4.11.1945). Die Kugel drang von der linken Hüfte in den Bauchraum ein. Wie und wieso, es gibt mehrere Theorien, wissen wir nicht.  Alle anderen waren in der Kirche, zum Gottesdienst. Nur ich, damals 4,5 Jahre alt, war dabei gewesen. Habe aber keine Erinnerung an diese Untat.

 

 

 

 

Monat November 1945

Sonntag

Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

 

 

 

 

1
Allerheiligen

2
Allerseelen

3
 

X     4
 
angeschoßen

5
 

6
 

7
 

8
 

†    9
 gestorben

10
 

11

12
 

†  13
 beerdigt

14
 

15
 

16
 

17
 

18
 

19
 

20
 

21
 

22
 

23
 

24
 

25
Totensonntag

26
 

27

28
 

29
 

30
 

 

Sonntag,  4.11.1945

Freitag, 9.11.1945

Dienstag, 13.11.1945

Tat-Tag

† Todestag

Beerdigung

 

Ich kann mich an den Transport der Schwerverletzten auf einem einfachen Pferde- Leiterwagen, über holprige Wald-Straßen erinnern. Ich sehe noch, wie der Wagen mit Stroh ausgelegt wird. Es war bitter kalt.

 

Die Todes-Fahr-Strecke
Die Fahrstrecke zu den  Krankenhäusern. 
Die großen Kreuze markieren die Städte, Groß- Strehlitz, bzw. Andreashütte.


Ich glaube es waren Soldaten, die in den Wäldern Jagd auf "Werwolf"- Mitglieder gemacht haben ("Werwolf" war der Versuch, eine nationale Partisanen- Bewegung aufzubauen. Es ist nie dazu gekommen). Auf der Suche nach Lebensmitteln....(?). Es könnten aber auch polnische Plünderer und Vergewaltiger  gewesen sein. Ich war alleine mit meiner Mutter im Haus geblieben. Die anderen waren in der Kirche in Himmelwitz (Entfernung ca. 5 km)

Die Fahrt in das Krankenhaus war eine Odyssee! Zunächst ging die Fahrt nach Nordost, in das näher (ca. 8 km) gelegene Krankenhaus in Andreashütte. Dort lagen polnische Verwundete, unsere Mutter wurde abgewiesen. Sie wollten dort keine Deutsche dulden. Nun ging es zurück, nach Südwest, vorbei am Ausgangspunkt Hohenwalde O.-S., in das von der Andreashütte, ca. 20 km weit entfernte Krankenhaus in Groß Strehlitz.

Die Fahrt mit der Schwerverletzten, auf einem einfachen Pferdewagen, ging über 30 km. Die Wunde schlecht versorgt, eine Bäuerin hat sie verbunden, stark blutend. Das war wohl das Todesurteil für unsere Mutter. Der Arzt in Groß Strehlitz, ein Deutscher, soll gesagt haben: "wir müssen diese Frau retten. Es ist eine Mutter von drei Kindern". Nach 4 Tagen war unsere Mutter verstorben (am Freitag, 9.11.1945). Wäre unsere Mutter in dem Krankenhaus in "Andreas-Hütte" nicht abgewiesen worden.....

Es war Mord, die Schwerverletzte wegzuschicken! Wenn wir auch nicht wissen, wer die Helene Karoline angeschossen hat, so wissen wir doch, wer mindestens genau so schuld am Tod ist: die Polen in Andreashütte!
Polen (nicht "Die Polen") haben meine Mutter ermordet.
Rußen (nicht "Die Rußen") meinen Vater. 2,5 Jahre später.

Ich erinnere noch das Krankenzimmer und dass meine Mutter auf mich Einredet. Es war im Fieber gesprochen, ich habe nichts verstanden. Ich wusste, dass es wichtig ist; ich wollte mir alles merken. Ich habe aber nichts verstanden, ich war zu aufgeregt. Das waren die letzten Worte meiner Mutter an mich und ich habe nichts verstanden. Ich weiß nicht, was sie mir sagen wollte.

Mein Bruder stand in der Tür und hat geweint. Das Zimmer war hell, durch das Fenster sah man den Spätherbst.

Wahrscheinlich sagte unsere Mutter, wir sollen auf unseren Vater warten, "jetzt, nach dem der Krieg beendet ist, wird alles bald gut werden"(?). In der Nacht ist Mutter verstorben. Sie hat nicht erfahren, wo ihr Ehemann und unser Vater weggeblieben ist.

Dann musste unsere Schwester einen Pferdewagen organisieren, was gar nicht so einfach war, um den Leichnam unserer Mutter abzuholen. Sie ist ins Krankenhaus nach Groß Strehlitz gefahren und fand unsere tote Mutter, auf dem Boden liegend, hingeworfen, zwischen 6 anderen Leichen. (Diesen Anblick kann sie bis heute nicht vergessen. Sie hat immer noch Alpträume.) Sie hat die tote Mutter auf den Pferdewagen geladen (Ingrid war 17 Jahre alt) und ist die etwa 15 km zurückgefahren, die tote Mutter  hinten auf dem Leiterwagen, der mit Stroh ausgelegt war. Es war gefährlich, wenn sie Rußen oder Polen-Banden begegnet wäre, sie hätten sie, mitsamt der Toten runtergeworfen (womöglich vergewaltigt und/oder ermordet) und das Pferdegespann geraubt. Wie wäre sie dann mit der toten Mutter nach hause gekommen?

Die Beerdigung. Das Bild unserer toten Mutter habe ich immer noch vor Augen. Aber ohne Gesicht. Sie lag aufgebahrt in kleinem Zimmer, links und rechts eine Kerze. Viele Blumen bedeckten den ganzen Körper (die Blumen sollten die Löcher im Kleid verdecken), es wurde nur geflüstert. Es war auch nicht zu begreifen, dass Mutter, die vor einer Woche noch zu mir gesprochen hat, jetzt so daliegt, kalt und stumm. Ich sollte mich verabschieden! Aber von wem? 
Den Leichenwagen habe ich gut in Erinnerung, ich durfte oben, beim Kutscher sitzen. Es war Dienstag, der 13.11.1945. Aufgebahrt wurde unsere Mutter wieder in Liebenhain, bei Tante Gela, im kleinen Zimmer. Sie lag in einem schlichten Sarg, der aus einfachen Holzbrettern zusammen gezimmert worden war. Als "letztes Hemd" diente ein ausrangiertes altes Nachthemd. Astern waren der Blumenschmuck, die Blumen sollten das schlichte abgetragene Nachthemd verdecken. Onkel Rufin war immer noch im Wald, in einem Bunker versteckt.
(Unsere Schwester mag Astern bis heute nicht leiden.)

Von dort ging auch der Trauerzug, in das ca. 5 km weit entfernte Himmelwitz, auf den dortigen Friedhof. Es war ein ergreifendes Ereignis für alle. Der Totengräber konnte sich noch nach 18 Jahren an dieses Begräbnis erinnern (vor meiner Flucht habe ich dieses Grab besucht, um Abschied zu nehmen und mit dem Totengräber gesprochen. Wir haben dieses Grab später für eine Verwandte freigegeben).
(Himmelwitz hat ein weltberühmtes Kloster.)

Unsere Mutter hat einen, wie damals üblich, Mieder getragen. Die Kugel drang von der Hüfte her in den Bauchraum ein. Auf diesem Wäschestück konnte man das Einschuss-Loch sehen, so wie die Blutspuren. Ich habe es voller Ehrfurcht immer wieder betrachtet, wie eine Reliquie. Warum hat man es nicht "entsorgt"?

 

Ein ähnliches Wäschestück: Mieder, Korsett
Corsage, Korsett, Mieder

In unsere (vollmöblierte) Wohnung in Hindenburg durften wir nicht mehr zurück. Dort gab es noch Lebensmittel und warme Kleidung. Meine Geschwister sind eines Tages hin, zu Fuß, etwa 40 km, um Sachen zu holen. Vergeblich. Unsere Schwester war besonders an der "Waschmaschine" (ein sog. Schwenker aus verzinktem Blech, oder Waschrumpler aus Blech, ein mechanisches Waschbrett - zum Waschen und Wäsche-Walzen) gelegen. Die neuen "Besitzer" unserer Wohnung verweigerten die Herausgabe der geraubten Gegenstände.

                      
Bild ähnlich (Aus www.seifen.at/museum/Führung-4.htm)

Dort haben jetzt die Fremden, die Zuwanderer aus Polen (der Ukraine?), Ausländer, Migranten, die Fam. Alojzy Kosar gewohnt. Alle meine Spielsachen und Anziehsachen waren in dieser Wohnung. Die polnischen Herren haben drei Waisenkindern verwehrt nach Hause zu gehen. Wir Kinder mussten auf der Straße bleiben, ohne unsere Sachen. Diese Polen haben drei Waisenkinder beraubt und im Winter auf die Straße gesetzt!! Es sollen gottesfürchtige, gläubige Menschen gewesen sein (?!)

Unsere Nachbarn Steinert aus der 55 (Kampfbahnallee 55), die Frau Steinert war hochschwanger, wurden aus ihrer Wohnung direkt vertrieben. Eines Tages hat es gegen die Tür geklopft. Es waren zwei bewaffnete Polen (Milizen), die ein polnisches Ehepaar als die neuen Besitzer dieser Wohnung vorstellten,  "Raus, raus".



Erika Steinert, Nov. 1941, mit mir, vor unserem Haus

 

Die hochschwangere Frau Steinert (der Ehemann und Vater nach Russland verschleppt) musste mit ihren Kindern ihre Wohnung sofort verlassen, sie durften nichts mitnehmen. Was mit dieser Schwangeren geschehen sollte, wo sie hinsollte, interessierte diese FROMMEN Polen nicht. Sie bekamen diese Wohnung "zugeteilt" und nahmen sie wie selbstverständlich in Besitz mit allem, was in dieser Wohnung sich befand. Wie muss man sich da fühlen? Geraubtes Gut: Fremde Wäsche, fremde Bilder an den Wänden, das Spielzeug der vertriebenen Kinder. Es waren fromme Menschen, die sehr oft die Kirche aufgesucht haben! Es waren Räuber und Diebe! Der Himmel wird sie angemessen bestraft haben.

Frau Erika Steinert, damals 19 Jahre alt, bekommt heute noch beim Erzählen Tränen in den Augen. (Sie hat es mir beim Hindenburger Heimattreffen 2003 berichtet.)

Unsere Wohnung wurde bei Abwesenheit "in Beschlag genommen". Wir durften nicht mehr hinein. Alles, was sich in unserer Wohnung befand, wurde jetzt Eigentum der polnischen Zuwanderer (Räuber und Dieb: Alojzy Kosar)

 

Vor unserem haus, 1942
1942. Vor unserem Haus
Kampfbahnallee 53. Geschwister Ingrid, Heinz und Peter

Die Kindheit

Unsere Mutter ist mit uns aufs Land geflüchtet (nehme ich an, wie wir nach Liebenhain gekommen sind, weiß niemand mehr), zu unserer Tante Gela. Unsere Wohnung in Hindenburg (Oberschlesien) in der Kampfbahnallee 53, war geputzt, im Keller waren Kohlevorräte sowie ein Kartoffelvorrat angelegt. Die Bettwäsche frisch gewaschen und gebügelt. In diese Wohnung wurden Polen (Ukrainer?) einquartiert. Eine fremde polnische Familie wohnte nun in unserer Wohnung, benutzte unsere Sachen, aß unsere Kartoffel, heizte mit unseren Kohlen. Fremde Kinder spielten mit meinen Spielsachen, schaukelten auf meinem Schaukelpferd. Ich durfte keine Spielsachen mitnehmen, das hat mir sehr wehgetan. Meine älteren Geschwister hatten viel mehr zu verlieren. Wir waren alle plötzlich ohne Vergangenheit. Es gab keine Andenken mehr, keine Geschenke, z.B. von Freunden, oder Weihnachts-/Geburtstagsgeschenke, keine Erinnerungs- Photos. Die Vergangenheit existierte nicht mehr. (20 Jahre später habe ich nach der Flucht in den Westen, erneut meine Vergangenheit verloren.)

Wir Geschwister wurden getrennt. Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie Starzinsky), Heinz zu Onkel Paul (Paul S**ary),

 

Onkel Paul
Onkel Paul + Tante Grete, die Cousins R.... +  E...., die Cousinen B.... +  R....

Das Dorf  Liebenhain (Heute Barut)

 

d.h. zunächst kam er auf einen Bauernhof, und ich blieb bei Tante Gela und Onkel Rufin, meinem Taufpaten. Für mich eine besonders schlimme Zeit. Mutter tot, Vater nicht da, verschollen (verschleppt nach Russland) und jetzt auch noch meine Geschwister weg.

In dieser Zeit, über ca. 5 Jahre haben wir uns kein einziges Mal gesehen. Wir sind quasi als Einzelkinder aufgewachsen. Es waren "nur" ca. 40 km dazwischen, aber für uns Kinder nicht zu überwinden. Deutsche durften nicht ins Landesinnere reisen. Nur in Richtung Westen durften Deutsche reisen, ohne Recht auf Rückkehr. Durch weiße Armbinden, die sie tragen mussten, waren sie zu erkennen. Erst 1950/51 kamen wir wieder zusammen. Ein richtiges "Geschwister-Verhältnis" ist nie entstanden. Wir blieben uns fremd. Für Besuche müsste man diese 40 km zu Fuß zurücklegen. 

Es hat dann Jahre gedauert (Urteil ergangen am 8.02.1950), bis wir die Herausgabe unserer Möbel einklagen und vollstrecken konnten. Eine Tante hat sich dieser Sache für uns angenommen.  Die Küchenmöbel und anders Mobiliar, wie die Waschmaschine (ein "Schwenker") und weitere Gegenstände wurden einbehalten.

Wir hatten aber nichts anderes. Wanzen wurden unsere Bettgenossen. Die Tapete über meinem Bett, war voller roter Flecken, vom Blut der zerdrückten Wanzen. Gewohnt haben wir zu dieser Zeit, 1951, zu dritt in einer feuchten Einzimmer/Küche-Kellerwohnung ohne Heizung, in der Florian Str. 11 ((Ulica Floriana), Vermieter Fam. Chwalczyk.). Es war sehr kalt und feucht  in dieser Wohnung, ich bekam Tuberkulose. Mein Bruder hat sich meine Eigenschaft, Körperwärme schnell zu entwickeln sehr gelobt. Diese Eigenschaft besitze ich noch heute.

Die Schule

Die Dorfschule in Liebenhain, das dann Barut genannt wurde, war in Ordnung. Die Lehrerin, eine Deutsche, hat uns gut geführt. Die ersten zwei Klassen habe ich dort besucht. Die 3. Klasse in Hindenburg O/S (Zabrze) war ebenfalls sehr angenehm. Ich war Klassenbester und Klassensprecher. Erst der Wechsel mitten im Schuljahr an die Schule in einem Vorort von Hindenburg (-Nordost), Biskupitz (Biskupice) brachte den Einbruch.
In der Schule in Hindenburg O/S war ich zum zweiten mal verliebt. Ich wusste wo sie wohnte, im 2. Stock, mit Balkon. Ich stand oft auf der anderen Straßenseite, hoffend, sie kommt zufällig herunter. Immer wieder kam jemand auf diesen Balkon und schaute herunter -leider nicht SIE. Ich musste dann die Schule wechseln.


Weihnachtsfeier mit Familie Pilny (rechts Bruder Heinz, Ingrid links hinten, der Autor 3. v. l.)

Meine Lehrer in der Schule 21 in Biskupitz waren ehemalige Partisanen (nach heutigem Sprachgebrauch: TERRORISTEN), die zu Lehrern ernannt wurden (weil sie schreiben und lesen konnten). Deren vornehmste Aufgabe war, uns Autochthonen das Deutschsein auszutreiben. Wie so oft bei Zwang, ist es absolut nicht gelungen. Im Gegenteil, diese Bestrebungen haben aus uns stolze Deutsche hervorgebracht. Dass ich "Stolz bin ein Deutscher zu sein" verdanke ich diesen Bestrebungen und einer Nachbarin aus der Florianstraße. Sie hat mit mir über die Deutschen und Deutschland gesprochen und die wahren Gründe des Krieges. Sie sagte mir z.B., dass die Deutschen in diesen Krieg gezwungen wurden. Zum Beispiel auch wegen der  vorbereiteten Vertreibung der Sudetendeutschen, vorbereitet, lange vor Ausbruch des 2. WK. Weiter wegen des ungerechten Friedens nach dem 1. WK und schließlich, wegen der starken Wirtschaftsmacht Deutschland.
Sie sagte, dass die USA durchaus die Möglichkeit hatten, Auschwitz zu verhindern. Sie haben Auschwitz jedoch als Grund für einen Überfall Deutschlands benötigt (ähnlich dem Vorwand: Massenvernichtungswaffen im Irak, oder Atombombe im Iran) und deshalb nichts unternommen. So wurde z.B. ein Schiff mit 5.000 Juden, von den USA zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen. Die Deutschen haben der Ausreise zugestimmt- alle kamen zurück.
Sie sagte mir, dass Deutschland den Krieg Mitte 1941 beenden wollte. Aber besonders die Engländer wollten die totale Vernichtung Deutschlands und nahmen die ca. 20 Mio. Tote in Kauf.
(Am 10. Mai 1941 flog Heß mit einer Messerschmitt Bf 110 in Richtung Schottland, um in Dungavel Castle (South Lanarkshire) mit Douglas Douglas-Hamilton, 14. Duke of Hamilton, den er für den Anführer der britischen Friedensbewegung und Gegner von Premierminister Winston Churchill hielt, über Frieden zu verhandeln. Heß hatte ihn 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin kennengelernt. Heß sprang mit dem Fallschirm ab und wurde ohne Anhörung verhaftet.)
Sie sagte mir, "Vorsicht, es wird viel gelogen werden".
Nach der Schule durfte ich sie besuchen, bekam immer etwas zu essen von ihr. Sie wohnten im 1. OG. in diesem Haus. Sie hat das korrigiert, was die Lehrer uns über die Deutschen und Deutschland so erzählt haben. Kurz darauf wurden sie vertrieben, aber alles, was sie mir erzählt hat, ist im Gedächtnis geblieben.

Im Westen ist man da subtiler und effektiver vorgegangen. Viele Westdeutsche verleugnen ihre Abstammung und "schämen sich, Deutsche zu sein". Ich muss aber den Polen bescheinigen, dass sie uns nicht als Verbrecher, sondern als unterlegene, gleichwertige Gegner gesehen haben. Mit Auschwitz und Holocaust und Gaskammern kam das alles erst viel viel später. Damals war Auschwitz noch kein "Vernichtungslager für Juden". Es wurde später vereinnahmt. Auschwitz war bis etwa 1949 "in Betrieb" - nur die Insassen waren andere.
(
Nach dem Durchgang der Kriegsfront im Januar 1945 wurde das Lager Auschwitz-Birkenau im Februar 1945 erneut eröffnet. Festgehalten wurden hier Kriegsgefangene und Zivilpersonen. Hier kam es zu vorsätzlichen und zielgerichteten Misshandlungen von Zivilpersonen. Eine große Anzahl davon erlitt den Tod in Auschwitz. Das Lager funktionierte bis 1948. Hier wurden Selektionen vorgenommen und die Arbeitsfähigen in die Lager der Sowjetunion verschickt - Ganz schlimm für den moralischen Anspruch der Polen war und ist, dass sie nach dem Krieg in die nationalsozialistischen Konzentrationslager, wie Auschwitz, Majdanek, Trzebinia, Jaworzno, ab 1945 Deutsche einsperrten und das Sterben und Morden weiterging.

Auschwitz bestand nach 1945 aus dem von Rußen geführten Lager, wo Deutsche für Deportationen nach Russland festgehalten und mit 11 Zügen 19.500 Kriegsgefangene und 3.750 Zivilpersonen abtransportiert wurden. Es gab ein zweites Lager, wo Deutsche zwecks Vertreibung eingesperrt waren. Wenn Touristen das Lager Auschwitz besuchen, spricht man nie davon und kann man auch nirgendwo lesen, daß nach dem Kriege die Lager von Polen für Deutsche bestimmt waren.

Ein Oberschlesier aus Bielitz-Biala, dessen Vater nach dem Krieg in Auschwitz starb, kämpft schon Jahre mit der polnischen Administration um eine Erlaubnis, eine kleine Erinnerungstafel für seinen Vater im Lager anbringen zu dürfen. Bis heute wird er abgewiesen. Eine von vielen Begründungen ist, dass, wenn man hier so eine Tafel anbrächte, die Besucher meinen könnten, daß auch Polen in diesem Lager Menschen umgebracht haben.)

(Polnisch: W obozie oświęcimskim (Auschwitz) po zakończeniu wojny istniały dwa obozy. Jeden prowadzony przez Rosjan, w którym zamknięto 19.500 jeńców wojennych i 3.750 cywilów. Osoby te zostały wywiezione na tereny sowieckie 11 pociągami towarowymi i o losie większości nie ma żadnych informacji.

W tym samym obozie w Oświęcimiu strona Polska zamknęła Niemców, którzy mieli zostać wypędzeni. Zwiedzający obóz w Oświęcimiu nie usłyszą ani słowa o powojennym obozie, nie można tam również znaleźć żadnej pisanej wzmianki na ten temat.

Mieszkaniec Bielska-Białej, którego ojciec po wojnie został zamknięty w Oświęcimiu i tam zginął, już od lat próbuje na drodze administracyjnej uzyskać zgodę na zawieszenie maleńkiej tabliczki upamiętniającej śmierć ojca. Dotychczas otrzymywał ciągłe odmowę. Jeden z powodów jaki mu podano, „wówczas zagranica będzie myślała, iż po wojnie w tym obozie również umierali tu zamknięci”. Qülle: http://alteseite.silesia-schlesien.com/14/02.html )
 

Eine berechtigte Frage könnte lauten, warum haben wir Polen nicht verlassen? Unser Vater wurde am 29.01.1945 als Zwangsarbeiter nach Russland (genauer Ukraine) zur Vernichtung verschleppt. Unsere Mutter wollte aber nicht, dass unser Vater, sollte er zurückkommen, uns nicht wieder findet. Deshalb sind wir in Schlesien geblieben. Im Nov. 1945 wurde unsere Mutter erschossen, unser Vater kam nicht zurück. Sie wussten von dem Tod des jeweils anderen nicht. War das ein kleiner Trost, in der Sterbestunde? Vater konnte hoffen, dass sich Mutter um uns kümmern würde. Die einzige Gefangenenpost-Karte hat er an die Mutter adressiert. Obwohl Mutter schon seit zwei Jahren tot gewesen ist. 
Für uns drei, jetzt Vollwaisen, 4,5 / 13 / 16, war eine Ausreise unmöglich. Wir wurden Gefangene und Sklaven der Polen. Zunächst mussten wir die Sprache der neuen Herren erlernen. Der erste Satz, der mir beigebracht wurde, lautete: "ich bin ein polnischer Polak". Mein Bruder hatte, durch den Krieg bedingt, etwa 6 Jahre ordentlichen, Deutschen Schulunterricht. Meine Geschwister besuchten die Zedlitz-Schule in der Zedlitzstraße (heute Królewska) 1944 wurde dort ein Lazarett eingerichtet, die Schule musste umziehen.
Unsere Schwester hatte eine abgeschlossene deutsche Schulbildung. Wir mussten jetzt Polnisch lernen. Meine Geschwister gingen freiwillig in die Schule, ohne Anmeldung, saßen ganz hinten in der letzten Schulbank und haben zugehört. Kinder lernen schnell. Es hat dann sogar für Büroarbeit gereicht. Ingrid war im Lohnbüro der Grube "Hedwigswunsch" beschäftigt. Heinz hat im "Institut für chem. Kohleveredelung" gelernt und später auch gearbeitet. (Um für seine Familie mehr zu verdienen, hat er dann Untertage, in der Kohlengrube "Hedwigswusch" angeheuert.)

 

Die Zedlitz - Schule, 1938 - 1940

 

Vor der Zedlitz-Schule, 1942
Ingrid vor der "Zedlitz-Schule".


Die Schulklaße  mit Lehrer Bracht

 Ich blieb, oder kam nach Liebenhain, zu meinem Patenonkel Rufin.

Das Dorf Liebenhain

Die Männer waren verschleppt oder getötet worden. Wir Kinder mussten, mit den Frauen zusammen, arbeiten. Zu meinen Aufgaben, ich war kaum 5 Jahre alt, zählte, die Ziege, die viel größer und stärker war als ich, zu hüten, Wintervorräte an Heu (Wrzos = Erika) für die Ziege anzusammeln. Holzspäne für das Feuer-Entfachen zu sammeln, so wie Pilze und Beeren der Saison zu sammeln. Weiter den Hof fegen, den Stall ausmisten und Wasser für den (großen) Garten zu schleppen,
Tante hat mich auch für ihre Fußpflege benutzt. Sie hat ihre Füße im Eimer mit Wasser eingeweicht und ich musste mit einem Messer, mit dem Messerrücken die Hornhaut von den Fersen abschaben. Es war eklig. Der Hof war zu kehren.

Tante Gela hatte viele Legehennen, aber ohne Hahn. Die Hennen sollten Eier legen! Wurde eine trotzdem "gluckig", sie legte dann keine Eier mehr, war "heiß", hatte Tante ein probates Mittel dagegen. Die "heiße" Henne wurde in kaltes Wasser in einen Eimer, immer wieder getaucht, bis sie, die Henne, "abkühlte". Tante Gela prüfte auch immer mit dem Finger, ob bei einer einer Henne ein Ei unterwegs war.
War ein Huhn zu schlachten, war ich freiwillig dabei. Es war sehr einfach. Das Huhn im festen Halt an den Beinen, den Kopf auf den Hackklotz gelegt und schnell mit dem Beil zugeschlagen. Faszinierend für mich war, dass dieses Huhn noch relativ lange, kopflos mit schlapp herunterhängendem Hals, herumgeflattert ist. Man ließ es herumflattern, damit es ausbluten konnte.

Karnickel wurden geschlachtet, in dem man mit einem Knüppel hinter die Ohren schlug, sie wurden dabei an den Hinterläufen gehalten, Mit dem Messer wurde die Kehle geöffnet, und das Bauchfell aufgeschlitzt. Jedes Mal kamen in einer ganzen Batterie, die Hasenbohnen aus dem Darm. Dann wurde das Fell abgezogen und auf Hölzer gespannt zum Trocknen. Fahrende Händler haben diese abgeholt.

Ich habe "anatomische Studien" an diesen Objekten betrieben. Es war spannend.

Tiere um sie zu Essen umbringen, hat mir nicht das Geringste bedeutet. Bei der Bekämpfung der Spatzenplage, konnte ich aber nicht mitmachen. Nester wurden ausgehoben, die kleinen Vögel gegen die Hauswand geklatscht, oder, waren sie größer, der Kopf abgedreht. Mein Vetter war ganz eifrig dabei. Ich konnte nicht mitmachen. Es gab so viele Spatzen, daß das ganze Dorf auf diese Weise vorgegangen ist.
Wir haben Fluß-Krebse gefangen. Entweder man stocherte blind mit der Hand am Ufer unter Wasser und hoffte einen zu ertasten, oder man legte Netzfallen aus. Wirkungsvoll als Köder, waren Frösche. Den Fröschen wurde die Haut abgezogen. Lebten die Frösche noch, um so größer der Fang. Die krebse konnten dem Geruch nach frischem Fleisch nicht widerstehen. Hier musste ich passen.
Die Krebse wanderten lebend in den Kochtopf mit heißem Wasser. Man musste nur noch die mittlere Schwanz-Schuppe herausdrehen (ob vor dem Kochen, oder nachher?), an dieser Schuppe hing ein langer dünner Darm.

Wir haben uns (mein Vetter Dieter und ich, Dieter ist 6 Jahre älter) öfters eine Kartoffelsuppe mit Taubeneinlage gekocht. Zuerst haben wir es mit Spatzen versucht - es gab aber nichts zu knabbern daran. Ich kann mich heute noch, an diesen guten Geschmack der Kartoffelsuppe erinnern!

Die Ziege sollte am Straßenrand grasen. Sie wollte aber lieber das saftige Grün der angrenzenden Bauernfelder äsen. Hindern konnte ich sie daran nicht. Sie hat mich einfach mitgeschleift. Wurden wir dabei erwischt, gab's Ärger. Kamen wir zu früh zurück, gab's ebenfalls Ärger. Wann es zurück in den Stall ging, bestimmte die Ziege.

Die Ausflüge in den Hochwald (Hochwalder Forst / Toster Forst) um Waldfrüchte zu sammeln, waren zwar lebensgefährlich, aber für mich immer ein schönes Erlebnis. Mindestens drei Mal habe ich mich im Wald verlaufen. Ausdehnung des Hochwaldes, ca. 20 x 40 km. Niemand hätte mich dort wiedergefunden. Es wäre mein Tod gewesen. Onkel Rufins Belehrungen auf die Umgebung zu achten, haben mich immer nachhause finden lassen. Meine Tante hat mich aber trotzdem immer wieder in den Hoch-Wald geschickt. Ich hatte eine 3 Liter Kanne dabei, die mit Waldfrüchten zu füllen war. Es lag auch ne Menge Munition herum und Skelette von Menschen und Tieren.

Ein mal habe ich den ganzen Tag im Wald verträumt. Ich lag auf dem Rücken, habe in den Himmel geschaut und überlegt, woher der Wind kommt. Neben mir sonnte sich eine Schlange. Wer macht den Wind? Gegen Abend war die Kanne immer noch leer. In der kindlichen Naivität, habe ich die Kanne mit Gras gefüllt und oben ein wenig Beeren draufgelegt. Tante war, als sie die volle Kanne sah, hocherfreut. Natürlich hat sie bald gemerkt, womit die Kanne wirklich gefüllt war. Sie hat fürchterlich getobt und mich bestraft. Der Onkel kam aber zufällig dazu - seit dieser Zeit musste ich nicht mehr mit dieser 3 . Kanne in den Wald. In der Vollsaison gingen wir in ganzen Trupps in den Hochwald zum Blaubeeren (Preiselbeeren, Himbeeren) sammeln. Es ging dann Kilometer weit in den Hochwald hinein. Manche hatten einen selbstgefertigten Kamm zum Ernten der Beeren dabei (Diese "Ernte-Maschine" war aber nicht gut. Ein Mal, wurden zu viele Beeren zerquetscht, zum Zweiten, wurden zu viele Blätter mitabgestreift). Die Ausbeute wurde bei Onkel Franz (Gasthaus A---l) gewogen und verkauft.

Im Sommer gehörte auch zu meinen Aufgaben, den Wasserbehälter im Garten mit Wasser zu füllen. Von der Wasserpumpe im Hof wurde eine Rinne herübergelegt. Jedes Mal waren meine Handflächen voller Blasen. Zum Waschen gab es im Sommer wie im Winter nur Brunnenwasser. Die Pumpe, regelmäßig eingefroren, musste erst aufgetaut werden. Das Wasser natürlich eisig kalt.

Eine Strafe der Tante hat mich besonders getroffen. Es war Weihnachten 1947 (oder 1948). Es sollte Geschenke geben. Mein Vetter hat mich zwar im Vorfeld geärgert: "Du kriegst nichts. Du bist böse". Ich hab's ihm nicht geglaubt. Dann kam die Bescherung. Für mich gab es ein Nest mit Kartoffelschalen und Holzkohlestückchen aus der Ofenasche. Ich hab lange gewartet, ob nicht doch noch was kommt; aber es ist dabei geblieben. Es ist meiner Tante wirklich gelungen mich empfindlich zu treffen. Ich fühle diese Enttäuschung noch heute.

Onkel Rufin, mein Taufpate, war diese Weihnachten nicht zuhause.

(Was war mit der Tante Gela geschehen? Ihre Schwester Lene wurde aus ihrer Wohnung mit ihren drei Kindern vertrieben und hat allen Besitz verloren, hatte nur das, was sie und ihre drei Kinder auf ihren Körpern trugen. Ihre Schwester Lene hat ihren Mann und Beschützer verloren, Georg wurde zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt.

Tante Gela hat ihre Schwester weggeschickt, nicht bei sich aufnehmen wollen. Wir mussten auf einen Bauernhof, in ein paar km weiter gelegenes Dorf ziehen. Dort kam ihre Schwester, unsere Mutter, ein paar Monate später ums Leben. Zurückkehrt ist ihre Schwester als Tote, dann durfte sie das kleine Zimmer belegen, durfte im kleinen Zimmer aufgebahrt werden.

Hat Tante Gela sich schuldig gefühlt am Tod ihrer Schwester? Wurde sie durch meinen ständigen Anblick daran erinnert? War es die Vergewaltigung durch die neun Rotarmisten und die Gräuel, die sie im Dorf an ihren Nachbarn Mitansehen musste? Oder alles das zusammen?

Tante Gela war sicher keine böse Frau. Die Umstände haben sie so hart werden lassen.

Ihr Mann, Onkel Rufin in einem Erdloch im Wald versteckt, sie alleine mit ihrem 10 jährigem Sohn, kaum Lebensmittel für sich und dann noch 4 Esser zusätzlich. Schuld an Allem, war die  "Befreiung"! was für eine BEFREIUNG)

Onkel Rufin hat mit mir gerne Karten gespielt. Es waren deutsche Karten, die Farben: Eichel, Grün, Herz, Schell. Sein Spruch, wenn er "Grün" (Pik) ausspielen musste, lautete: "Grün! Scheißen die Gänse im Monat Mai". Er hat Scherze mit seiner Glatze gemacht, hat erzählt, wie die Läuse verzweifelt versuchen sich an der Glatze festzuhalten. Den "schwarzen Peter" haben wir gerne gespielt und "Mensch-Ärgere-Dich-Nicht". Onkel hat mich auch immer gewinnen lassen.

 Onkel Rufin mit Tante Gela und meinen Eltern, 1939
Mit meinen Eltern, 1939 in Liebenhain. Onkel Rufin mit Glatze


Rechts, Eltern mit Ingrid und Heinz, daneben Tante und Onkel mit Dieter

 

Mit 6 Jahren musste ich auch auf die Felder und richtige "Männerarbeit" verrichten. Zum Beispiel den Pferdewagen lenken, die Ernte einfahren, die Wiesen Mähen, das Heu zum Trocknen wenden, das trockene Heu aufhäufen, die Heu-Haufen mit dem Pferdewagen aufsammeln auf den Hof bringen in der Scheune ablegen. Weiter die Tiere füttern, den Stall ausmisten.
Der Bauernhof, auf dem ich arbeiten musste, gehörte der Familie A., in die eine Schwester meiner Mutter eingeheiratet hat. Sehr angenehm war an dieser Tätigkeit, die um 4 Uhr Früh begonnen hat, dass man sich mit den Tieren satt essen konnte. Sie bekamen gestampfte Pellkartoffeln als Futter. Ich kann mich heute noch an den Geruch der frisch gekochten Kartoffeln erinnern. Eine der Hof-Legehennen hatte für ihr Eiergelege einen "Geheimplatz", der nur mir bekannt war. Es gab fast jeden Morgen ein rohes Ei zum Austrinken. Christa (Maria?) hat nach diesem Ei gesucht, ich war immer schneller als sie. Auf den Feldern konnte man die Kühe direkt in den Mund melken. Man hat sich dazu unter die Kuh gelegt.

Meine erste große Liebe, die Alicia, gehörte zu diesem Bauernhof.

Sie war die Tochter des Bauern Hans. Das Mitte-Kind (Maria, Christa, Alicia, Johann). Ein Bruder des Bauern, der Franz, war Händler und Kneipier. Er war weiter Metzger, Wirt und Eigentümer der einzigen Dorfschänke wie auch der Dorfmetzgerei. In der Schänke war ein Billardtisch, ein Klavier und ein großer Saal für Versammlungen. Meinen ersten Kinofilm habe ich dort gesehen.

Liebenhain O.-S. Krs. Groß-Strehlitz (Beliebter Ausflugsort)
Liebenhain O.-S. Krs. Groß-Strehlitz
Beliebter Ausflugsort
Die Dorfkneipe in Liebenhain

Gasthaus Franz A...l

 

Alicia hat mich immer wieder in dunkle Ecken, bzw. auf den Heuboden gezogen. Ich sollte Doktor spielen. Wir waren etwa gleichaltrig, trotzdem wusste ich damals nicht wirklich, was sie von mir wollte. Ein mal hat sie ihr Höschen nicht wieder gefunden. Es gab mächtig Ärger. Ihre ältere Schwester, Christa hat sie verpfiffen. 
Bauer Johann und sein Bruder Franz waren interniert. Auf dem Hof waren nur Frauen und wir Kinder. 
Wir, Alicia und ich, haben uns später fast jedes Jahr in den Sommerferien gesehen. Später, als ich schon ahnte, worauf es ankommt, lauerte ich vor dem Küchenfenster, um Alicia beim Baden am Sonnabend zuzuschauen. Hat sie mich bemerkt, ist sie immer aufgestanden aus der Wanne, um nach der Seife zu greifen.

Es hätte aus uns was werden können. Aber dann kam meine Flucht in den Westen. Leider ist Alicia sehr früh an einem Kopftumor verstorben. Ich hätte sie so gerne noch einmal gesprochen. Nach der Befreiung Polens von der sowj. Besatzung (1989), wurden Reisen in die Heimat möglich. Bei meinem Abschiedsgespräch vor der Flucht, habe ich mich nicht getraut, ihr die wahren Absichten meiner Reise nach Jugoslawien mitzuteilen. Danach gab es dazu keine Gelegenheit mehr. Schreiben durfte ich nicht. Ich wollte ihr erklären, warum ich ihr damals die Wahrheit über meine "Flucht auf immer" verschwiegen habe. Hoffentlich hat es sie nicht besonders schwer getroffen. Ich wollte verhindern, dass sie zu Mitwisserin wurde. Sie hat später einen Fernfahrer geheiratet. Kinder hatten sie keine.
(wie ich Jan. 2014 erfahren habe, hatte sie doch ein Tochter, Lili. Es hat mich wirklich gefreut, davon zu erfahren und mit ihrer Tochter zu telefonieren. Ein schönes Geschenk für 2014.).
Es war meine erste große Liebe. Ihr "erstes Mal" hatte sie aber mit einem Dorftrottel im Getreidefeld. Natürlich wurden sie dabei erwischt (oder er hat damit rumgeprahlt) und sie war dem Spot des ganzen Dorfes ausgesetzt. Ich empfand keine Schadenfreude dabei.

Dass sie verstorben ist, bevor wir miteinander gesprochen haben, dass sie nicht gewartet hat, nehme ich ihr übel! Nach meiner Republikflucht gab es keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Es war praktisch ausgeschlossen, dass wir noch mal zusammen kommen. Schreiben durfte ich nicht, das könnte Probleme mit den Behörden bringen.

Es waren vier Brüder die dieses Dorf beherrschten. Hans war der Großbauer, Franz, kinderlos, der Wirt, Händler und Fleischer, Rufin mein Onkel der Förster des Grafen und Elektromeister, zuletzt der Anton, Kriegsversehrt mit nur einem Arm. Ich habe ihm bewundernd bei der Morgentoilette zugeschaut, wie geschickt er alles mit nur einem Arm verrichten konnte. Bürste, Seife und anderer Gegenstände, hatten einen Saugfuß. 
Er hatte drei Töchter, an eine Ehefrau kann ich mich nicht erinnern.

Mein Bruder Heinz war älter, kräftiger. Er wurde wirklich ausgebeutet. Er musste "wie ein Erwachsener" schuften. Ein anderer Onkel, der Onkel Paul S***ary (Vaters Schwester, Marta) hat ihn "befreit". Er hat ihn in seine Familie (obwohl vier eigene  Kinder) aufgenommen und zum Schlosser ausbilden lassen. (Warum hat Onkel Paul nicht mich aufgenommen? Den kleinsten?) Ich blieb drei bis vier Jahre dort im Dorf, die 1. und 2. Schulklasse habe ich dort besucht. Geschlafen habe ich über dem Stall, im Heu. Der Stall befand sich gegenüber dem Wohnhaus.

Schön war es, vor dem Einschlafen dem Chor der Hofhunde im Dorf zu lauschen. War es im Winter besonders kalt, durfte ich auch im Haus schlafen. Auf einem alten Sofa wurde für mich gebettet. Tante Gela kam vor dem Einschlafen immer nachsehen, ob meine Arme über der Bettdecke liegen. "Die Mutter Gottes mag es nicht, wenn kleine Jungs die Hände unter der Bettdecke halten".

Diese Zeit war von Hunger und Entbehrungen geprägt. Verletzungen wurden mit Urin desinfiziert und mit Kräutern (wilde Alö Vera) geheilt. Ich bin vom Dach des Schuppen heruntergesprungen, direkt auf ein Brett mit einem rostigen Nagel. Der Nagel ging durch meinen Fuß hindurch. Urin heilt und desinfiziert. Ich musste mir selber helfen, sonst wäre ich noch bestraft worden. Einen Arzt hätte es auch nicht gegeben. Meine Hauptmahlzeit war eine immer angebrannte, dünne Suppe aus der Volksspeisung. Diese Suppe wurde in der Schule ausgegeben. Bevor ich eingeschult wurde, wartete ich schon ungeduldig, bis mein Cousin aus der Schule kam und diese Suppe im Becher mitbrachte. Manchmal hat er die Hälfte unterwegs verschüttet. Ob er wirklich wie er manchmal behauptete, hineingespuckt hat, will ich lieber nicht wissen.

Verschiedene Naturfrüchte wurden konsumiert. Zum B. auch das "Johannisbrot", Sauerampfer, Maiskolben, oder was gerade reif gewesen ist. Gerne wurden die Weißkraut Köpfe direkt vom Feld im Liegen "herausgefressen". Vom Zahnfleisch sind Blutspuren drauf geblieben. Der Bauer hat gerätselt, welches "Tier" diesen Fressschaden wohl angerichtet hat? Wahrscheinlich durch die (ungewaschenen) Feldfrüchte der gedüngten Felder bekam ich Würmer. Auch ein Bandwurm hat sich bei mir eingenistet. Eine Zeitlang haben wir jeden Tag eingelegte Heringe gegessen, d.h. ich das Heringswasser, angereichert mit Zwiebelringen und sauren Gurken. Pellkartoffel gab's dazu. Es wurde ungemütlich für diesen Bandwurm, er hat sich von selbst verabschiedet. Für mich war es dramatisch. Unterwegs in den Wald um Waldfrüchte zu sammeln, merkte ich ein seltsames jucken, da hinten. ich griff da hin - da war was! Ich zog daran und hatte in der Hand ein ca. 1 m langes Ungeheuer. ich schleuderte das weg und rannte fort, immer tiefer in den Wald, von Panik getrieben. Ich wusste nicht, was das war. Den Bandwurm wurde ich aber los.
Angenehm waren die vielen Gespräche mit meinem Onkel Rufin. er hat mir mit 4, 5 Jahren das lesen und Rechnen beigebracht. Auf dem Heuboden waren verschiedene Deutsche Bücher, eine Enzyklopädie, so wie einige Jahrgänge der Zeitschrift "Die Gartenlaube". Aus diesen Heften habe ich meine Deutschkenntnisse bezogen. Onkel hat immer Hochdeutsch gesprochen, die Tante ein kauderwelsch, aus polnisch und Deutsch.

In der Dorfschule, es gab nur eine Klasse für alle Kinder, habe ich, während die anderen Erstklässler das ABC laut nachsprechen mussten, (auf Polnisch: "Abecadlo z pieca spadlo, A, zlamalo nózke....", übersetzt: "Das ABC ist vom Ofen gefallen. Das "A" hat sich ein Beinchen gebrochen....") die Geschichten aus den Lesebüchern der höheren Klassen gelesen. Ich war für die Dörfler ein "Wunderkind". Einmal hat sich ein Dorfjunge aus der höheren Klasse besonders dumm beim laut Lesen angestellt. Da hat die Lehrerin mich vorlesen lassen. "So musst du lesen können" sagte sie. Ich war noch keine 7 Jahre alt. Später, in der 6. Klasse (oder 7.?) habe ich den Lesewettbewerb, als bester der Schule gewonnen. Zu den Landesmeisterschaften wurde aber ein Kind eines Migranten/Zuwanderes geschickt. Das war nichts für einen Autochthon. Das hat mich schwer getroffen. Das war die erste Diskriminierung der Deutschen in Schlesien, die mich persönlich getroffen hat. (3)
Die Migranten wurden bevorzugt, die Einheimischen diskriminiert (wie heute in der BRD, 2014, immer noch).

Sehr oft sind wir in die Wälder um zu Wildern gegangen (Onkels Bruder, der Franz, war ja Fleischer!), oder auch nur so in die Natur. Um vier Uhr Früh sind wir los. Ich wartete schon ungeduldig unten, bis Onkel aus dem Haus herauskam. Ich musste ja nur die Leiter vom Heuboden heruntersteigen. Onkel ging voran und ich habe versucht, hinter ihm gehend, in seine Fußstapfen zu treten. Unterwegs zeigte mir der Onkel interessante Pflanzen und wie man die Vögel am Singen identifiziert. Auch wie man durch Beobachten der Umgebung sich helfen kann: z.B. ein Flugzeug, flog jeden Tag um 10 Uhr über den Wald (Uhrzeit, Himmelsrichtung). Moos an Bäumen von einer Seite, Glockengeläut der Kirchen in den Ortschaften, u. w. m. Wir gingen hinten raus, durch den Garten, dann an den Feldern entlang, auf der "Miedza" (Feldrain, Ackerfurche). Die "miedza" trennt benachbarte Felder und ist Niemandsland. Die Bauern versuchten, immer zu ihren Gunsten, etwas mehr von dieser "miedza" dem eigenem Feld zuzuschlagen. Was auch zu beträchtlichem Ärger geführt hatte (siehe auch poln. Literatur:  "Ogniem i mieczem" Henryk Sienkiewicz "Mit Feuer und Schwert").
Wir gingen auf der "miedza", links und rechts Kornfelder, bis zum "Gaida-Wald" (Ignaz Gaida, Besitzer aus Himmelwitz). Das war ein kleines Wäldchen, immer überreich mit Pfifferlingen. Dann kamen Wiesen,  und zuletzt eine Feuchtwiese vor dem "Himmelwitzer-Wasser", der "Niwa". Dahinter kam der Hochwald "Toster-Forst". An einer Steller konnte man trockenen Fußes, von einem Stein auf den anderen springend, die Niwa überqueren. Waren Frauen mit von der Partie, z.B. meine Schwester Ingrid, Cousine Lotte, gab es Probleme. Immer wieder rutschen sie ins Wasser, mit großem Geschrei.

Unser Weg zum Hochwald
Unser Weg (ca. 4, 5 km)

Die Feuchtwiese war immer ein Erlebnis. Tausende verschiedener blühender Kräuter, hoch gewachsen, Vor uns hüpften die aufgeschreckten Frösche und große Heuschrecken. Es war sumpfig-feucht. Hinter uns bildete sich eine Spur, die aber bald wieder verschwunden war.

Es wurden Fallen aufgestellt, bzw. Fischreusen für den Fischfang ausgelegt (im jetzt polnischem staatlichen Fischzucht-Teich!), im Hubertus-See Karte). oder Flusskrebse gefangen (im Flüsschen "Himmelwitzer Wasser" (genannt "Niwa"). In der Niwa haben wir gerne gebadet. Am Ufer war ein großer Baumstamm, wie ein Sessel, mit Rückenlehne, mein "Thron" - dort konnte ich stundenlang sitzen und ins Wasser schauen. Das Wasser selber, war trink-sauber.


Die "Niva" (mit Dieters Hund)



Kräuter haben wir für die Tante Gela gesammelt und dann getrocknet. Für Onkels Rheuma wurde eine Tinktur bereitet. Man füllte eine Flasche mit ein wenig Zucker-Wasser, legte diese in einen Ameisenhaufen mit roten Waldameisen. Waren genug Ameisen in dieser Flasche, wurde mit Alkohol (Spiritus) aufgegossen und die Flasche verschlossen. Ein probates Rheumamittel.

Onkel Rufin hat öfters die Tante in ihrer Strenge gebremst. Ich verdanke ihm alles. Er hat seine Aufgabe und Pflichten als Taufpate ernst genommen. Er hat seine Schwägerin, meine Mutter, gerne gehabt.

Es war ein gastliches Haus, was die vielen Bilder mit Besuchern zeigen. Auch zu meiner Zeit, in den 60gern kam die ganze Familie angereist. Sie sind dann "in die Pilze" gegangen. Die Gesellschaft, im Hochwald, dort gab es Steinpilze und Co., durchkämmte in einer langen Reihe den Wald. Weil sie Angst hatten, sich im Wald zu verlaufen, wurde sich ständig zugerufen. "Hallo, Ingrid!", "Hallo Lotte!" , "Hallo! hallo!" - es war lustig.  Die Zurufe sollten verhindern, dass sich jemand zu weit von der Gruppe entfernt. Bewaffnet waren wir mit großen Körben und kleinen scharfen Messern. Nach Onkel Rufin, durfte man nicht die Pilze herausreißen, sondern, die Pilze mussten unten abgeschnitten werden. Die Fundstelle durfte auch nicht zertrampelt werden. Sie wurde dann abgedeckt und man hat versucht, sich diese Stelle zu merken. Hatten wir Zweifel, ob der gefunden Pilz auch genießbar und nicht etwa giftig ist, wurde etwas vorsichtig gekostet: schmeckte es bitter, wurde aussortiert (etwas zweifelhafte Methode - alle haben überlebt!). Waren alle Körbe gut gefüllt, machte man sich auf den Heimweg. Gelegentlich wurden wir von Unwettern überrascht. Wir kamen dann völlig durchnässt bei Tante Gela an. Tante ist nie mitgegangen. Sie hat auf uns mit dem Abendessen gewartet. Die Pilze wurden gesäubert, gewaschen und zerteilt und in der Sonne getrocknet.
Am Besten waren die Pfifferlinge aus dem Gaida-Wald. Sie wurden dann in der Pfanne angebraten. Dazu gab es Wiesen-Champions und Fluss-Krebse aus der Niwa. Mit Rührei.

In der Saison wurde ich mit den Berufssammlern zum Beerensammeln losgeschickt. Eine Gruppe von auch 50 Sammlern machte sich frühmorgens auf den Weg. Große Körbe hatten wir und belegte Brote. Der Weg in den Hochwald (Toster-Forst) konnte auch bis 10 km reichen. Gesammelt wurden Blaubeeren (Jagody), oder auch Preiselbeeren (Borówki), oder Himbeeren (Maliny), je nach der Erntezeit. Die gesammelten Früchte wurden im Geschäft bei Onkel Franz A---l abgegeben.


Tantes Garten war groß (2.000 m²). Die verschiedenen Beete wurden, entweder mit faustgroßen Steinen, die weiß gekalkt waren, oder mit Flaschen, den Hals in den Boden gesteckt, abgetrennt. Sie hatte Kartoffeln, Karotten, Bohnen usw. angebaut.  Eine Selbstversorgerin. Große Blumenbeete hatte sie angelegt. Gelegentlich gab es Bestellungen aus dem Dorf, für Sträuße. Diese habe ich dann ausgetragen. Es gab von den Bauern dafür eine Kanne Milch.
(Wenn ich so überlege, dann waren es keine Bestellungen. Sie hat mich, den 5jährigen mit der Milchkanne und den Blumen hingeschickt.  Die Bauern hatten kein Herz, mich mit leerer Kanne zurückzuschicken. Es gab auch einen Bösartigen Bauern, dort bin ich sehr ungerne hingegangen. Auf seinem Hof herrschte ein Gänserich. Ein Bösartiges Federviech. Böse, durch und durch. Dieses Viech hat mich immer angegriffen und die Waden gezwickt. Die Bauern auf dem Hof hatten ihren Spaß und haben sich krumm dabei gelacht. Ich Hasse sie heute noch dafür. Es war gebettelt.)

Tante Gela hatte auch immer ein paar Reihen Spargel (den ich so gehasst habe. Ich mag auch heute noch nicht besonders Spargel.). Natürlich auch verschiedenes Obst. Äpfel, Pflaumen, Johannisbeeren-Sträucher. (Der Spargel in der Spargelsuppe war immer hölzern, oder ich bekam immer die hölzerne Enden. Die Köpfe bekam Onkel Rufin.)
Später wurde Onkel zum Imker. Er hatte mehrere Bienenstöcke. "Die Bienen haben feste Flugruten", sagte Onkel. "Du musst aufpassen, nicht in eine solche zu geraten, wenn sie schwer beladen zurückfliegen. Ein Mal hat sich ein Bienen-Volk Auszug, mit neuer Königin angekündigt. Onkel musste weg, ich sollte aufpassen, wohin der Schwarm hinfliegt. Ich hatte Glück, der Bienen-Schwarm ist nicht weit geflogen, sondern hat sich an einem Baum festgemacht. Die Königin auf einem Ast und Hunderttausende Bienen, eine auf der anderen, als richtig dicke Traube. Der Ast senkte sich unter dem Gewicht. Onkel hatte schmale lange Holzkästen mit Schiebedeckel. Ich habe den Deckel aufgeschoben und die ganze Bienen-Schwarm-Traube, mitsamt dem Ast in den Kasten gebracht. Deckel zugeschoben und den Ast abgeschnitten. So war das neue Bienenvolk eingefangen. Onkel war nach seiner Rückkehr, sehr zufrieden und ich sehr stolz auf mich.
Die Waben wurden kalt geschleudert. Beim schleudern gab mir Onkel immer ein Stück Wabe mit Honig zum Aussaugen. Mein Gesicht war voller Honig. Nach kurzer Zeit waren etwa 20 Bienen auf meinem Gesicht. Wenn man den Bienen nichts tut, tun diese auch nichts böses. Leider hat sich eine in mein Kopfhaar verirrt und kam nicht mehr raus. meine Versuche sie zu befreien, hat sie missverstanden, als Angriff und hat zugestochen. Das wiederum war ein Angriffsignal für die anderen. Gut 10 Stiche, oder mehr hatte ich abbekommen. Einen Stich unter das linke Auge, das war dann ein paar Tage komplett zugeschwollen. Dem Spott ausgesetzt. "Prügelei"? fragten die Nachbarn. Gut, dass ich nicht allergisch bin, und schade, dass die Bienen danach sterben müssen.

Tomaten hatte die Tante, reichlich. Morgens habe ich mir immer ein rote Tomate geholt und herzhaft Reingebissen. Dabei spritzte es auf meine Kleidung. Immer wieder ist mir das passiert. Tante hat die großen Tomaten grün geerntet, um sie zum Reifen, in der Küche ins dunkle zu legen. Die Schubladen im Küchenschrank, mit Geschirrtüchern ausgelegt, waren voll. Warum grün geerntet? Weiß ich bis heute nicht.

Hinten im Garten stand ein gemauerter Backofen (das Hexenhäuschen). Dort wurde Brot gebacken, riesige Leibe Brot. Für sich und die Nachbar-, Verwandtschaft. War das ein Duft. Gleich daneben hatte Onkel eine Sommerlaube eingerichtet, Eine Natur-Laube. Zwei Reihen schnell-wachsender Hecken, die in einer Höhe von drei Metern, oben zusammengeführt wurden. das war das Dach. In der Mitte darunter ein großer Holztisch und zwei lange Sitzbänke. Am Sonntag, bei schönem Wetter, wurde dort gegessen.

 Der Garten grenzte an bestellte Felder der Ortsbauern. Onkel hatte auch hinten im Garten eine Pforte. Zum Wald gingen wir immer hinten raus.

Mit den Dorfbewohnern hatte Tante nicht viel zu tun. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand eingeladen worden wäre. Es waren Bauern. Die Familien A---l dagegen, die vier Brüder (außer Johann, aber der war Groß-Bauer) Anton, Franz (Gaststätte und Geschäft, Metzgerei) und Rufin, waren Handwerker. Onkel Rufin gelernter Elektriker. Tante Gela eine Dame aus der Stadt. Eigentlich "aus der Welt", denn Stadt, das war das nahe gelegene Groß-Strehlitz. Alles, was dahinter lag, war "Welt". Im Dorf gab es Leute, die ihr Leben lang dieses Dorf nicht verlassen haben. Andere waren vielleicht mal "in der Stadt". Tante dagegen war in der Jugend viel gereist. Sie war am Rhein, an der Ostsee, in Holland. War belesen und gebildet. Sie hat unter der (geistigen) Einsamkeit gelitten. Besonders im Winter, denn da gab es keine Besuche "aus der Welt". Hinzu kam, daß es Deutsche gewesen sind. Die Winter waren sehr einsam. Es gab Schnee. Aber viel. Regelmäßig wurden wir zugeschneit. Gut, dass vor dem Hauseingang eine Laube (überdachte Terrasse) gewesen ist. So konnte man die Haustür aufmachen. Wir mussten uns "freischaufeln". Wir schaufelten dann Gänge in den Schnee, zuerst immer zu dem Plumpsklo. Mit dem Dieter haben wir verschiedene Muster in den Schnee gepinkelt.  Die Pinkel-Stelle war hinter dem Schuppen, mit entsprechender Geruchsbildung. Gemerkt (gerochen) habe aber nur ich es, die ersten Tage nach der Anreise. In der Landluft, die ohnehin voller Gerüche nach Stall und Dung gewesen ist, fiel das gar nicht auf. Die Bauern gingen dafür in den Stall, zu den Tieren.
Ich war ebenfalls, der Junge "aus der Welt". Die Dorfkinder konnten mit mir nicht viel anfangen und haben mich gemieden und gequält. Ein mal hat mich eine große Kartoffel, nach mir geworfen, unglücklich getroffen. Ich war kurze Zeit ohne Bewusstsein. Den anderen A---l- Kindern ist es auch nicht besser ergangen. Diese Dorftrottel, sie hatten alle einen komischen Haarschnitt, Glatze, nur vorne, vor der Stirn ein Haarbüschel, "Abreisskalender", sagte Onkel, haben sich mal die Alicia geschnappt und ihr den nackten Po mit schwarzer Schuhwichse eingeschwärzt. Es war so ein bescheuerter Brauch...
Cousin Dieter hatte dort auch keinen einzigen Freund.
Zu ihren Schwagern hatte Tante wohl auch keinen herzlichen Kontakt. Auf den vielen Familienbildern, von Feiern und Besuchen, sieht man keinen dieser A....s. Ich kann mich an keine Einladung erinnern. An Onkel Anton habe ich gute Erinnerungen - wie er geschickt beim Waschen, bzw. Rasieren mit einem Arm umging. Er war Kriegsverletzter. Von seinen drei Töchtern war die eine immer besonders nett zu mir.

Am Hausgrundstück, entlang der Straße, standen drei hohe Linden. Wahrscheinlich zur Ortsgründung (1832) angelegt. Es waren die höchsten Bäume im Ort. Man sah sie schon von weitem: "Siehst Du? Dort? die drei Linden, dort ist es !". Nach Stunden Fußmarsch, von Groß-Strehlitz, über Himmelwitz, war es ein erfreulicher Anblick. Endlich angekommen zu sein.

Liebenhain. Die drei Linden (im Hintergrund)
Im Hintergrund die drei Linden
Auf dem Bild: Im Garten. Tante Martha, Onkel Rufin, Frau Schütze, Mutter (Vorne: Rita und Ingrid)
 

Bei Tante gab es auch immer Lindenblütentee (Gut bei: fieberhaften Erkrankungen, grippalen Infekten und Katarrhen der oberen Atemwege und in Erweiterung bei Rheuma, Nierenentzündung und Ischias, wirkt beruhigend, schmerzstillend. Inhaltsstoffe: Flavonoide, Ätherische Öle, Pflanzensäuren, Schleimstoffe). Ich saß gerne unter der Linde und habe dem Summen der Millionen Insekten zugehört. Es waren schon riesige Bäume. Es gab auch Ärger mit dem Nachbarn gegenüber, ein Taubenzüchter. Seine Tauben landeten gerne in den Linden und dieser Nachbar warf mit Holzstücken, oder anderem Gegenständen nach diesen Tauben. Alles das landete auf dem Grundstück bei Onkel.
Die Dorfstraße war leicht abschüßig. Nach starkem Regen bildete sich ein kleiner Bach. Anlass für mich "Staudämme", nach Biber-Art zu legen.

Natürlich waren die Dorfstraßen nicht beleuchtet. Eines Tages, ich bin von Groß-Strehlitz zu fuß nach Himmelwitz und weiter nach Liebenhain gegangen. Es war spät, der Weg, etwa 15 km, war lang. Auf der halben Strecke des Himmelwitzer Weges, kam mir ein Moped entgegen. Ich wich aus, stand am Rand des Weges, da traf mich ein heftiger Schlag gegen den Brustkorb. Ob der Fahrer etwas, das sehr breit gewesen ist transportiert hat, oder ob er zum Schlag ausgeholt hat, weiß ich nicht. Ich bin in den Graben gefallen und blieb im Graben liegen. Es war schon dunkel, als ich zu mir gekommen bin. Im Dorf angekommen, war schon Nacht. Der Weg unbeleuchtet und der Himmel hat sich dunkel zugezogen. Es war dunkel, wie in einer ägyptischen Nacht. Ich musste mich an den Zäunen entlang vorantasten. Das dort auch ein Strommast stand, merkte ich, als ich dagegen geprallt bin. Es dauerte lange, bis Tante aufgewacht ist und mich reinlassen konnte. Es war ein langer Weg, von Hindenburg nach Liebenhain für mich.


Später, als ich die Abendschule besucht habe, wurde ich für die Tante zu einer Art Favorit. Ich hatte das Recht eingeräumt bekommen, in der "guten Stube" zu rauchen. Als einziger überhaupt. Tante Gela hat nach meinem Abschied die Gardinen abgehängt, um sie zu waschen.
Der Onkel hatte damals schweres Asthma. Ich höre heute noch seine Hustenanfälle. Natürlich durfte er nicht rauchen. Es war für ihn aber eine kleine Abwechslung, in seinem zu Ende gehendem Leben. "Peter" sagte er, wenn die Tante nicht zugegen war, "bitte mir eine Zigarette an!". Ich rief dann laut, so daß die Tante Gela es hören musste, "Onkel, rauch doch mal eine mit mir". Dann durfte er auch eine rauchen.

Onkel Rufin war auch Elektriker, Meister, so`ne Art, Bezirkselektromeister. Er hatte auch die Strommasten zu kontrollieren und, gegebenenfalls, die Stromleitungen zu reparieren. Dazu hatte er "Steigen", aus Eisen, mit Krallen, die man um die Schuhe anschnallen konnte. Mit diesen "Steigen" und einem Ledergurt um den Leib, konnte man auf die Strom-Masten hochsteigen. Es war immer ein Spaß für mich, hochzusteigen (auch wenn mir die Steigen zu groß gewesen sind).

Weiter musste Onkel die Transformator-Stationen pflegen. Es waren kleine Häuschen am Rande der Straße von Himmelwitz nach Liebenhain. Diese Arbeit teilte er sich mit noch einem anderen Elektriker. Dieser wurde mal vom Unwetter überrascht und hat sich in eins dieser Häuschen geflüchtet (kann sein, dass er betrunken gewesen ist). Er erlitt dort einen Stromschlag und ist verbrannt in diesem Transformator.
Später hat Onkel privat neugebaute Häuser in der Gegend mit Stromleitungen versorgt. Onkel hat mich zu Arbeit mitgenommen, wir sind mit Fahrrädern hingefahren. ich habe Löcher in die Wände gehauen, um die Steckdosen zu versenken (unterputz).
Für sich hatte er eine illegale Stromzufuhr, vor dem Stromzähler am Haus installiert (wer es kann?)

In dem "Wirtschaftsgebäude", gegenüber dem Wohnhaus, befand sich rechts eine Waschküche. Ein großer Herd, eine große Waschbottich und entsprechender Kochlöffel aus Holz. Hinten links in der Waschküche war eine Treppe in den Kartoffelkeller. Kartoffel holen war eine meiner Aufgaben. Der modrige Geruch und vor allen die Hunderte von Kellerasseln haben mich schon gestört.
In dieser Waschküche hatte Onkel Rufin seine Werkstatt. Dort konnte ich Stunden verbringen und mit den Ersatzteilen spielen. Er hatte wirklich alles, was man so als Handwerker benötigt, war gut sortiert. Alte Radiogeräte und ähnliches, hatte Onkel dort angesammelt


Mit meinem Cousin Dieter hat sich eine Freundschaft entwickelt. Er war damals Betriebselektriker im Hindenburger Kraftwerk. Er hatte eine weite Anreise. Zuerst mit dem Moped nach Groß-Strehlitz (ca. 11 km), dann mit der Eisenbahn, ca. 40 km und zuletzt mit dem Bus. Bei Schichtwechsel von Nachtschicht zu Spätschicht, oder von der Frühschicht zu Nachtschicht, war die Zeit zu kurz, um nachhause zu fahren. Dieter kam dann zu uns in die Wohnung. Wir saßen beide über einer Weltkarte und haben geträumt von Reisen in Fremde Länder. Zu dieser Zeit war absolut ausgeschlossen, dass einer von uns jemals ins Ausland würde reisen dürfen. Absolut ausgeschlossen! 
Onkel Rufin erkrankte an Magenkrebs. Er sollte operiert werden, aber die Kranken mussten selber für Blutkonserven sorgen. So lange musste mit der Operation gewartet werden. Unsere ganze Familie, mich eingeschlossen, ist nach Groß Strehlitz in dieses Krankenhaus gereist, um Blut zu spenden. Es war mir eine besondere Freude, Onkel Rufin diesen Gefallen zu tun.
Bei dieser Gelegenheit hat sich herausgestellt, die Blutuntersuchung bei Dieter hat es gezeigt, dass Dieter ernsthaft erkrankt gewesen ist (offene TB). Sein Blut konnte nicht verwendet werden, Dieter musste sofort im Krankenhaus bleiben, für mehrere Monate.
Dort hat er seine spätere Ehefrau Gertrud kennen gelernt, die in diesem Krankenhaus beschäftigt gewesen ist (sie hat in seiner Karteikarte gesehen, dass er im besten Alter ist, unverheiratet gewesen ist und einen guten Beruf hatte - so sagte man in der Familie). Sie waren lange verheiratet und haben zwei Söhne. (Dieter und Gertrud sind 2009 - leider beide verstorben. Gräber befinden sich am Himmelwitzer Friedhof. Zur Beerdigung konnte ich nicht hinfahren, habe es erst später erfahren, dass sie verstorben sind. Zuerst die Gertrud, dann der Dieter.)
Onkel Rufin hat diese Operation nicht überlebt.

In den Sommerferien wurde ich immer wieder auf einen Bauerhof in Hohenwalde O.-S. (Wierchlesie) geschickt, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit neun Jahren musste ich das erste Mal alleine mit der Eisenbahn hinreisen. Ich war stolz auf mich. Leider hatte ich nie Geld mitbekommen für die Heimreise. ich musste es mir dann erbetteln/erarbeiten. Die Frage nach einer Rückfahrkarte habe ich gefürchtet und gehasst. Es waren entfernte Verwandte.


In Hohenwalde OS. Links die behinderte Maria. In der Mitte Ingrid mit Freunden.
Unten ich.



Die Arbeit war hart, es wurde alles ohne Maschinen verrichtet (die "Befreier" haben alles nach Russland, bzw. Polen verbracht). Die Heuwiesen mussten gemäht werden und das feuchte Gras in der Sonne mit einem Rechen zum Trocknen immer wieder gewendet werden. War es trocken genug, wurde aufgehäuft und die Heuhaufen mit einem Leiter-Pferdewagen (Kühe wurden eingespannt, Pferde gab es nicht) aufgesammelt und auf den Hof gefahren. Im Hof wurde mit Mistgabeln der Wagen entladen, indem große Büschel hoch bis zu der "Fiśla", einer niedrigen, verschließbaren Öffnung, oben in der Scheune, wo das Heu gelagert wurde als Wintervorrat, gereicht wurden.
Bei der Getreideernte war die Arbeit noch schwieriger. Mit einer Sense wurde das Getreide gemäht, hinter den Mähern gingen die Frauen, die gebückt, mit einer Sichel in der Hand, immer so viel Getreide-Halme aufgenommen haben, dass es für eine "Puppe", eine Garbe reichte. In der Mitte wurden die Puppen festgebunden, ebenfalls mit einem Bündel dieses Getreide "Garben-Strick".  Aus Sparsamkeit wurde Stroh verwendet, bereits gedroschenes Getreide.  Mehrere Puppen wurden aneinander gelehnt zu größeren Einheiten zusammengestellt und mit einem Pferdewagen abgeholt. Jedes größere Dorf verfügte über eine gemeinsame Dreschmaschine. Angetrieben wurde sie über einen breiten Riemen vom Tracktor. ich war sehr geschickt, bei der Beschickung der Dreschmaschine. Der wichtigste Job. Man durfte nicht zu viel Getreide hineingeben, aber auch nicht zu wenig, damit die Arbeit voranging. Hinten fiel das leere Stroh heraus, vorne wurden Säcke angebunden, um die Körner aufzufangen. das ganze Dorf hat mitgemacht, man ging mit dieser Maschine vom Hof zum Hof. Bei den Kleinbauern wurde von Hand gedroschen, mit Klöppeln, Dresch-Flegeln:

"Höret die Drescher, sie schlagen im Takt: Klipp-klapp. Klipp-klapp", beginnt ein Kinderliedchen, dessen Originaltext erstmals im Göttinger Musenalmanach des Jahres 1787 erschien (Karl-Heinz Hentschel).

Wer vor 50 und mehr Jahren an Wintertagen durch ein Dorf ging, konnte aus manchen Gehöften das Klipp-Klapp der Drescher hören. Aus dem Rhythmus der Schläge ließ sich unschwer die Zahl der Drescher erkennen.

Das Dreschen mit dem Flegel war die härteste Arbeit des bäuerlichen Alltags, die überdies besonderes Geschick verlangte. Gedroschen wurde gewöhnlich nach der Feldbestellung, vorwiegend in den Monaten Oktober-Dezember. Musste ein bäuerlicher Betrieb sparen. so wurden sogleich während der Ernte einige Garben abgedroschen, um aus dem Stroh die erforderlichen Garbenstricke zu fertigen.

Für den Dreschtag wurde die Tenne ausgeräumt und vorbereitet. Hatte sie einen Lehmboden, so musste dieser geglättet und gestampft werden. Bei einer Tenne mit Holzbalkendecke genügte es, diese auszufegen. In der Regel geschah dies am Tage vor dem Dreschen. Nach der Größe des Raumes richtete sich die Zahl der Garben, die vom Obergeschoß der Scheune auf den Tennenboden geworfen und dort aufgebunden ausgelegt wurden. Meist entstand dabei eine viereckige Fläche, die etwa 18-32 qm bedecken konnte. Kreisförmige Auslegungen waren selten.

Die Ähren lagen stets innerhalb der Fläche, die Enden der Halme zeigten nach außen. Diese so zum Dreschen ausgelegten Garben nannten die Hardtbauern das "Sammet". Jetzt galt es außerdem ein Sperrbrett, ein Wagenteil oder eine Stalltüre bereitzustellen. Quer vor die offene Scheunentüre gestellt, sollte es die in diese Richtung fliegenden Getreidekörner abhalten. Ein Dreschflegel besteht aus der Handhabe, dem Stock, der etwa 1 1/2 m lang ist, und dem Schlegel oder Klöppel, der außerdem noch als Schlagholz bezeichnet wird. Die Verbindung zwischen dem Stock und dem Klöppel muss die zum Dreschen nötige Drehbewegung ermöglichen und gleichzeitig einen zuverlässigen Halt bieten.


Dreschflegel als Waffe
Da die Dreschflegel eine enorme Schlagkraft entwickeln können, ist es leicht möglich, damit mit einem einzigen Hieb einen Menschen zu töten. Deshalb wurde der Dreschflegel im Mittelalter neben der Sense oft als einfache Verteidigungswaffe verwendet. Die meisten Bauern kämpften im deutschen Bauernkrieg mit diesen beiden Waffen, während der Hussitenkriege gehörten Dreschflegel zu den bekanntesten und effektivsten Waffen des Hussitenheeres.
Der aus den asiatischen Kampfkünsten bekannte Nunchaku war ursprünglich ebenfalls ein Dreschflegel, den die Bauern zum Reis-Dreschen verwandten. Möglicherweise haben sich aus diesem Provisorium später der Streitflegel und/oder der Morgenstern entwickelt.

 

 

Das Plumps-Klo

Hinter dem Brennholz-Schuppen war das Plumpsklo. Onkel hat zwei Öffnungen für die Sitzungen angebracht. Eine große und eine kleine, für Kinder. Die Fäkalien Grube musste regelmäßig entleert werden, es war Dünger für die Rhabarberbeete. Im Winter wuchs ein gefrorener „Mann" in die Höhe. Dieser musste dann mit einem schweren Gegenstand "umgehauen" werden. Onkel Rufin hat mir von einem Geist erzählt, der manchmal in der Grube die Po´s abwischen würde. Ein Mal wollte er ihn auch sehen und hat sich mit seinem Glatzkopf über die Kinderöffnung hinuntergebeugt. Der Geist meinte es ist ein weiterer Po und hat über seine Glatze gewischt.

Die Tante hatte zwei ihrer drei Kinder verloren. Der Erstgeborene (Heinz) ist (mit 8 Jahren?) ertrunken, die Tochter Rita, mit 12 Jahren, an Blinddarmentzündung, durch die Dummheit des Arztes verstorben. Sie hat dann ihr einziges noch verbliebenes Kind, meinen Cousin Dieter mit Liebe und Fürsorge fast erdrückt.

1950 (oder 51?) sind wir drei Geschwister zusammengekommen und in diese Kellerwohnung in Hindenburg O/S gezogen. Dort habe ich das halbe 3. Schuljahr absolviert. Den Rest der Hauptschule (ohne Abschluss!) dann in Biskupitz (Hindenburg Nordost, Schule Nr. 21).

Als Kind

Ich habe weder ein Roller, Fahrrad, noch Rollschuhe, bzw. Schlittschuhe oder gar Ski besessen. Ich kann mich an keinen einzigen Schwimmbadbesuch erinnern. Wir haben kein einziges mal Urlaub gemacht.

((1)  (Weihnachten1945 waren wir drei Halbwaisen und wurden getrennt. Vater wurde Zwangsarbeiter in der Ukraine, Mutter lebte nicht mehr. Unsere Schwester Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie), die gerade Witwe geworden ist. Bruder Heinz wurde Landarbeiter bei der Familie des Bauern Hans A. und ich blieb bei Tante Gela (Angela)    ZURÜCK

(2) (Anm. vom 15.10.03. Sollte sich das Grab unseres Vaters auffinden lassen, werde ich eine Rückführung veranlassen. Eine Heimholung nach 60 Jahren. Er wollte nachhause. Alleine ist es ihm nicht gelungen, also müssen wir das jetzt übernehmen. Überführung nach Himmelwitz (Jemielnica), dort wo unsere Mutter bestattet worden ist. Möglich wäre auch die Stadt Hindenburg, bzw. die Stadt Ruda, seiner Geburtsstadt. Ruda wurde 1921, nach dem Plebiszit Polen zugesprochen. Mein Vater beherrschte deshalb auch die polnische Sprache.)   ZURÜCK

(3)  (Die "Gutmenschen" in der Bundesrepublik werden jetzt sagen, "das war positive Diskriminierung".)  ZURÜCK

Die Rußen wurden "heiß" gemacht. Heiß auf Deutschland, deutsche Schätze und Deutsche Frauen. Die Politoffiziere der Sowjets schulten die Rotarmisten entsprechend. Die Rotarmisten sollten besonders hart gegen die "Kapitalisten" vorgehen. Zu erkennen waren diese Kapitalisten an dem Besitz einer Uhr oder eines Fahrrades.

Die Rotarmisten sagten "Patschkoj pajdiom w germanij" - "Warte, wenn wir in Deutschland sind!".

Auf die Deutschen Frauen hat die Rotarmisten besonders der jüdische Schriftsteller Ilija Ehrenburg gehetzt. Nachfolgend zwei Artikel aus der "Prawda":

"Tötet!"

"Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet!
Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist.
Folgt der Anweisung des Genossen Stalin und zerstampft
das faschistische Tier in seiner Höhle.
Brecht mit Gewalt den Raßenhochmut der germanischen Frauen,
nehmt sie als rechtmäßige Beute.
Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet."
 

Mordhetzer  Ilja Ehrenburg (in Prawda) (Jetzt in der Hölle!)

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"Töte!"

 "Von jetzt an ist das Wort 'Deutscher' für uns der schlimmste Fluch.
Von jetzt an lässt das Wort 'Deutscher' das Gewehr von alleine losgehen. 
Wenn Du nicht einen Deutschen am Tag getötet hast, war der Tag verloren. 
Wenn Du glaubst, dass Dein Nachbar für Dich den Deutschen tötet,
hast Du die Gefahr nicht verstanden. 
Wenn Du einen Deutschen getötet hast, töte einen weiteren - nichts stimmt uns froher als deutsche Leichen."

 

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Die Deutschen sind keine Menschen (...)
Für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. 
Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: 
Die von Dir getöteten Deutschen! Töte den Deutschen!*

 

Mordhetzer Ilja Ehrenburg (in Prawda "правда) (Jetzt in der Hölle!)

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(11.08.09 / 21.03.2010 / 14.10.2012 / 4.01.2014)

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