Freund Kuba    Die Flucht    Zwangsarbeiter   Elternhaus

 

 

 

 

 

 

 

Die Jugend...

 

 

 

 

Zeitzeuge erzählt, 1953 - 1964 in Hindenburg OS-Biskupitz:
Peter U. Rathay

 

 

 

 

 

 

 Nach der fast vollständigen Vertreibung der einheimischen Bevölkerung aus Oberschlesien, der Autochthon, mussten die freigewordenen Wohnungen und Häuser und Bauernhöfe, mit neuen Bewohnern besiedelt werden. Dazu wurden großartige Rückführungsaktionen für so genannte "Repatrianten" gestartet ("Heimat"-Rückkehrer, polnische Emigranten). Sie sind aber nicht in die "Patria"= Heimat, also Polen rückgekehrt, sondern sind in das besetzte Deutschland eingewandert. Es waren Migranten, Zuwanderer, Ausländer, "Schlesier mit Migrations-Hintergrund", oder "Gorole" gespr. gorollä. Es handelte sich um Polen, die vor Jahrzehnten in den Westen ausgewandert waren. Vornehmlich nach Frankreich sowie nach Belgien in den dortigen Bergbau. Viele sind unterwegs in Westfalen im Bergbau "hängen" geblieben. Die polnischen Behörden haben dazu Werber in die Bergbaugebiete Frankreichs und Belgiens geschickt.

Diesen Migranten wurden von den Werbern voll funktionierende Bauernhöfe von vertriebenen Deutschen, mit gefüllten Kornspeichern sowie mit Kühen und Pferden im Stall, versprochen.

(Ein Hinweis eines Landsmanns aus Hindenburg, Klaus Hausmayer:
es waren keine Repatrianten, keine "Heimat-Rückkehrer", denn es waren keine Deutschen, auch keine Schlesier. Diese Menschen sind aus dem Ausland, als Ausländer in das besetzte Deutschland gekommen.)

Es war Betrug, denn für alle gab es das nicht. Außerdem waren die Vorräte längst aufgebraucht, die Tiere aufgegessen. Die besten Bauernhöfe haben die Funktionäre, für sich beschlagnahmt. Viele dieser Migranten waren sehr verbittert, aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr. Sie haben uns oft von ihrem Leben in Frankreich, bzw. in Belgien berichtet. Wir konnten es kaum glauben, so paradiesisch schien es gewesen zu sein. Manche haben dabei geweint und waren voller Wut auf sich selber. Sie hatten viele Vorteile, wurden privilegiert, aber ein Ersatz, für das, was sie zurückgelassen haben, war es keinesfalls. Andere Migranten, das waren Polen aus ehemals polnischen Gebieten im Osten, der Ukraine z.B. Es waren keine Vertriebene - es waren Umsiedler. Sie wurden zwar Zwangs-Umgesiedelt, aber diese Umsiedlung war human, so, wie sich das die Alliierten auch für die Deutschen gewünscht haben. Diese "Ukrainer" durften alles mitnehmen (wenn sie denn was besaßen!), und kamen aus dem Elend zum Wohlstand. Ins Paradies. Die Deutschen Vertriebenen, wurden ausgeraubt, gequält und ins Ungewisse, ins Elend geschickt. (3 Millionen Deutsche haben diese "Umsiedlung" nicht überlebt.)

War eine ausgesuchte Wohnung / Bauernhof noch mit Deutschen belegt, wurden diese in extra dafür eingerichtete Konzentrations-Lager verfrachtet oder einfach auf die Strasse gesetzt. Und das im strengen Winter 1945 (im Jan. 45 bis -22o C, bis 40 cm Schnee). Es gab mindestens 2.500 dieser KZ, die oft Todeslager gewesen waren. Bei bestimmten Lager-Kommandanten muss man von Vernichtungslagern sprechen, vom Holokost an der deutschen Bevölkerung. Siehe Prozess gegen Czeslaw Gemborski.
 
(Vor dem Woiwodschaftsgericht in Oppeln wurde am Freitag, dem 27. Januar 2001, der Mordprozess gegen den ehemaligen Kommandanten des Aussiedlungslagers Lamsdorf, Czeslaw Geborski, eröffnet. Die Bezirksstaatsanwaltschaft beschuldigt den heute 76jährigen der geistigen Urheberschaft von 48 Fällen von Totschlag zu tragen. Ohne Verurteilung verstorben. Schmort in der Hölle!)

Die Deutschen mussten weiße Armbinden tragen. Zugreisen in das Landesinnere waren den Deutschen untersagt. Nur in Richtung Westen durften Deutsche reisen.

Die Vertreibung war nicht vollständig. Im Gegenteil, Facharbeiter durften das Land nicht verlassen. Die Steinkohle musste weiter gefördert werden, der Stahl produziert werden. Nur in dem Maße, wie Migranten aus Belgien/Frankreich diese Arbeiten übernehmen konnten, wurden Deutsche Facharbeiter ausgesiedelt, später aber schon "human".

Diese Migranten genossen Sonderrechte, zuungunsten der Autochthonen (Autochthon: griechisch für Eingeborener, Unterschied zu Zugewandert / Ausländer / Migrant). Jedes Jahr mussten wir Kinder in den Schulklassen ein Formular ausfüllen, in dem angekreuzt werden musste: Autochthon: Ja/Nein. Diese Fragen nach "Autochthon" waren notwendig, nachdem die deutschen Namen in polnische geändert werden mussten. So hieß mein Freund "Kühn" nachher "Krawczyk". Mein Name polnisch geschrieben "Rataj" klang russisch, wir mussten nur die Schreibweise ändern. ("Rataj" ist in der russischen Sprache ein "bewaffneter Reiter"). Ein anderer, "Schütze" wurde übersetzt in "Strzelec", usw.
Die Diskriminierung habe ich persönlich in der 6. (oder 7.) Schulklasse erfahren, als nach dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, nicht ich, sondern ein Kind eines Migranten zum Landes-Wettbewerb geschickt wurde.

Ich war mit einem Migranten -Jungen angefreundet. Es war der Lubon (Lüboh), der in meine Klasse ging. In diese klasse ging auch der "Dreifinger". Bieniok (oder Chmielok?) (Eis-Bieniok), Sohn des Eis-Café - Zuckerwarenfabrikbesitzers. Sein Onkel (oder war das sein Vater?) hat uns Kinder gerne bei der Bonbonherstellung eingespannt. Er hat uns auf eine unverschämte Weise ausgebeutet. Ganzen Nachmittag, bis abends für eine Handvoll Bonbons mussten wir arbeiten. Es galt, eine Pressmaschine mit einer Kurbel zu drehen. Oben, in den Trichter, kam die Zuckermasse, unten fielen dann die Bonbons heraus. Der Onkel galt als Schrullig. Er wähnte sich einen Opernsänger und hat auf der Straße, oder in der Straßenbahn, laut Arien geträllert.

"Dreifinger" hatte an der rechten Hand, von Geburt an, nur drei Finger. Über seinen Onkel verfügte er über Unmengen an Schokolade, so wie an anderen Süßigkeiten und konnte uns verschiedentlich einsetzen. Zum Beispiel sollte ich für eine Tafel Schokolade auf den Hochspannungsmast klettern. Ich glaube, er hat gehofft, dass ich herunterfalle. Zunächst hat er sich geweigert, die Schokolade herauszurücken, nachdem ich gesund wieder herunter gekommen bin. Es hat ihm nicht bekommen! Die Schokolade haben wir uns dann geteilt. 
Er erzählte uns lustige Geschichten aus den niederen Schulklassen. Es wurden Finger bei kleinen Rechenaufgaben eingesetzt. "Wie viele Finger hast du, Bieniok? Zähl mal". "Acht, Herr Lehrer."

Die Freundschaft mit dem Lubon ist nicht gut ausgegangen. Es drohte ihm das Sitzen bleiben, er hatte Angst und hat überlegt, von zu Hause wegzulaufen. "Kommst Du mit?", er hatte Angst alleine wegzulaufen. Als es dann so weit war, das schlechte Zeugnis ausgehändigt, hat mein Lubon erzählt, ich hätte ihn dazu angestiftet, abzuhauen. Er wollte damit vom Zeugnis ablenken. Es gab ein riesiges "Tamtam". Ich sollte von der Schule gewiesen werden. Eine Lehrerin hat sich der Sache angenommen und hat den Sachverhalt richtig gestellt. Später wurde er von mir dafür verprügelt.  

Deutsch sprechen verboten

Link

( Dokument przechowywany jest w Archiwum Akt Nowych Dokument wird aufbewahrt in:)
(Mikrofilm 2152 / 5. sygn. 295/X - 40. k 26.27).

Hindenburg Nordost. Biskupitz.

Wir haben in einer Kellerwohnung in Hindenburg OS gehaust, in der Florianstraße 11  (sw. Floriana), bis unser Bruder seine Ausbildung zum Schlosser beendete und eine Anstellung als Schlosser im "Institut für Chemische Kohleveredelung" angetreten ist. Sein Meister hat uns in dieser Keller- Wohnung besucht. Er war entsetzt und weil gerade eine Betriebswohnung frei geworden ist, hat er diese Wohnung an ihn vermittelt. Wir durften sofort umziehen. Er besorgte einen alten Laster, mit dem wir mit unseren Habseligkeiten umziehen konnten. Ich sehe mich noch, auf diesem Laster sitzend.
Diese Wohnung in einem Vorort von Hindenburg O/S, Hindenburg-Nordost,  in der Beuthenerstraße 75, im 1. OG. (Biskupitz, der älteste Stadtteil, erste Erwähnung aus 1280). Früher war es die "Zabrzaer Straße", dann die "Beuthener Straße". Nach der Besetzung Schlesiens "ul. Bytomska", später "ul. Pstrowskiego" (nach dem Migranten aus Belgien, Vincenty Pstrowski, ein kommunistischer Arbeiter-Verräter und Betrüger). Nach der Befreiung Polens von der russischen Besatzung 1989, wieder "ul. Bytomska".


Hinterhof, Florianstraße 11 (heute Garagen)

Biskupitz - Hindenburg-Nordost, Beuthenerstraße


Frontalsicht, mit Pinkelhaus, rechts

Das "Burek"-Haus in Biskuptz
Das "Burek"-Haus in Biskupitz

Links vom Kriegerdenkmal, gegenüber der "Roten Burg"
Links von der "Roten Burg",
mit Krieger-Denkmal

Die "Rote Burg", gegenüber das Krieger-Denkmal
 Die "Rote Burg", gegenüber von Krieger-Denkmal

Zwei Zimmer mit Küche waren für uns, den Rest dieser 6 Zimmer-Wohnung bewohnten zwei andere Familien, mit jeweils einem Kleinkind. Die Wohnung war sehr komfortabel. Ein langer Korridor, "Entree", links und rechts die Zimmer. In der Küche ein großer Küchenofen, Gas-Anschluss (Das Gas kam von der Grube, von der Kokerei und hat nichts gekostet). Vor dem Haus war die Straßenbahnhaltestelle, etwas weiter die Bushaltestelle. Gegenüber die Kneipe "Urban" früher Muskalla. Links Gegenüber war ein öffentliches Pissoir. Ein rundes, niedriges Gebäude. Dort residierte eine Toilettenfrau, die wir gelegentlich geärgert haben.


Hugo Muskalla, jetzt Johann Urban - gegenüber

Mit noch einer anderen Familie in der selben Wohnung zu leben, war nicht ganz unproblematisch. Wir haben unsere Zimmer nicht abgeschlossen. Später haben wir erfahren, dass die Nachbarin Ingrids Strümpfe gerne getragen hat. Ingrid hat sich gewundert, woher die Laufmaschen kommen.

Ich musste leider mitten im Schuljahr die Schule wechseln. Es blieb für mich nicht ohne Folgen. In der Schule in Hindenburg OS war ich Klassensprecher, in dieser neuen Schule wurde ich nicht mehr heimisch. Mein Klassenlehrer (der "Graukopf", "Siwek"), war ein verdienter Partisan, ein Migrant, der das Schreiben und Lesen beherrschte. Dumm wie Stroh. Sein "Unterricht": Kapitelweise aus dem Buch vorlesen und dann abfragen: jede Abweichung vom text, wurde als "Fehler" gewertet und entsprechend benotet. Eine, wenn auch gute, Nacherzählung, hat er nicht geduldet. Er konnte es nicht Nachverfolgen - Dumm, wie Stroh eben. Er hat mir besonders viel Ärger gemacht, er war ein Deutschen-Hasser der übelsten Sorte.

Biskupitz O,-S. kath. Schule (Schule 21), 1925
Unsere Schule Nr. 21 (1925)



Endlich hatte ich ein eigenes Bett. Der Vermieter, der Großbauer Herr Burek, war über diese Mieter, zwei Heranwachsende und ein Kind gar nicht erfreut. Er hat uns all die Jahre schikaniert. Es war ein vornehmes Haus. Ein Zahnarzt (Herr Chlapik) hatte dort seine Praxis. Der General der "Jungen Pioniere", die in Polen "Harcerze" heißen, hat dort ebenfalls gewohnt (sie hatten unten auch ein kleines Drogerie-Geschäft). 

Die Bewohner, aus dem Einwohner-Buch von 1938: Eigentümer: Peter Burek

Eigent.    Burek, Peter, Landwirt
Chlapik, Gerhard,
Dentist
Engel, Walter,
Kaufmann
Geyer, Kurt,
Drogeriebesitzer
Hellwig, August,
Invalide
Kulawik, Magdalene,
Witwe
Muhl, Amand,
Lehrer

     

Salamon, Wilhelm, Steiger
Schneider, Artur,
Kaufmann
Schneider, Karl,
Bergarbeiter
Scholz, Georg,
Monteur
Stannek, Wilhelm,
Kriminal-Sekretär
Wojnar, Emanuel,
Kutscher
Wyschka, Hedwig,
Schlosser



Ich bekam vom Herrn B.  so manche Ohrfeige, aber mit Schmackes, dass es mich zu Boden geworfen hat. Immer stellvertretend für die anderen, z.B. für den Sohn des "Generals". An ihn hat er sich nicht getraut. Er war brutal auch zu den Tieren. Ein mal hat er seinen Hofhund zum Krüppel getreten. Herr B.  war "praktizierender Bauer", er hatte Kühe, einen Zuchtbullen, Pferde und einen Pferde-Knecht.
Für uns war es günstig, wir konnten unsere Matratzen regelmäßig mit frischem Stroh füllen. 
Dieser Pferdeknecht, ein Pole, der nie gesprochen hat, hat regelmäßig seinen Wochenlohn, in der Kneipe gegenüber, "Bei Urban" in Wodka investiert. Er schlief dann im Stall, unter seinen Pferden. 
Dieser Zuchtbulle, zu dem immer wieder Kühe zum Decken gebracht wurden, hinten im Hof hinter dem Stall, hat mir geholfen den Jan K. aufzuklären. Er, der 11jährige wurde von Mutter und Tante verhätschelt. Sie badeten ihn jeden Samstag in der Küche in einer Zinkbadewanne. Sie erzählten ihm vom Klapperstorch. Ich wollte ihn aufklären, aber er hat es mir nicht geglaubt. da traf es sich gut, dass gerade eine Kuh zum Decken in den Hof getrieben wurde. Von einem Flurfenster oben, hatte man guten Einblick auf das Geschehen. Jan war erschüttert. Seine kleine Welt ist zusammengebrochen. Er hat seiner Mutter Vorwürfe gemacht, weil sie ihn angelogen habe. Die Konsequenz war, dass er mit mir nicht mehr spielen durfte. Später habe ich gehört, dass ein älterer Schwuler dem Janek ein Fahrrad geschenkt haben soll. 
Gerne denke ich an die Besuche des Neffen der Zahnarzt-Familie Chlapik zurück. Er besaß einen "Stabil- Metallbaukasten", mit dem er nichts anzufangen wusste. War er zu Besuch da, durfte ich mit diesem Baukasten spielen. Es waren Teile aus Metall, mit richtigen Schrauben und Muttern. Es war immer das Größte für mich. (Zwar nur auf dem Balkon, aber immerhin.) Ich habe große Last-Kräne gebaut - es war herrlich. Sie haben mich geduldet, weil der Neffe, mein Freund das so wollte. Einmal durfte ich auch mitessen. Sie haben wohl meine hungrigen Augen auf dem Balkon gesehen, und haben mich hereingerufen. Es war gut, mal ein richtiges Essen zu bekommen. Als Zahnarzt (eigentlich Dentist, ohne Universitäts-Studium) gab er nicht viel her. Meine Zähne hat er ruiniert. Man erzählte sich, daß er drei Mal die Arzt-Prüfung, ohne Erfolg versucht hatte.

Es gab auch eine große Hochzeit. Bauer B.  hat eine junge Bäuerin geheiratet, man sagte unter uns "Vermögen hat Vermögen geheiratet". Es kamen auch Kinder.

Direkt vor unserem Haus, in "Mitte-Biskupitz" war die Straßenbahn-Haltestelle: die "5" fuhr  von Hindenburg-Hbf bis Beuthen. Im Haus selber waren Lebensmittelgeschäfte untergebracht. Leider auch ein Fischladen! "Frische Fische". Wir hatten keine Mieter unter uns und konnten bei Partys ordentlich abtanzen (meine Geschwister, später auch ich). Zum Tanzen wurde der Holzboden mit Wachskerzen-Schnipseln behandelt. Mein Bruder besorgte ein altes Grammophon und ich war der Platten- Aufleger. Nachteil war im Winter, der kalte Fußboden. Von unten wurde nicht geheizt.

In der Küche war ein Kohleofen, mit einem Aufbau, wie es die russischen Wohnöfen hatten. Nur nicht ganz so groß. Auf den sibirischen Öfen konnte die ganze Familie Platz finden. Sie schliefen auch auf diesen Öfen. Unser Ofen hatte genug Platz für mich. Ich konnte, oben sitzend, ein Buch lesen. Dieser Ofen musste aber erst angefeuert werden. Geheizt wurde mit Steinkohle, zum Feuerentfachen wurden Holzsplitter benötigt. Mehrmals habe ich versucht mit Zeitungspapier die Kohlen anzuzünden. Es war kein Kleinholz da. Es ging leider nicht. Auch mit einer Gasflamme die Kohlen anzuzünden ging nicht. Versuche mit der Gasflamme alleine zu heizen, brachten auch keine Wärme, nur der Sauerstoff wurde verbraucht. Daß es gefährlich war, muss nicht erwähnt werden. Ich musste dann frieren, bis meine Geschwister nachhause kamen.  Meine Geschwister arbeiteten auf der Grube und bekamen "Deputat-Kohle" zugewiesen. Acht Tonnen Kohle jährlich, 6 To. in Natura, zwei T. ausgezahlt, wir konnten ein Wenig davon weiter verkaufen. Herr B.  hat mit seinem Pferdewagen diese Kohlen angefahren und kippte die Ladung auf den Bürgersteig vor dem Haus. Mit Eimern habe ich diesen Kohlehaufen, immer eine Tonne, in den Keller tragen müssen. Im zweiten Zimmer, das früher das Wohnzimmer dieser 6-Zimmer - Wohnung gewesen ist, war ein hoher Kachelofen. Manchmal am Sonntag und immer zu hohen Feiertagen, wurde angeheizt. Es war schön.
Jeden Morgen war diese Wohnung "sau-kalt". Es war ein Problem, vor der Schule im eiskalten Wasser sich zu waschen. In der Schule wurde kontrolliert, ob man gewaschen angekommen ist - es war schon ein Problem für mich. Die Lehrer haben mich dann zum Waschen zurück, nachhause geschickt.
Es gab Morgens nichts Warmes zu trinken und auch meistens nichts zu essen. Manchmal bin ich einfach im Bett liegen geblieben. Es war zu kalt zum aufstehen.

Die Küche hatte einen kleinen Balkon zum Hof. Die Balkontür war undicht, mit einfacher Verglasung, in kalten Wintern war alles in der Küche eingefroren. Die Kälte war unerträglich. Erst nach zwei Stunden,  lieferte der Küchenofen ein wenig Wärme. Auch das hatte Einfluss auf meine Tuberkulose. Irgendwann ist es jemandem aufgefallen, ich wurde zu Untersuchung zum Röntgen geschickt. Ergebnis: offene TB. (Anstatt die Türen zu erneuern, wurden die Balkone abgerissen und zugemauert
(Heute, 2009) . Auch eine Möglichkeit, Probleme zu lösen - auf polnische Art).


Unsere Küche mit Balkontür, mit Ingrid, 1953

Hinterhof, Burek-Haus in Biskupitz (Hindenburg Nordost)
"Unser" Haus heute. Balkone abgerissen.


Mit einigen anderen betroffenen Schülern wurden wir in die Berge ins Sanatorium, für 6 Wochen geschickt. Dort konnte ich das erste mal nach dem Krieg mich satt essen. Nach Jahren wieder ein Stückchen Hartkäse gegessen.
Die TB ist ausgeheilt, im Röntgenbild sieht man heute einige "verkalkte Stellen" in der linken Lungenspitze.

Bei jeder Röntgen-Untersuchung, werde ich heute auch auf die fünf gebrochenen und schlecht abgeheilten Rippen angesprochen. Kann von den Milizen, bzw. den ORMO stammen, oder auch von einem der vielen (leichten!) Arbeitsunfälle Untertage. Genau lässt sich das heute nicht mehr sagen.

Die Familie meiner Mutter war sehr gesellig und gastfreundlich. Gerne erinnere ich mich an die Geburtstage und sonstige Familienfeste. Es gab Klöße, entweder "polnische", "halb-und-halb", zur Hälfte rohe und gekochte Kartoffel, oder "Gummi-Klöße", nur gekochte Kartoffel  und Karnickel-Fleisch. Vetter Willy hatte immer Stall-Hasen in Zucht.
Bei ganz besonderen Anlässen gab es Bohnenkaffe. Die Kaffee-Bohnen wurden peinlich genau pro Tasse Kaffee abgezählt und in einer Kaffeemühle, die am Türpfosten angebracht war, gemahlen. War das ein Duft. Es gab immer Nachtisch, Pudding mit Vanillesoße, mit selbst gesammelten Himbeeren. Die Geburtstags-Torte, immer 10-Stöckig war der Höhepunkt (natürlich mit einfachen Füllungen, wie Marmelade, Sahne). Ich denke gerne an die Einladungen zu Cousine Charlotte. Gelegentlich ärgerte mich Cousine Charlotte, die Lotte: "Na Peter? Weißt du schon, wo zu du "ihn" hast?". (Später mal, hab` ich als Antwort der Lotte meinen zerkratzten Rücken gezeigt - da war sie sprachlos!).
Es war dort immer schön, immer ohne Probleme. Leider hat sie meine Deutsch-Sprachübungen torpediert. Sie hat mich immer ausgelacht, mit dem Ergebnis, dass ich es nicht mehr versucht habe. Mir fehlte dann die Sprach-Praxis.

Die Familie meines Vaters hat sich völlig zurückgehalten, Ich bin nie eingeladen worden, mit mir haben sie nicht gesprochen, als wäre ich nicht existent. Ich habe es nie verstanden. Bei Onkel Paul war ich im Ganzen zwei Mal gewesen, "Geld borgen". Auch untereinander, waren sich die, von des Vaters Seite, nicht "grün" untereinander. Das gilt bis heute.
Warum? Ich habe nachgeforscht.

Evangelisch - Katholisch

Die Familie meines Vaters wurde evangelisch. Es soll sich so zugetragen haben. Es waren 6 Kinder in der Familie. Ein Kind (also eine weitere Tante) hat sich mit kochendem Wasser verbrüht und ist daran gestorben. Oma hat Wäsche gewaschen. Auf dem Herd stand ein Bottich mit heißer Lauge. Die 6jährige musste bei der Wäsche helfen. Irgendwie hat sie es geschafft, sich den Bottich mit der heißen Lauge überzugießen.

Es war eine wirtschaftlich sehr schwierige Zeit, durch Arbeitslosigkeit geprägt. Geld, um eine Beerdigung zu organisieren hatten sie nicht. Der kath. Pfarrer hat aber auf Bezahlung bestanden. "Wenn ihr kein Geld habt, dann müsst ihr was verkaufen, eine Zudecke z. Beispiel"  sagte er trocken.
Der Pastor in Biskupitz war sofort bereit, auch ohne Bezahlung das Kind zu beerdigen.
Das war Anlaß genug, für die Großeltern, evangelisch zu werden.

Einige Familienmitglieder, jetzt evang.  waren tief gläubig. Einige haben katholische Frauen gefunden. Mischehen waren nicht üblich, kirchliche Trauung ein Muß. Ich rechne es den Männern hoch an, darunter auch meinem Vater, daß sie, die Männer, den Bruch mit ihren Familien auf sich genommen haben. Die Frauen benötigen dringend ihre Familien, ihre Mütter und Omas. Die Männer hatten es einfacher. Vater wurde, um Mutter heiraten zu dürfen, katholisch.
Nach dem verlorenem Krieg und der Besetzung Schlesiens durch Sowjets, und kurze Zeit später durch erzkatholische Polen, wurde es für die Evangelischen unerträglich schwer. Sie hatten es noch schwerer, als die katholischen Landsleute. Auch dann, wenn sie polnisch klingende Namen hatten, waren sie, als Evangelische, verhasste Deutschen.
Den Protestantismus, eine Deutsche Erfindung, brachten die Deutschen nach Schlesien (und Polen). Die Deutschen wurden gehaßt, aus rassistischen Gründen, die evangelischen Deutschen, zusätzlich, aus religiösen Motiven.
Einige haben sich dem Druck gebeugt und sind katholisch geworden.
Dagegen die tiefgläubigen Protestanten, wie z.B. die Tante Grete, blieben Standhaft, blieben ihrem Glauben treu. Tante Grete sagte: "alles haben die uns schon genommen. Aber meinen Glauben geb` ich nicht her. Lieber sterben".
Diese Haltung verdient meine Hochachtung. Auch wenn ich die verstehen kann, die, um die Familie, die Kinder zu schützen, ihren Glauben "verraten" haben.
Es gab auch profane Gründe für die Konversion. So hatte ein Cousin einen besonders strengen Pastor im Religionsunterricht. Dieser Pastor hat die Kinder viel und hart geprügelt. Da wollte er doch lieber in den katholischen Religionsunterricht gehen. Der Pfarrer dort war sanft und gütig.


Onkel Paul muß ich hoch anrechen, daß er, selber mit vier eigenen Kindern gesegnet, ein verwaistes Kind, aus der Konvertiten-Familie, nämlich unseren Bruder Heinz, bei sich aufgenommen hat. Onkel Paul: "wo vier Kinder satt werden, wird auch ein fünftes Kind satt". "Heinz muß aber was lernen", sagte Onkel Paul. Er hat Heinz nicht nur ernährt, sondern ihm auch eine solide Ausbildung ermöglicht. Heinz hat Schlosser gelernt. Heinz ist diesem Beruf treu geblieben und hat bis zu Rente, gutes Geld damit verdient. Heute (Jahr 2010) freut er sich über eine gute Rente, kann viel Reisen und das Leben genießen. Dank dem evangelischem Onkel! (Mir wurde erzählt, dass, als der Onkel Paul gesehen hatte, welche schwere Feldarbeit der Heinz beim Bauern verrichten muß, für ihn feststand, den Heinz da wegzunehmen.)

Meine gleichalte Cousine Helga hat im selben Ort wie ich gewohnt. Durch Zufall habe ich von ihrer Existenz erfahren. Ein Freund sagte mal zu mir, daß er ein Mädchen kennen gelernt hatte, das "so heißt, wie du" und in die Schule 22 Borsigwerk,  geht. Auf Nachfrage in der Familie, hieß es dann: "ja, das ist doch deine Cousine". Ich bin heute noch deswegen "eingeschnappt". Uns beiden wurden mehr als 15 gemeinsame Jahre gestohlen. Heute sind wir befreundet und halten Kontakt.

Im Sommer habe ich auch für den Bauern B. in Biskupitz gearbeitet. 4 Stunden Kühe hüten für ein 1/2 Liter Milch. Als ich den Lohn auf einen ganzen Liter erhöhen wollte, durfte ich nicht mehr kommen.
Alo (Albert Krawczyk, früher Kühn), mein Schulfreund, hatte einen festen Job als Kühe-Hüter bei Bauer Grabka. Er wurde von den anderen Kindern verspottet, als "Krowiarz" von (Krowa=Kuh). Mein Hinweis, dass er eigentlich ein "Cowboy" wäre, konnte ihn nicht trösten. Die Familie Krawczyk hatte fünf Kinder, der Vater war Kriegsversehrt, Beinamputiert.
Alo´s Mutter hatte nichts gegen Zigarettenrauchen. Das haben wir immer bewundert. Wir mussten es heimlich tun. Im Kino, die Mutter Kühn (Krawczyk) war immer dabei, hat sie dem Alo die Hand vor die Augen gehalten, wenn eine Kuss-Szene gezeigt wurde.

Kleider waren allgemein ein großes Problem. Die Hosen hatten durchgewetzte Knie und auch einen durchgewetzten, löcherigen Hosenboden. Es wurde geflickt. Ich habe mich immer geschämt, für diese Lumpen. Es war gut, dass es in der Berufsschule eine Uniform gab.
Zu meiner "Ersten Heiligen Kommunion" hat meine Schwester einen neuen Anzug für mich organisiert. Eine Bekannte (Verwandte?) junge Hobby-Schneiderin hat es für mich
geschneidert. (Wobei diese Schneiderin, für mich ärgerlich, etwas zu forsch ermittelt hat, ob "Links- oder Rechts-träger"). Kurze Hosen und eine Jacke. Für sich hat Ingrid, aus einer alten Gardine, ein Kleid geschneidert.

Vor der "alten Kirche" in Biskupitz

Unser Bruder Heinz

Heinz Emanuel
Unser Bruder Heinz Emanuel

Bald nach Einzug in diese neue Wohnung musste Heinz zum Militär. Es muss eine grausame Zeit für ihn gewesen sein. Auf die Deutschen hatten die dort ein besonderes Auge. Es war nicht nur das Essen, jeden Tag Graupe (Kasza: "Kasza, kasza, Polska nasza"- etwa: "Graupe, Graupe, Polen unser"), sondern der militärische Drill.
Es war verboten, zum Gottesdienst eine Kirche aufzusuchen. In der Urlaubszeit war verboten den Urlaubsort zu verlassen. Verboten wurde auch, während der 3-jährigen Militärzeit die Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Auch während des Urlaubes nicht. Sie haben versucht, die verhasste Uniform, wenigstens für ein paar Tage abzulegen. Die örtlichen Behörden wurden über den Urlauber informiert und haben unangemeldete Kontrollen durchgeführt. 
Gegen diese Vorschriften hat unser Bruder immer wieder verstoßen. Sie sind in einer kleinen Gruppe Sonntags über den Zaun aus der Kaserne geflohen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Es blieb nicht ohne Folgen. Er wurde vor das Militärgericht gestellt und abgeurteilt. Er wurde zu einer hohen Strafe verurteilt. Nach 4,5 Jahren kam er, seelisch gebrochen aus dem Militärdienst zurück. Ich bin stolz auf meinen Bruder, dass er standhaft geblieben ist

.
Wäre er mit Auszeichnungen, mit Orden, oder einem höheren Dienstgrad zurückgekommen, hätte ich mich für Heinz geschämt. Er hat Widerstand geleistet, wenn auch nur passiv. Er wurde nicht zum "polnischem sozialistischen Mustersoldaten". Das Kalkül der polnischen kommunistischen Machthaber, ist nicht aufgegangen.
Er hat nie über diese Zeit gesprochen.
Heinz hat eine kurze Zeit, bis zu seiner Hochzeit, bei uns gewohnt. Er hat sich eine alte Militärmaschine, eine DKW, ein Motorrad besorgt, es flott gemacht.
Ein Mal hat er mir eine Aufgabe gestellt, nicht annehmend, dass ich sie löse. "Wenn du dieses Getriebe zusammenbaust, kriegst du Geld fürs Kino". Nach zwei Stunden hatte ich das Getriebe zusammengebaut. Sauer wurde ich, dass Heinz dann sein Wort nicht gehalten hat. 
Auf Ausflügen mit einem Freund in die Umgebung (Dorfmädchen aufreißen), hat er seine spätere und heutige Ehefrau Helga kennen gelernt. Sie sind dann in eine gemeinsame Wohnung nach "Helenka" gezogen.
Wenn man die Jahre zusammenzählt, die wir Geschwister zusammengelebt haben, dann sind es mit meinem Bruder nur ganz wenige gewesen.
So gesehen, sind wir keine Brüder, wir sind getrennt aufgewachsen.

Gelernt und dann gearbeitet, hat Heinz im "Schloss-Borsigwerk". Dort haben die neuen Herren, die Besatzer, das "Institut für chemische Kohleveredelung" (Instytut Chemicznej Przeróbki Węgla) untergebracht. Nach dem "Militär" und der Heirat, hat Heinz nur noch Untertage gearbeitet. Ich nehme an, nach der "unehrenhaften" Entlassung aus dem Militär, durfte er nicht mehr an seine alte Arbeitsstelle zurückkehren.


Danach: "Institut für chemische Kohleveredelung" (Instytut Chemicznej Przeróbki Węgla).

Ingrid Beate

Unsere Schwester Ingrid Beate (auf den zweiten Vornamen: die Glückliche", war sie besonders stolz) hat Arbeit in der Zechenverwaltung gefunden. Begonnen hat sie als Referentin in der Abteilung für Arbeitsdisziplin (1950). Zu ihren Aufgaben gehörte, eine Liste der Arbeiter mit Fehltagen zu führen. Fehlte ein Arbeiter drei Tage im Monat, unentschuldigt, sollte sie eine Meldung beim Staatsanwalt einreichen. Bei Wiederholung konnte auch zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden, wg. "Sabotage". Außerdem gab es in Hindenburg OS am Hauptplatz einen Aushang, mit den "Bummelanten", mit Bild und vollem Namen. Ein Pranger. Arbeitszwang, für die Einheimischen, totale Ausbeutung, der Menschen und der Ressourcen. Die polnischen Machthaber haben damit gerechnet, bald wieder Schlesien verlassen zu müssen. Außerdem war ein starker Druck der Besatzer auf Lieferungen nach Rußland.


Entlassungsbescheinigung

Ingrid hat so manchen vor dem Gefängnis bewahrt, immer auch selber deshalb mit einem Bein im Gefängnis stehend.


Arbeitskolleginnen (Abschiedsgeschenk)

 

Neue Schuhe

Die einzige gute Erinnerung an meine Schulzeit waren, neben dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, die neuen Schuhe, das einzige "Geschenk" der Polen an das Autochthon-Kind. Einer Lehrerin ist aufgefallen, dass die Sohle an meinem rechten Schuh schon zur Hälfte abgelöst gewesen ist. Ich musste diese Schuhsohle mit einem Bindfaden an den Fuß festbinden, um nicht zu stolpern. Außerdem waren beide Schuhsohlen durchgewetzt, löcherig. Bei Regen und bei Schnee, waren die Füße immer nass. Diese Lehrerin hat bewirkt, dass die Schule mir neue Schuhe geschenkt hat.

In der Schule wurde viel geprügelt und bestraft. Eine der Strafen war, in der Reihe der Mädchen zu sitzen (es war eher angenehm für mich!). Die andere Strafe war, ein Verbot an die anderen Schüler, mit der/dem Schuldigen, in den Pausen zu sprechen/zu spielen. In der Ecke stehen oder knien war auch eine übliche  Bestrafung. Der Schuldirektor (Zenon Różankowski 1950 - 1970)     hat vom Rohrstock gerne und oft Gebrauch gemacht. Auf die ausgestreckte, flache Hand. Bis es Blasen gezogen hat. Wütend hat es ihn immer wieder gemacht, dass ich, mit fast stoischer Miene, diese Prügel hingenommen habe. Er hätte mich gerne winselnd und heulend gesehen. Diesen Gefallen habe ich ihm nicht getan.
Eine besonders brutale Lehrerin, die mich wieder schlagen wollte, wurde von mir mit einem Fausthieb niedergestreckt. Ich sollte, wieder mal, von der Schule gewiesen werden.
 

Das Goldkettchen

Mit etwa 10  bis 11 Jahren, wurde ich und ein gleich alter Freund verdächtigt, ein Goldkettchen gestohlen zu haben. Wir waren es nicht gewesen.

Wir wurden verhaftet, abgeführt und einzeln in eine dunkle Arrestzelle gesteckt. Nach Stunden, wir sollten wohl "weichgekocht" werden, wurden wir, wieder einzeln, zu Verhören geholt. Ich sollte zugeben, die Kette gestohlen zu haben.

Um nachzuhelfen, wurde ich mit dem Gummiknüppel geschlagen. Aus Angst und Aufregung habe ich Deutsch nach Mama und Papa geschrieen. Dadurch wurden die Schläger mit dem Gummiknüppel heftiger. Zwei erwachsene Milizen und ein etwa 10jähriges Kind ! Geschlagen wurde gegen die Waden. Da hatte man noch Tage danach etwas zu spüren.

Ich bin sicher, die Schläge mit dem Gummiknüppel galten dem Autochthon- Kind.

Irgendwann durften wir wieder nach hause gehen. Ich habe nie darüber gesprochen.

Einige Monate davor, hatte ich meine erste Begegnung mit der polnischen Bürgermiliz. Ein Freund rief uns eines Tages zusammen. "Ein Luftballon, ein Luftballon". Es war ein westlicher Propaganda- Luftballon, der Flugblätter abgeworfen hatte. Ein paar davon konnte ich aufsammeln. Es waren Karikaturen drauf, an eine kann ich mich noch erinnern.
Verspottet wurde Stalins Agrarwirtschaft. Ein sowjetischer Vollernter, ein "Kombajn" war darauf abgebildet. Vorne wurde Korn gemäht, hinten vielen die fertig gebackenen Brote heraus. Mit einer riesiglangen Menschenschlange dahinter.
Wir wurden einzeln von den Milizionären aufgespürt, die Flugblätter wurden uns abgenommen, wir wurden abgemahnt und registriert.

Bevor die Störsender aufgestellt und in Betrieb genommen wurden, konnte man den Propaganda -Sender der Briten, den BBC, in Deutsch und/oder in Polnisch hören. 
Es gab dann in den Medien Aktionen dagegen. Ein Spottvers kam in Umlauf, etwa so: "Słuchaj, słuchaj Bibisyna...", übersetzt "Höret, höret diesen Bibisohn....". Es war, unter Strafe verboten, diesen Sender zu hören.

An eine einzige UNRA -Paket Sendung kann ich mich erinnern. Wir waren zu langsam und zu schwach, um etwas zu ergattern. Danach wurden diese Sendungen von den Behörden abgelehnt: "sozialistische Menschen haben es nicht nötig, von Kapitalisten Lebensmittel anzunehmen". Wir durften hungern.

 

Das "Erziehungslager"

Mit 10, 11 oder auch 12 Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, wurde ich mit einer Gruppe fremder Jugendlicher, an die Ostsee in ein "Jugendlager" verschickt, das einzige Kind unter Jugendlichen. Ich wollte nicht  dorthin. Gesagt wurde mir, es ist ein Ferien-Sommerlager. Am Bahnsteig war ich als einziger alleine, ohne Begleitung. Die Fahrt selber, mit der Eisenbahn, die eine Dampf-Lok antrieb, war sehr spannend. Ich steckte die ganze Fahrt über meinen Kopf aus dem Fenster, bis meine Augen voller Ruß- und Aschepartikel waren. Ich habe die Gegend beobachtet, die Fahrt genossen.

Die Begrüßung vor Ort ließ nichts gutes ahnen. Von der langen Anfahrt, mit einem Bummelzug, war ich leicht erkältet und total übermüdet. 
Uns wurde ein vormilitärischer Drill angekündigt. Das Gelände war abgeschlossen, zum Strand durften nur die Tüchtigen, als Belohnung. Ich durfte später das Gelände kein einziges mal verlassen.
Morgendlicher Appell, mit Abzähl-Appell: "Eins! Zwei! Drei!.....". Es wurde so oft wiederholt, bis es ZACKIG genug erschien. Betten-Kontrolle, die Betten mussten exakt nach einem vorgegeben Muster gerichtet sein. Die Zudecke durfte nicht die kleinste Falte aufweisen. ich war zu klein, um die Zudecke zu richten. Hatte ich ein Ende ordentlich gelegt, verzog sich die andere Ecke. Es gab Minus-Punkte dafür. Geweckt wurde beim Sonnenaufgang. "Aufstehen! Alle Aufstehen! In 10 min zum Appell versammeln!" Wer zu spät kam, wurde bestraft. Es gab zu wenig Waschstellen. Für mich gab es nie Zeit genug, sich ordentlich zu waschen. Die großen Jungs haben alle Waschstellen für sich belegt. Beim Appell wurden die Fingernägel, der Hals und die Ohren kontrolliert. Minus-Punkte. Es gab ein strammes sportliches Programm. Ich kannte niemand, alle waren älter als ich. Ich hatte Angst.

Der Lager-Kommandant hat mir gleich eröffnet, ich sei zu dick und er würde schon dafür sorgen, dass ich abspecke.

Die erste Nacht schon verlief recht dramatisch für mich. Betten bauen, Sachen auspacken, dann wurde das Licht ausgemacht. Ich konnte nicht mehr auf die Toilette. Geschwächt von der sehr langen Anfahrt, leicht erkältet. Es war eine Nacht voller Albträume. Irgendwann wurde ich halbwach, eben nur halbwach, die Toilette war weit draußen, wo genau, wusste ich nicht, es war bitter kalt. es gilt zwar "wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch", es war einfach zu dunkel draußen.  Im Halbschlaf dachte ich mir, "die Strohmatratze wird es schon aufsaugen". Wie sollte ich im Dunkeln vom Bett herunterklettern, den Ausgang finden, sich draußen zurechtfinden und wieder zurück finden? Es war eine dunkle Nacht. Es "lief" gut, es wurde schön warm und soo Erleichternd. Unter der Matratze war zwar eine Schondecke, an einer Stelle aber angerissen. Dort tropfte es. Stroh ist doch nicht so saugfähig.

Ein riesen Lärm hat mich richtig wach gemacht. "Er hat mein Bett vollgepinkelt!": der Junge vom unterem Bett. Ich bekam als Kleinster das obere Bett vom Etagenbett. Der Lager-Kommandant war da. Eine Köchin kam herbeigeeilt, eine Einheimische, Deutsche Ostpreußin. "Er ist doch eine Vollwaise, er kann doch nichts dafür, er ist krank". Der Lager-Kommandant: "Das kriege ich auch noch hin. Er bleibt da oben schlafen das wollen wir doch mal sehen!". Es blieb natürlich bei diesem einen Mal.

Das Essen war miserabel. Jeden Tag, zerkochte, gelblich-braune Graupen. Hatte man etwas Soße dazu bekommen, war es noch herunterzuschlucken. Ohne schmeckte es abscheulich. Ein Stückchen Hackbraten gab es dazu. Hackbraten aus Abfall-Fleisch, ähnlich, wie heutige Döner aber ohne Gewürze.
Soße und Hackbraten reichte nur für die Ersten in der Schlange. Zuerst zum Essen durften die, die keine Minus-Punkte hatten.

Es gab ein straffes Sportprogramm. In der Reihenfolge, in der der 100m- Lauf absolviert wurde, konnte man sich zum "Essen-Fassen", vor der Kantine anstellen. Ich, als immer der Letzte, durfte auch als letzter zum Essen. Es gab dann nur noch wenig Kaltes, ohne Soße und ohne Fleisch. Das sollte uns, mich, zu mehr Leistung beim Sport antreiben (oder anderen sportlich-militärischen Übungen). Dass ich als jüngster keine Chance gegen die Größeren hatte, wurde nicht berücksichtigt.
Eins hat er damit erreicht, ich wurde bald mager.

Gelegentlich standen vor der Kantine Turngeräte aufgebaut, wer nicht drüber kam, bekam auch kein Essen.

Ich war der große Märchen-Erzähler des Camps. Jede Nacht saßen die Jungs auf meinem Bett und ich musste Märchen erzählen. Sie nahmen auch immer etwas Essen für mich mit, trotz Verbot, wenn ich mal wieder hungrig schlafen gehen musste. Sie wurden meine Beschützer, die mich vor den brutalen Jugendlichen abschirmten.

Nach zwei Wochen hatten wir einen Todesfall. Ein Junge von unserer Gruppe ist ertrunken. Wie und wieso wusste niemand. Es wurde auch nicht danach gefragt.
Ich wurde mit noch einem anderen Jungen abkommandiert, den Keller, in dem der Tote Junge aufgebahrt war, zu reinigen. Er lag nackt auf einem Tisch in der Mitte des Raumes und zwei Frauen haben den toten Körper gewaschen. Es war für uns schockierend. Die Frauen sagten zwar: "ihr tut eurem Kameraden einen letzten Dienst", geglaubt haben wir es nicht. Ihm war es sicher egal, ob er tot in einem sauberen, oder schmutzigen Keller da lag. Es war traumatisch.
Die Eltern haben den Toten später abgeholt.

Zwei andere Jungs sind verschwunden, sie sind weggelaufen, oder sonst was.

Schwächlinge wie ich, bekamen von den Tüchtigen zwei zur Seite gestellt, als persönliche Betreuer. Das war überhaupt nicht lustig. Ich sollte gebrochen werden, angepasst werden, zu einem "sozialistischen, polnischem Jungen" umerzogen werden. Es ist nicht gelungen.

Die erwachsenen Betreuer hatten jede Nacht Mädchen im Camp. Die Grossen Jungs haben herausgefunden, dass es im Matratzen- Lager "abging". Sie hatten eine Möglichkeit gefunden, dieses Treiben zu beobachten. Ich war immer zu erschöpft, um mir das anzusehen. Je nachdem, wie die Nacht für die Betreuer ablief, hatten wir einen bes. schweren Tag, bzw. es wurde etwas lockerer.

Gegen Ende des Jugend- Camps, das eigentlich ein "Straf-Lager für auffällige, schwer erziehbare Jugendliche" war, wurde ich krank. Es gab ein Lagerfeuer zum Abschied, es wurden Sketche aufgeführt, kleine Vorführungen, dabei bin ich umgefallen. 
Ich kam auf die Krankenstation, lag dort ganz alleine, der Lager-Kommandant hat mir ein Klistier, ein Einlauf verordnet. Die betreuende Krankenschwester hat einen Liter warmes leicht gesalzenes Wasser, in meinen Darm appliziert. Die Toilette, ein Plumps- Klo weit draußen, war nicht zu erreichen. Die Schwester sagte, "Pass auf, wenn du aufs Klo musst". Auch der schnellste Läufer hätte es nicht geschafft. Es endete, wie es angefangen hatte, nämlich besch......

Nächsten Tag bekam ich hohes Fieber. Der herbeigerufene Arzt war erschrocken. "Über 40 Grad Fieber. Wenn das nicht runter geht, ist er transportunfähig, kann nicht zurück nach hause fahren. Warum hat man mich nicht sofort herbeigeholt!". Das Fieber stieg noch weiter, die Gruppe ist abgereist, ich musste zurückbleiben. 
Gemessen wurde die Temperatur rektal. Der Arzt hat nach dem Messen dieses Thermometer immer in meine Zudecke abgewischt. Es hat mich geekelt vor dieser Zudecke.
In 10 Tagen sollte die neue Gruppe Schwer-Erziehbarer Jugendlicher eintreffen. Jetzt konnte ich sehen, was für ein gutes Essen die Betreuer hatten. Die Köchin wollte mich verwöhnen "Es ist eine arme Vollwaise", brachte mir heimlich diese guten, leckeren Sachen. Leider konnte ich das nicht essen. Nur den Kompott, (es gab jeden Tag KOMPOTT für die Betreuer!) ließ ich mir schmecken. Der Lager-Kommandant hat seine Freundin ins Lager geschmuggelt, ließ es sich gut gehen.
Noch bevor die neue Gruppe eingetroffen ist, sank das Fieber, der Arzt hat eingewilligt, ich bekam ein Schild auf die Brust gehängt: "Kind soll nach Zabrze reisen, ist alleine unterwegs". Diese Fahrt zurück, weil alleine, hat mir imponiert. Immerhin 16 Stunden, mit drei mal Umsteigen. War leider zu geschwächt, um es wirklich zu genießen.

Eins haben die erreicht, ich war nicht mehr dick!

Dick, trotzdem unterernährt (kein Widerspruch) wurde ich vorher durch meine Verwandten. Sie verordneten mir jeden Morgen einen Teller Mehl-Suppe. Mehl wurde in Wasser aufgekocht, das sollte mich "ansehnlich" machen. Es funktioniert. Die Mehlsuppe schwemmt auf, man wird in kurzer Zeit richtig "Dick".

Wer mir dieses Erziehungslager eingebrockt hat und ob meine Geschwister wussten, welcher Art dieses "Sommerlager" gewesen ist, weiß ich nicht. Ich wurde ans Meer geschickt, durfte es aber kein einziges mal sehen.

Zigeuner  

Schräg gegenüber in der Beuthener Str. in Biskupitz, wohnte die Familie meines Schulfreundes, die Familie Primus. Es war für damalige Zeit ein modernes, mehrstöckiges Wohnhaus. Die Wohnungen verfügten über ein Bad, die Toiletten, WC´s, waren im Treppenhaus, zwischen den Etagen. Es waren Bürgerhäuser. Am "Ende Biskupitz" (Biskupitz war ein Stadtteil von Hindenburg) war die Arbeitersiedlung "Borsigwerk".

Borsigwerk



Dort, in Borsigwerk, waren die Toiletten außerhalb, im Hof, es gab auch keine Bäder. Gebadet wurde am Samstag in Zink- Badewannen. Zuerst die Kinder, nacheinander, zuletzt der Vater, dem die Mutter den Rücken gewaschen hat. Es war die Zeit für Zärtlichkeiten, nach dem Bade.

Am "Anfang- Biskupitz", südlich,  war die Siedlung "Anna-Segen". Dort wurde Onkel Viktor im Graben, steifgefroren, mit Genickschuss hingestreckt, gefunden.


Biskupitz, Mühlstraße



Die kommunistische Regierung hat damals eine Domestizierung der Zigeuner verfügt. Sie durften nicht mehr reisen, bekamen eine Wohnung, von vertriebenen Deutschen zugewiesen, sie sollten Sesshaft gemacht werden. Eine solche Familie bewohnte eine dieser Wohnungen im 2. Stock, unter der Familie Primus. Wir haben uns dort oft herumgetrieben, denn die Kinder liefen im Sommer nackt herum, auch die Mädchen, was für uns sehr aufregend war. Es war nicht üblich, auch kleine Kinder nackt zu zeigen.
Adolf Primus hat uns auch die Toilette vorgeführt, die diese Familie benutzte. Diese Menschen benutzten die Toilette, in dem sie mit den Füssen AUF die Kloschüssel stiegen und alles auf den Boden, neben die Kloschüssel fallen ließen. Nach dem sie wieder ausgezogen sind, die Regierung hat bald dieses Programm aufgegeben, sah man das ganze Ausmaß der Bescherung. Alles, was in dieser Wohnung brennbar war, wurde im Ofen verheizt. Die Zwischentüren, die Holzdielen vom Fußboden, die Fensterbretter, die Kleiderschranktüren. Die polnische Regierung ist mit dem Versuch der Domestizierung der Zigeuner, grandios gescheitert .

Die Juden

In der Schule lernten wir auch über die Judenverfolgung in der Welt. Es hat mich sehr bewegt und ich habe den Pfarrer zu diesem Thema befragt. Ich wollte wissen, warum die Juden verfolgt werden. Die Antwort unseres Pfarrers hat mich überzeugt.
Er sagte, die Juden hätten das größte Verbrechen begangen, dass Menschen begehen können, nämlich sie haben GOTT GETÖTET. Außerdem, sagte der Pfarrer, Die Juden würden den Messias nicht anerkennen, weil Jesus ALLE Menschen erlösen wollte. Sie warteten aber darauf, dass ein Messias kommen würde, um NUR die Juden alleine zu erlösen. 
Im Ort gab es einen Juden-Friedhof. Es war eine der schlimmsten Mutproben, nachts auf diesen Friedhof zu gehen und dort irgendetwas anzustellen. Einmal begegnete uns ein Jude dort, am Friedhof. Wir sind in Panik weggerannt.
Auf die grausame Verfolgung angesprochen, sagte der Pfarrer zu mir: "die Natur ist grausam. Die Menschen sind Natur, die Menschen sind grausam". Vom Holocaust wusste man damals nichts, den gab es damals noch nicht, er wurde später eingeführt. Das Lager Auschwitz wurde von den Russen weitergeführt, bis 1948. Zum teil mit denselben Insassen, die die NAZI dort einlieferten. Die neuen Insassen, das waren sog. Anti-Kommunisten, verschleppte Zivilisten, unterwegs nach Russland, zur Zwangsarbeit, und auch wieder Geistliche. In diesem Punkt glichen die Kommunisten den NAZI. Die Kirche war der Feind, den es zu Vernichten galt.
 

Kinderspiele

Ein neues Spiel wurde kreiert. Es hieß, Heimgekehrte aus US-Lagern haben es mitgebracht. Genannt haben wir es "Klippa", was so viel heißt, wie "Dummkopf".

Benötigt wurde, ein an beiden Seiten angespitztes, rundes, ca. 20 cm langes Holzstück. Weiter, ein Schläger, das war ein flaches Holzstück, an der Schlagseite breiter. Ähnlich einem großen Kochlöffel, wie man sie beim Wäschekochen benutzte.
Es galt, durch Schlag auf das eine Ende des "Klippa", dieses in die Höhe zu schleudern und dann mit einem zweiten Schlag in der Luft zu treffen, um es in ein Ziel zu bringen. Mit möglichst wenigen Schlägen.

Ein anderes Spiel für Jungen war mit Münzen.  Eine Münze lag von einer Wand entfernt, als "Basis" auf dem Boden. Jetzt musste man, mit einer anderen Münze, die man in der Hand haltend, mit dem Rand gegen die Wand schleuderte die Basis-Münze zu treffen. Die Münze sollte von der Wand abprallen und die am Boden liegende Münze, die "Basis" treffen, wenigstens mit dem Rand berühren. Ist es gelungen, durften alle, bereits am Boden liegende Münzen, als Gewinn eingesammelt werden. Abwechselnd schleuderte ein jeder Spieler eine seiner Münzen gegen die  Wand. Hat keiner die Basis-Münze direkt getroffen, hat am Ende (wenn alle Münzen im Feld lagen), der jenige Spieler gewonnen, alle Münzen für sich einsammeln dürfen, deren Münze am nächsten der Basis- Münze zu liegen kam. Es wurde peinlich genau gemessen.

In der Schule wurde "Schiffe versenken" gespielt. Natürlich auch Schach, oder Fußball.

Mädchen spielten mit einem kleinen Ball. Sie standen nahe einer Hauswand und warfen diesen Ball gegen diese Wand. Dieser Ball musste nach einem bestimmten Muster, mal mit der einen, mal mit der anderen Hand aufgefangen werden. Verschiedene "Kunststücke" wurden gezeigt. Der Ball konnte auch mit dem Kopf, mit der Faust zurückgeworfen werden. Über den Rücken an die Wand geworfen werden.

Bei Mädchen war "Völkerball" sehr beliebt, so wie auf der Straße, das "Klassen- Spiel" "Himmel und Hölle". Mit Kreide malten sie Kästchen auf den Beton, dann warfen sie ein Stein in ein immer weiter entferntes Kästchen und hüpften auf einem Bein hinterher. Sie durften dabei nicht mit dem zweiten Bein aufkommen, bzw. mit dem Hüpfbein die Linien berühren, bzw. mussten den Stein genau ins Kästchen werfen. Mit mir wollten sie nicht spielen, weil ich nie Fehler gemacht habe.

Gemeinsame Spiele waren "verstecken" und "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann".

Silvester-Knaller. Wir bastelten uns eigene Knaller zum Silvester. Die Stromleitungen in den Häusern waren "auf Putz" gelegt. Zur Befestigung wurde in die Wand ein Loch getrieben, in dieses dann ein Holzstück eingegipst. In dieses Holzstück schlug man einen angespitzten Metalldübel mit einem Innengewinde, in das die Befestigungsschraube eingeschraubt wurde. Diese Metall-Dübel waren uns wichtig. Wir rissen kurzer Hand die Leitungen von der Wand mitsamt dem Dübel. Er wurde abgeschraubt und in ein handliches, faustgerechtes Holzstück geschlagen. Meistens splitterte dabei unser Holzstück, es wurde dann mit Draht umwickelt, zur Verfestigung. In die Öffnung des Dübels, dort wo die Schraube eingedreht wurde, haben wir Streichholz-Köpfe abgestreift. Die Öffnung musste zu drei Viertel gefüllt sein. Mit einem Nagel mit breiten Kopf, wie die Papp- Nägel einen hatten, wurde verschlossen.
Zum Knallen schlug man diesen Nagel, in dem man gegen eine Wand schlug, hinein. Es gab einen großen Knall.
Manche haben es zu großen Fertigkeit gebracht, besaßen "kunstvoll" geschnitzte Holzstücke.
Es war kindlicher Vandalismus, in allen Häusern, in den Fluren, hingen die Stromleitungen frei an der Wand. Besonders effektvoll knallte es in unserer Einfahrt, was mir immer Ohrfeigen vom Herrn B.  einbrachte.

Der 2 jährige Hindenburg/Ruda- Krieg.

Plebiszit in Schlesien. 1921 wurde eine Abstimmung über ganz Oberschlesien durchgeführt. Die Unruhen "Schlesische Aufstände"  genannt, eigentlich Terrorismus, gingen auf Betreiben Frankreichs zurück. Frankreich wollte das Deutsche Reich schwächen, in dem das größte Industriegebiet der Welt, Oberschlesien, dem Deutschen Reich entrissen werden sollte. Es ist nicht ganz gelungen. Die französische Regierung hat den Terrorismus in OS unterstützt.

Polnische Plebiszit-Propaganda

Mit Geldern der franz. Regierung wurden drei "Schlesische Aufstände" organisiert. Die "Aufständischen" (eigentlich Terroristen) verübten verschiedene Terror- Anschläge. Zu Legende wurde die Schlacht um den "Heiligen Berg Oberschlesiens" den Anna-Berg (Der Anna selbdritt gewidmet).
Anna selbdritt
Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind, seit dem 13. Jh. in Deutschland bekannt; berühmteste Gestaltung durch Leonardo da Vinci (1501/1507).).
Die Schlacht wurde gewonnen, die letzten Aufständischen aus einer Kloaken- Grube, wo sie sich versteckt hatten, herausgeholt. Die polnische Regierung stellt es heute verfälscht dar.
Eine riesige Propaganda "pro Polnisch" ist angelaufen. Besonders ein Reichstagabgeordneter und Mitglied des Preußischen Landtags (1903-1918) "Pan Korfanty" (Wojciech Korfanty  früher Albert Korfanty, *1873 - 1939) ist hervorgetreten. Er hat jedem, der für Polen votiert, eine Kuh versprochen. Er wurde auch deshalb als "Korfanty Krowa" (Korfanty-Kuh) verspottet.

Obwohl die Abstimmung über das ganze Oberschlesien durchgeführt wurde, wurden, wieder durch Frankreich erzwungen, die Gebiete, die viele polnische Migranten verzeichneten und deshalb mehrheitlich für Polen gestimmt haben, abgetrennt. Niemand bekam diese versprochene Kuh!

Die neue Grenze im Osten ging direkt hinter unserer Stadt, Hindenburg O.-S. Hindenburg wurde zu einer Grenzstadt.  Die "neue Grenze" wurde quer durch Bauernhöfe gezogen. Wohnhaus in Deutschland, die Stallungen in Polen.

Die nächste "polnische Stadt" wurde Ruda OS. Meine Eltern, beide aus Ruda stammend, sie haben sich dort kannengelernt, dort geheiratet, unsere Schwester ist dort geboren, sind nach Hindenburg gezogen. Sie wurden zwei Mal vertrieben. Zumindest trifft es auf unsere Schwester zu. Sie musste 1922 ihre Geburtsstadt Ruda verlassen und dann auch Hindenburg Oberschlesien. 

1955 wurde ein großer "Krieg" ausgerufen. Die Kinder und Jugendlichen aus Hindenburg-Biskupitz, gegen die "polnischen" aus Ruda. Mit Steinen haben wir die gegnerischen "Stellungen" beworfen und dann gestürmt. Es ging zuweilen blutig zu (Kopfwunden vom Steinwurf, Knochenbrüche von Stürzen). "Heute ist Krieg, gehen wir hin?" Ich war sehr eifrig dabei, eine Zeitlang im Rang eines "Offiziers". Unsere Cousine Helga war ebenfalls eifrig dabei, hat am "Krieg" teilgenommen. Leider kannten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gottlob, haben wir auf derselben, der Deutschen Seite gekämpft.

Es wurden Gefangene genommen. Es war gefährlich, sowohl für die aus Ruda, sich in Hindenburg alleine zu bewegen, wie auch umgekehrt, für die Deutschen aus Hindenburg, alleine nach Ruda zu gehen.

Wir haben uns Steinschleudern gebastelt, bzw. Zwillen. Besonders gut waren die, die den Zug-Gummi aus Auto-Schläuchen (Pneus)  angefertigt hatten.

 Kurzsichtigkeit

Ein Problem für mich stellte meine Kurzsichtigkeit dar. Zunächst wusste niemand von dieser Tatsache; ich auch nicht. Wir, meine Freunde Adolf (der Adolf Primus), Heinz (Sohn des Musikers und Orchesterleiters) und ich, saßen in der Klasse in der letzten Schulbank, hinten. Ich konnte von dort nicht lesen, was an der Tafel vorne geschrieben stand. Gelegentlich sollte ich laut von der Tafel vorlesen. Mein Gedächtnis war so gut, dass ich auswendig wusste, was dort stand. Gelegentlich musste mir der Adolf vorsagen. Entweder, der Adolf war so schlecht im lesen, oder er hat sich ein Scherz erlaubt, sagte mir Sachen vor, die nicht auf der Tafel standen.

Die Lehrer meinten, ich mache mich über sie lustig. Irgendwann ist es der Mathelehrerin aufgefallen. Ich musste in die erste Schulbank nach vorne wechseln. Schlagartig haben sich meine Leistungen gebessert. Auf Betreiben dieser Lehrerin, bekam ich eine Brille. Tante Valy, die Grande Dame unserer Familie. hat mich zum Optiker begleitet. Für mich war es, wie in eine andere Welt eingetaucht. Diese Farben.......

Lesen

Meine große Leidenschaft war das Lesen. Nachdem mir mein Onkel (und Tauf-Pate) Rufin Aniol, mit etwa 4 Jahren das Lesen beigebracht hat, auf mein Betreiben, "Onkel, was ist das hier, diese Brille?", gemeint war der Buchstabe "g" in der Zeitung, der mich an eine Brille erinnerte. Ich habe mir die Zeitung genau angesehen und war erstaunt, dass es keine Bilder gab und Onkel so lange hineingeschaut hat. Auf der Suche nach diesen „Bildern", ist mir der Buchstabe „g" aufgefallen. Das war der Anfang. Nachdem der Onkel mir diesen Buchstaben "g" erklärt hatte, wollte ich wissen, was denn die anderen Zeichen bedeuten. Nach ein paar Tagen konnte ich lesen. Diese Leidenschaft hat mich nicht mehr losgelassen.

Die Schulbibliothek, ab der dritten/vierten Schulklasse, hatte ich bald "leergelesen". Die Kinderabteilung der Stadtbibliothek war ebenfalls bald ausgelesen. Die Bibliothekarin musste mir Bücher aus der Erwachsenenabteilung ausleihen.
"Kind, was soll ich dir geben?" Es war nicht ganz unproblematisch. Eins dieser Bücher aus der Erwachsenenabteilung hat mich noch lange beschäftigt. Eine Szene konnte ich damals nicht verstehen, nicht richtig verarbeiten. Es waren Mönche, die eine Orgie gefeiert haben. Auf dem Altar saß eine nackte Frau mit weit geöffneten Beinen. Links und rechts waren brennende Kerzen und zwischen den Beinen der Kelch, mit Mess-Wein.
...

Märchen waren die allerbeste Lektüre. Und Tiergeschichten, mit "sprechenden" Tieren. Nach "Dr. Dolittle". Ein polnischer Kinderbuch-Autor hat es sehr gekonnt kopiert. Seine Hauskatze, sein Haushund hatten lustige Abenteuer zu bestehen.

In der 7. Hauptschulklasse war Emile Zola mein Favorit. Ein Mal habe ich "Germinal" mit in die Schule genommen um meinen Kumpels einige "kernige" Abschnitte vorzulesen. Bei diesem Naturalisten finden sich einige Stellen, die pubertierende Jugendliche interessieren.

In der Pause, ich blieb im Klassenzimmer um zu lesen, kam die Biologielehrerin herein und wollte sehen was ich da lese. Sie war sehr erstaunt, dass ich bereits alle anderen, wie "Nana", neben "Germinal", auch "Die Erde" u.a. gelesen habe. Diese Lehrerin hat mich dann beobachtet und ein wenig gefördert. Sie war sehr jung und neu an der Schule, viel konnte sie nicht bewirken (eine, von den wenigen gebildeten Lehrern nach dem Krieg in Schlesien).

Als sie im Lehrerkollegium berichtet hatte, dass ich Emile Zola lese, wussten die anderen Lehrer nicht, wer Zola war.

Eine Eigenheit ist zu dieser (sehr netten) Lehrerin zu berichten. Sie hatte öfters Probleme mit dem Gummi an ihrem Schlüpfer. Nach dem dieser Gummi mal wieder gerissen war, hat sie jemanden von uns, immer einen Jungen, zu sich nach hause geschickt, ihr aus dem Wäscheschrank neue Unterhose zu holen. Sie hat nur ein paar Hundert Meter weit weg gewohnt (Borsig-Werk). Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten Jungen. Man muss sagen, dass es wirklich ein Kreuz mit den Gummis, in Socken, Strümpfen und Unterhosen gewesen ist.

Die Unterhosen waren nicht zum Vorzeigen. Es waren "Liebestöter", Boxershorts- artig, mit breitem Bein. Eine Einlage hätte sich keine Sekunde lang halten können. Damenhygiene: es wurde gebunden. Heißt es deshalb "die Binde"? Die "Binden" wurden jeden Monat frisch gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.

Die Strumpf- bzw. Sockenhalter haben das Blut abgeschnürt. Später kamen dann die Strumpfhosen. Eine Freundin, die Sofia, hatte als erste eine grüne Strumpfhose. War die stolz! 
Mein größter Favorit war Gustav Freytag und sein "Soll und Haben". Dieses Werk hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe es in Deutsch gelesen, es hat Monate gedauert. Dieses Werk hat, heute noch einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

Meine Leseleidenschaft hat dazu geführt, dass ich den langweiligen Schulunterricht geschwänzt habe. Die Schularbeitsbücher habe ich in ein paar Wochen zu Beginn eines Schuljahres selber durchgearbeitet.

Meine Geschwister sind Morgens sehr früh aus dem Haus zur Arbeit und ich sollte allein in die Schule gehen. Ich bin aber lieber da geblieben, um zu lesen. Die Schule hat daraufhin einen "Abhol-Dienst" eingerichtet, der mich abholen sollte. Der Schuldirektor war immer irritiert, als man ihm berichtet hatte, dass ich ein Buch lesend vorgefunden wurde. Er hatte mich eher im Bett, noch schlafend vermutet.
Im Winter war es auch die unerträgliche Kälte daran schuld. Das Wasser in der Wasch-Schüssel, war gefroren. Es hat viel Überwindung gekostet, aus dem warmen Bett zu steigen.

Ich konnte von den Büchern nicht lassen. Auch zu Schlafenszeit nicht. Eine Nacht durchzulesen, war nichts besonders. Mein Bruder Heinz wollte mir das Lesen in der Nacht abgewöhnen und hat die Sicherung ausgedreht. Ich habe bei Kerzenlicht weiter gelesen. Ein Mal bin ich dabei eingeschlafen. Nächsten Morgen war am Nachtschrank, im Holz, eine von der Kerze eingebrannte schwarze Stelle zu sehen. Es hätte zum Wohnungsbrand kommen können.

Ich bin völlig aufgegangen in den Rollen meiner Helden. Ständig träumend, deren Heldentaten im Kopf nachspielend, passierte mir immer wieder, dass ich mein Ziel verfehlt habe. Aus der Schule nachhause, es waren nur ein paar Hundert Meter, lief ich oft an unserem Haus vorbei. Es konnte passieren, dass ich wie ein Pendel, immer wieder am Haus vorbeilief.

Die russische Literatur: 
Lev Tolstoi: "Anna karenina", "Krieg und Frieden". Ivan Turgeniew: "Väter und Söhne". Fjodor Dostojewski: "Die Brüder Karamasov", "Der Idiot", "Der Spieler". Michail Scholochow: "Der stille Don".
Polnische Literatur:
Jan Kochanowski. Mikolaj Rej. W.S. Rejmont: "In der Opiumhöhle", "Chłopi" (Die Bauern). H. Sienkiewicz: Trilogie: "Ogniem i mieczem (Mit Feuer und Schwert), "Quo Vadis", "W pustyni i w puszczy", "Potop" (Die Sintflut)  S. Zeromski: "Ludzie bezdomni".
Oder auch Stendhal: "Rot und Schwarz". Balzac: "Die dreißigjährige Frau".


Jack London. Kanadas Indianer, die Inuit, Irokesen. Oder die Lappen und Samen. Iglu, Hundeschlitten und die Kajaks. Sie wurden im Einerkajaks wasserdicht, zu einer Einheit eingebunden. Kippten sie um, mussten sie sich wieder mit einem gekonnten Schwung aufrichten. Sie hatten keine eigenen Begriffe für Mord, Diebstahl oder Eifersucht. Kam ein Gast, durfte er auch mit der Frau des Gastgebers schlafen. Die Kinder, sofern welche davon hervorgingen, waren "Kinder der Freundschaft". 
Die Kinder wurden in ihre Pelzkleidung im Winter eingenäht. Diese Menschen aßen den Fisch roh, so dass das Fischfleisch, noch zuckend, den Gaumen kitzelte. Die Seife, die die Zivilisation ihnen brachte, wurde gegessen.

In einer Episode, musste ein alter blinder Mann, von seiner Familie zurückgelassen werden. Seine Enkelin sollte Holz, für das Feuer, das, solange es brannte die hungrigen Wölfe zurückhielt, sammeln. Es fällt der Enkelin schwer, sie fragt: "Ist es genug?". Der alte Mann antwortet, "ja, genug". Er weiß, jedes Stück Holz verlängerte sein leben etwas. Die Familie entfernt sich, die Wölfe nähern sich.

Oder diese: ein alter Mann ruft seine Familie zusammen und erklärt, dass er sich verabschieden will. Irgendwann später hilft ein Verwandter nach, in dem er ein Kissen auf das Gesicht des alten Mannes gepresst hält. Die Familie feiert den Abgang, wie eine Geburt.

Eine Mutter ist durch die Wildnis mit ihrem Kind unterwegs. Sie hungern, sie könnte Fische fangen, hat aber keinen geeigneten Köder. Sie schneidet ein Stückchen Fleisch von ihrem Fuß ab, um einen Köder zu bekommen. (In meiner Fantasie, war es meine Mutter.)

Die Bibel

Mein großer Wunsch war gewesen, die Bibel zu lesen. Im Religionsunterricht war ich "Hochwürdens-Bester", Pfarrers Liebling. Ich hatte keine Probleme mit dem Verständnis und dem Auswendiglernen. Das heißt, ein Bild des Pfarrers hat mir Probleme bereitet. Um die Vernunft zu erklären, also das, was den Menschen von den Tieren unterscheidet, zeichnete er folgendes Bild. Der Mensch verfügt über eigenen Willen, das Tier nicht. Wenn ein Tier satt ist, dann hört es auf mit der Nahrungsaufnahme, dem Fressen. Der Mensch kann aber weiter essen.

Das schien mir eher umgekehrt zu beweisen, dass die Tiere vernünftiger sind als Menschen.

Der Pfarrer war mit mir sehr zufrieden und hat mich öfters, zu Vorführungen meines Wissens, in die höheren Religionskurse mitgenommen. Er wollte mich für ein Priesterseminar vorbereiten.

Meine, damals tiefe, Religiosität mag folgendes unterstreichen. Zu der Ersten Heiligen Kommunion sollte man nüchtern erscheinen. Ich war an diesem Morgen sehr aufgeregt. Für die danach geplante Einladung zum Essen, wurde auch ein Kompott vorbereitet (war selten genug). Die Schüsseln standen am Fensterbrett, ich konnte nicht widerstehen und habe daran genascht. 
Als die anderen Kinder zum Altar gingen, um die Kommunion zu empfangen, blieb ich in der Bank sitzen. Auch noch ein Mädchen, mit dem selben Problem ist sitzen geblieben. Wir haben vor Enttäuschung geweint.
Wir durften am nächsten Tag, bei der Hochmesse die Kommunion empfangen.
Ein Problem war oft für mich, die Hostie nach Empfang im Mund, nicht mit den Zähnen zu berühren. Man sollte ja nicht in den Leib Christi hineinbeißen.
Nach dieser Ersten Heiligen Kommunion durften wir lange Hosen tragen. Bis dahin, waren kurze Hosen zu tragen.

Bis mein Wunsch die Bibel zu lesen immer penetranter wurde. Damals war die Bibel noch ein "verbotenes Buch". Der Pfarrer war entsetzt über meinen Wunsch. Ich wollte und konnte nicht einsehen, dass man mir diese Lektüre verwehrt. Auf der Suche nach der Bibel kam ich zu Nietzsche und Voltaire. Das war der Anfang vom Ende meiner Religiosität. Ich ging nicht mehr zu Beichte, begann zu Zweifeln. Die (falsche) Reaktion "meines" Pfarrers hat diesen Prozess beschleunigt.

Die Beichte war eine langweilige Angelegenheit. Immer das selbe. Man sollte folgende Fragen:
"Habe ich, alleine oder mit anderen zusammen, unzüchtige Handlungen begangen?" (Gemeint war, Selbstbefriedigung, pol. sagten wir "Konia bić", "Das Pferd schlagen". Natürlich ja. "Hast du gelogen?" Klar, immer wieder die Lehrer belogen, z.B. wegen der nicht gemachten Hausaufgaben.
Als Buße: "Vier Ave Maria beten und drei Vaterunser".

Aber erst mit fast 16 Jahren, ich kann mich noch heute daran genau erinnern, sagte ich laut, aber zögerlich:
"Es gibt keinen Gott!". Ab da wurde ich (vorübergehend) Atheist. Und alles nur, weil ich die Bibel nicht lesen sollte. (In über 30 Ländern in der Welt, ist die Bibel noch heute verboten.)

Auch folgendes hat zum kritischen Religionsverständnis geführt. Unsere Familien waren zerstritten. Die Rathay´s waren evangelisch, die Hajduk´s, Familie meiner Mutter katholisch. Eine Mischehe kam damals nicht in Betracht, also ist mein Vater konvertiert. Das hat ihm seine Familie nicht verzeihen können.

Ich bin von einem Freund mal angesprochen worden, der ein Mädchen kennen gelernt hat, die auch Rathay (Helga Rathay) hieß. Sie wohnte im selben Ort, in Borsigwerk, einer Siedlung, ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass eine gleichalte Cousine von mir, ein paar Strassen weiter weg, wohnte. Und das wegen dem Gegensatz evang./kath. Das hat mir auch zu schaffen gemacht.

Ich rechne es meinem Vater hoch an, dass er den Bruch mit seiner Familie eingegangen ist, um meiner Mutter ihre Familie zu erhalten.

Ich war hochbegabt und für die Lehrer, fast alle Deutschenhasser, fast alle alte verdiente Partisanen ein "rotes Tuch". Der schlimmste dieser Lehrer war ein alter Partisan (Terrorist), der mit dem Vornamen "Kajetan" hieß. Wegen seiner Haarfarbe war er für uns der "Siwek", der "Graue", genauer: "Grauling". Außerdem hatte er fürchterlichen Mundgeruch. Hinzu kam meine Weigerung zu den "jungen Pionieren" (Harcerze) beizutreten. Die Schulen haben untereinander gewetteifert, welche eine 100% Beteiligung ihrer Schüler erreicht. Wir waren zwei von der ganzen Schule, die sich bis zuletzt geweigert haben den "Harcerze" beizutreten. In unserem Haus wohnte der General der Jungen Pioniere. Auch er wurde eingeschaltet und hat versucht, auf mich Druck auszuüben. Ohne Erfolg, wie ich heute mit Stolz Festellen darf.

Durch die große Langeweile im Unterricht, wurden meine Leistungen immer schlechter. Das hat schließlich zum Sitzenbleiben geführt und in der Konsequenz, zum Abgang von der Hauptschule ohne Abschluss. (Es ist traurig zu wissen, dass auch heute noch, in der Bundesrepublik, 50 Jahre nach meinem Schicksal, hochbegabte Kinder ein ähnliches Schicksal erleiden müssen.)

Ein weiteres Ärgernis waren die "freiwilligen" Geldsammlungen der Schüler, für den "Wiederaufbau von Warschau". An den Wänden hingen Grafiken, die den jeweiligen Stand angezeigt haben. Ich war immer wieder der einzige Schüler, der kein Geld beigebracht hat (ich hatte kein Geld und wollte aber auch nicht zahlen). Und meine Klasse war die einzige, die keine 100%ige Beteiligung der Schüler aufweisen konnte.

Einige Lehrerinnen haben meine Hochbegabung erkannt und haben sich bei Lehrerkonferenzen heftige Wortgefechte geliefert. Für die übrigen Lehrer war ich der schlechteste Schüler, für zwei Lehrerinnen (Biologie und Mathematik) der beste Schüler. Meine Aufsätze waren immer die besten der Klasse.

Die Pubertät

Ich war deutlich früher dran, als meine Schulfreunde. In der Musikstunde durfte ich mit Adolf den Unterricht verlassen, wurde vom Mitsingen befreit. Im Ferienlager sollte ich bei den Erwachsenen duschen, weil meine gleichaltrigen Freunde immer aufgeregt gekuckt haben.

Die Mädchen haben unser verändertes Verhalten nicht richtig einordnen können. Es gab viele Missverständnisse. Es gab sanfte "sexuelle Belästigungen".

In den Geschichtsbüchern gab es Abbildungen von nackten, griechischen Kämpfern. Wir haben in den Pausen, heimlich, die Bücher der Mädchen auf diesen Seiten aufgeschlagen. Gerne haben wir den Mädchen die BH´s aufgemacht. Mit einem Griff an den Rücken! Gekonnt!

Auf die Schuhe haben wir kleine Spiegel gelegt, um dann unter die Röcke zu gucken. Wir haben den Unterricht gestört, um in die Mädchenreihe strafversetzt zu werden.

Ich war immer verliebt, sehr ritterlich und ein eifriger Beschützer der Mädchen, die das immer schamlos auszunutzen wussten.. Das hat mir auch mal den Titel "Stärkster der Schule" eingebracht. Bis dahin war der Heinz, der Sohn des Kapellmeisters der Stärkste in der Schule. Als er mal ein Mädchen schubste, und ich ihn zurechtgewiesen habe, musste eine Entscheidung her. Es hat sich rumgesprochen: "Nach der Schule Entscheidungskampf: Heinz gegen Peter, im Pausenhof". Ich war der Sieger, wobei der Heinz unfair vorgegangen ist. Mit einem metallen gegnstand, hatt mir die Oberlippe aufgeschlitz. Wir waren trotzdem weiterhin gute Freunde (im Schach).

Draußen, auf der Straße war es nicht "harmlos". Ich erinnere einen ca. 40 jährigen Schwulen, mit folgender Masche: angeblich hatte er "volle Hände" und bat dann Jungs ihm zu helfen. Sie sollten in die rechte Hosentasche greifen und je nach der Situation, den Schlüssel, eine Münze, oder sonst was herausholen. In der Hosentasche war aber ein großes Loch. Die Jungs bekamen ganz was anderes zu fassen. Einige von unseren Freunden haben gerne und ausdauernd "nach der Münze gesucht". Meine Freunde und ich haben ihn mit Steinen beworfen und immer wieder, angeekelt,  vertrieben.

Im Hinterhof eines Hauses war eine Schusterwerkstatt. Dort sah man immer Mädchen rein und raus gehen. Ich weiß nur, dass der Schuster kleine Holzfiguren geschnitzt und verschenkt hat. Zog man bei dieser Holzfigur an den Beinen (der Hose), sprang ein Phallus hervor. Diese Hose konnte man rauf und runter bewegen.

Im Bahnwärterhäuschen sah ich öfters kleine Mädchen spielen. Damit sie sich die Kleidchen nicht beschmutzten, sollten sie diese ausziehen. Im Gedächtnis ist mir geblieben eine magere, etwa 5jährige, in viel zu großem Schlüpfer mit einem Loch in der Unterhose.
Eine 12jährige aus unserer parallel Klasse wurde schwanger. Wir haben sie danach nicht mehr gesehen. was aus ihr geworden ist, wussten wir nicht.

Ich ging in die Schule Nr. 21 in "Mitte Biskupitz", neben dem Rathaus.

Schule 21 (1920)
Die Schule, um 1925

Direkt daneben war eine Schule für geistig Behinderte. Es hat uns irritiert und provoziert, dass die viel größeren aber geistig Behinderten Jugendlichen sich nicht gewehrt haben. Wir haben sie verfolgt und gequält. Die Schulleitung hat schließlich eine Versetzung des Schulbeginns um eine halbe Stunde verfügt. Sie konnten dann ungestört ihre Schule erreichen und in den Schulpausen waren sie von uns zeitlich getrennt.
Meine Lehrer drohten mir immer: "du kommst auf die Dummen-Schule, oder wirst höchstens ein Straßenkehrer". Straßenkehrer war das niedrigste, das geringste, was man erreichen konnte. meinten die Lehrer.
Die Schultoiletten sahen fürchterlich aus. Zumindest die Toilette für Jungs, im Erdgeschoss. An der Pinkel-Rinne musste man eine trockene Stelle zum Hinstellen suchen. Es gab kein Papier in den Klos. Zu Beginn eines Schuljahres war alles gereinigt worden, alles sauber, aber nicht lange.
Die Jungs "halfen" sich, es war kein Papier zu Reinigung da, in dem sie mit dem Hintern am Türpfosten rutschten. Waren diese zu verschmutzt, nahmen sie ihre Finger und wischten diese dann "sauber" an den Fliesen der Wände ab. Ähnlich machen das die Affen im Zoo, wie ich es mal beobachten konnte. Ich hatte nicht weit nach hause und konnte in der großen Pause daheim auf die Toilette. "Musste" ich mal in der Schule, dann versuchte ich mich in die Lehrer-Toilette m 2. Stock zu schleichen. Es war den Schülern verboten, diese aufzusuchen. Dort gab es immer Papier, es waren Zeitungen, die in handliche Stücke zerschnitten waren. Oft lagen dort deutsche Bücher aus. Diese habe ich dann gerettet und nachhause genommen. Auch wenn schon ein paar Seiten gefehlt haben. Toilettenpapier in Rollen gab es damals nicht.
Dieser Usus, Zeitungspapier auf dem Klo zu gebrauchen, hat einen Standartwitz bei Gesellschaften gebracht:
der "Witzbold" kündigte ein Kunststück an. Er bat einen aus dem Kreis, ein Stück Papier möglichst klein zu falten. Er war immer noch nicht zufrieden, faltete es aus und befahl  "Weiter, noch kleiner falten". Als er dann endlich zufrieden war, sagte er "so, jetzt ist es weich genug. Jetzt kann ich auf die Toilette gehen. Danke". 

Im Kiosk kaufte man alte Zeitungen und abends wurde daraus ein Vorrat an Klo-Papier angelegt, für die ganze Woche.

 Stalins Tod. Das Wunder von Bern

 Am 5.3.1953 war ich in der Pause unterwegs nachhause, um etwas zu holen,  oder die Toilette aufzusuchen. Plötzlich heulten die Sirenen los, alles musste 3 Min. lang stehen bleiben: Wer nicht stillstand, wurde bestraft, die Miliz hat alles genau beobachtet. Stalin war gestorben! Für 3 Minuten musste alles ruhen. Ich hatte Angst, nicht rechtzeitig zum Unterricht zurückzukommen und habe mich mit kleinen seitlichen Schrittchen vorwärts gearbeitet.

Wir hatten ein kleines Detektor-Radio, dass wir selber gebastelt haben. Man musste auf einem Kristall mit einem Draht herumstochern. Damit konnten wir auch Deutsche Sender empfangen. Als dieses "Wunder von Bern" (4.6.1954) stattfand, hielten mein Bruder Heinz und ich unsere Ohren an dieses Detektor-Radio. Die Freude war riesengroß. Nur in der Schule durfte ich meine Freude nicht zeigen. In der Schule hieß es dann, die Deutschen hätten die Ungarn mit "Mercedesse" bestochen und nur deshalb gewonnen.

Tadeusz

Unsere Schwester war mit einem Polen befreundet, mit dem Thaddäus Siudaj.. Er war ein herzensguter junger Mann, ein Migrant, der auch auf unserer Zeche gearbeitet hat. In den Sommerferien, ich war vielleicht 15 Jahre alt, nahm er mich in sein Dorf, in Ostpolen, direkt an der russischen Grenze gelegen, mit. Das Dorf war noch nicht elektrifiziert, es gab nur ein einziges batteriebetriebenes Radio dort. 

Die Dorfbewohner waren sehr nett, manchmal zu nett zu mir. Zu Begrüßung, wenn wir eine Bauernfamilie besucht haben, gab es Rührei mit Speck, aus 48 Eiern und einen Liter Wodka dazu. Man musste da mittrinken und essen, sonst wären sie beleidigt gewesen.
Sie fragten mich über das Leben in Schlesien aus, waren ungläubig, als ich über WC´s, die in der Wohnung waren berichtete. Auch über die Straßenbahn und die Autobusse musste ich erzählen.

Tadeusz wollte sein Elternwohnhaus ausbessern. Es war aus dicken, 4 cm dick, Holzbohlen gefertigt. Das Dach war mit Stroh gedeckt. Die untersten Holzbohlen wurden morsch und mussten ausgetauscht werden. Auch das Dach, die Strohbedeckung, musste erneuert werden.

Wir fuhren also mit dem Pferdewagen in den Wald, nicht ohne vorher von der Mutter, mit einem halben Wasserglas Wodka verabschiedet zu werden. Zur Mundspülung, wie sie sagte. Wir hatten ein Gerät mit, die "Lada" ("Lade", aus dem Deutschen "Laden").

Wir suchten einen geeigneten Baum aus, fällten diesen, entfernten die Äste und mit Hilfe der "Lada" wurde der Baumstamm auf den Pferdewagen geladen. Im Hof war ein Mannshohes Gestell aufgebaut. Der Baumstamm kam oben drauf, mit einer rußgeschwärzten Richtschnur, wurden im Abstand von 4 cm gerade Linien markiert. Die Schnur wurde fest gespannt, in der Mitte hochgezogen und möglichst senkrecht haltend, wieder losgelassen. Sie hinterließ eine Spur von Ruß.  Mit einer senkrecht Säge, zwei Mann, einer jeweils links und rechts unten, einer oben, wurde exakt entlang dieser Linien gesägt und so die benötigten Bohlen, 4 cm dick, 20 cm hoch und 600 cm lang, gewonnen.
Hatten wir genügend Bohlen gefertigt, wurde das ganze Haus angehoben. Hier mussten mehrere Männer aus dem Dorf mithelfen. An den oberen Bohlen, an der Hauswand, wurden kleine Vertiefungen geschlagen. In diese dann schräg angesetzt, große, dicke Stangen gesetzt. Nun wurden diese Stangen, auf untergesetzten Bretten, mit "Hau-Ruck" vorwärts getrieben, Dadurch die Wand angehoben und wir konnten die unterste, morsche Bohle herausnehmen. Die neue Bohle wurde eingesetzt und das Haus herunter gelassen.

Zu zweit, mit Hilfe anderer wo es unumgänglich war, ist es uns gelungen, das Haus zu erneuern, das Dach neu zu decken.
Baum fällen, aufladen, in den Hof fahren, aufs Gestell bringen, zersägen, "Schwalben-Ecken" einsägen, Haus anheben und Bohlen austauschen. das hat mir imponiert. Sieben Bäume haben wird gefällt.
Die Dorfbewohner fragten mich immer wieder: "Wie heißt das in eurer Sprache?" Sie meinten auf Deutsch. Für sie bestand nicht der kleinste Zweifel, dass Schlesien Deutschland ist. Deren Feinde waren die Russen, nicht wir Deutsche.

Ein paar alte Bücher fanden sich dort, sie wurden komplett, bei kerzenlicht  von mir ausgelesen. Z. B. "Znachor" (Der Heilpraktiker). Es handelte von einem jungen, begabten Chirurgen, den eifersichtige Kollegen (oder seine Ehefrau?), durch gedungene Mörder überfallen lassen. Er erleidet eine schwere Kopfverletzung und verliert sein Gedächtnis. Der Überfall ereignete sich auf einer weiten Landreise. Ein Bauer findet ihn, pflegt ihn gesund. Er bleibt auf dessen Hof und arbeitet dort als Knecht. Seine medizinischen Kenntnisse sind noch vorhanden und er kann sie verschiedentlich, erfolgreich einsetzen. Es spricht sich rum er wird zum "Znachor". Am Ende heilt er das verkrüppelte Bein des Bauernsohns, gegen den Rat des dortigen Ortarztes, der dieses Bein verpfuscht hat. Der Junge wird gesund, kann wieder laufen, er wird aber angeklagt. Vor Gericht gestellt, wird er erkannt als der verschwundene, berühmte Chirurg. Eigentlich eine billige Schnulze.

Hatten wir beim Hausbau etwas Zeit, half ich auch bei der Landwirtschaft aus. Es war sehr heiß, wir Männer waren mit nackten Oberkörpern bei der Arbeit, die Frauen versuchten ebenfalls alles überflüssige abzulegen. Die Mutter, eine magere Frau, hatte ein ärmelloses Hemdchen an, seitlich weit ausgeschnitten Immer wieder rutschte ihr eine Brust "ins Freie", die sie dann mit einer Handbewegung wieder ins Hemd schob.
Sie erzählte, dass, als sie die kleine Schwester stillte, ihr Sohn, der Tadeusz, damals schon 5 jährig auch gerne an ihrer Brust getrunken hat.
Sie waren alle voller Lob, wegen meiner großes Geschicklichkeit bei der Landarbeit. ich hatte aber auch eine gute Schule in Barut und in Hohenwalde, als Kind.
Korn gemahlen wurde mit einem großen Mühlstein, den eine eingespannte Kuh, immer im Kreis gehend, antrieb.

Es war viel- und schwere Arbeit zu verrichten, aber doch ein befriedigendes Ferien-Erlebnis. Es wäre noch besser gewesen, wenn die Dorf-Schönheiten mich in Ruhe ließen. So oft, eigentlich nie, kam kein Fremder von so weit her in ihr Dorf. Auch deshalb, weil es in der Grenzzone lag. Nur mit einer besonderen Genehmigung konnte man dort einreisen. Wir mussten uns auch bei der dortigen Miliz anmelden und bei Abreise wieder abmelden.
Gewaschen haben wir uns im nahen Fluss.
Ich wurde richtig "Wodkafest".



Blutspende!

Mit 18 Jahren durfte man Blutspenden. Als Belohnung gab es ein Bon, den man im nahe gelegenem Restaurant, z.B. im "Hotel Präsident", früher "Admiralspalast" gegen ein Mittagessen einlösen konnte.


Zur Zulassung als Spender, musste man eine Bescheinigung über eine Untersuchung beim Hautarzt/Venerologen (Geschlechts-Krankheiten) vorlegen. Wir empfanden es als Schikane. Alle vier Wochen haben wir gespendet und alle vier Wochen mussten wir diese Prozedur über uns ergehen lassen.

Die Ärztin, eine junge Frau: "Hose ausziehen! Unterhose auch". "Näher kommen, noch Näher". "Umdrehen, bücken, Pobacken auseinander". "Jetzt umdrehen". Für die, die nicht beschnitten waren: "Vorhaut herunterziehen, umdrehen". "In Ordnung, anziehen.".

Beim ersten mal war es für mich recht unangenehm. Die Ärztin hat es bemerkt: "Na, schämst du dich ?". Ich darauf: "wenn sie sich ebenfalls ausziehen würden, wäre es für mich angenehmer". Sie wieder: "soll ich dich auf den gynäkologischen Stuhl setzen?" Ich glaube, sie hat es nicht wirklich vorgehabt. Ich habe aber sicherheitshalber nichts mehr gesagt. 
Gut war, dass wir nie warten mussten, auch wenn das Wartezimmer voll gewesen ist. Die Blutspender wurden sofort dran genommen.

Der tiefere Sinn dieser Untersuchung ist mir bis heute verborgen geblieben. Fest steht, wir Blutspender hatten keinen guten Ruf.

Eine ähnlich verlaufende Untersuchung, war die Musterung zum Militärdienst. Als Schreibkräfte wurden junge Mädchen, kurz nach dem Abitur, bzw. schon junge Studentinnen eingesetzt. Sie saßen an Tischen in einem großen Raum, wir wurden einzeln hereingerufen, mussten uns völlig nackt ausziehen, wurden von den Mädchen befragt, dann war der Arzt dran, mit der oben beschriebenen Prozedur.

Ich war ein eifriger Blutspender und habe bis heute, dann schon im Westen, nach meiner Flucht,  einige Hundert Liter Blut gespendet. Ich soll eine seltene Blutgruppe haben: "B negativ, abc". Öfters musste ich zu Direktspende, bei Babys mit Rhesus-Faktor-Unverträglichkeit (auch im Westen, in Mainz, z.B. an Weihnachten, bzw. einmal zum Silvester und weil ich schon etwas Alkohol getrunken hatte, schickten sie ein Taxi, um mich zu holen. Der Arzt meinte dann, "der Alkohol im Blut, wird den Patienten aufmuntern. Es wird ihm gut tun".).

Die Universitätsklinik in Hindenburg hatte einen guten Ruf. Ein Kumpel von uns, der auch Untertage gearbeitet hat, hat eine Ärztin geheiratet. Das konnten wir nicht verstehen, was wollte die denn von einem Untertage-Arbeiter? An die Studentinnen kamen wir, Grubenarbeiter nicht heran. ich habe nie eine zu sehen bekommen.

Es gab einen Kellner in diesem Restaurant, der uns die Bons abgekauft hat. Für dieses Geld konnte man einen viertel Liter Wodka kaufen.

Die Bergleute haben viel Wodka getrunken. Sie suchten darin Vergessen, eine Ablenkung vom schweren Los.

In den Sammelstellen für leere Flaschen, gab es ein wenig Geld für jede abgegebene intakte Flasche, den Flaschenpfand. Es gab einen Witz zum Thema Alkoholismus: Die Kinder, sehr hungrig, betteln den Vater an: "Vater, geht Wodka kaufen, damit wir für das Flaschen-Pfand etwas Brot kaufen können". Der Vater dann: "da sieht man's wieder, ohne mich, würdet ihr verhungern".

Der Lohn wurde wöchentlich in Bar ausgezahlt (später alle zwei Wochen). Die Ehefrauen standen vor dem Zechen-Tor, um die Ehemänner mit dem Lohn abzufangen. Die cleveren Ehemänner entwischten oft durch ein Seitentor, oder warteten versteckt, bis die Ehefrau aufgegeben hatte. Unsere Schwester arbeitete bei dieser Zeche im Lohnbüro und hat auch die Lohnauszahlungen vorgenommen.  Sie kannte schon die "Säufer" und hat, immer wenn es möglich war, an die Ehefrauen direkt ausgezahlt, obwohl die Ehemänner keine Vollmacht ihnen erteilt haben. Es gab manchmal Ärger mit dem Vorgesetzten deswegen.

Nicht alle waren Säufer, es gab auch viele, die dem Kartenspiel, dem Poker verfallen waren. Die Pokerspieler lauerten schon in der Nähe um die Spielsüchtigen abzufangen.

Die Ehefrauen nahmen oft die Kinder mit, um damit moralischen druck auf ihre Männer auszuüben und sie zu bewegen, nachhause und nicht in die Kneipe zu gehen. Das schwere trostlose Leben, hat die Männer dazu gemacht.

Die Kliniken hatten an diesen Tagen zwei Arten von Verletzungen zu behandeln. Die Trinker steckten die Wodka-Flasche in die Hosentasche hinten. Wenn sie hinfielen, verletzten sie sich den Hintern. Viele sind von der immer überfüllten Straßenbahn gefallen (mit der Flasche in der A....tasche). Um doch noch mitgenommen zu werden, stellte man sich auf die Kupplung hinten, manchmal zu Dritt, bzw. hing mit einem Bein am Einstiegsbrett, eine Hand am Haltegriff außen.
Die andere Verletzung kam durch den Versuch die Wodka-Flasche ohne Korkenzieher zu öffnen. Man schlug mit der flachen Hand, so oft auf den Boden der Flasche, bis der Korken herauskam. Bei der schlechten Qualität der Flaschen kam es oft vor, dass die Flasche unter den Schlägen zerbrach. Es gab dann diese "typische" Verletzung des rechten Arms. Die Ärzte behandelten diese verletzten Säufer mit diesen Verletzungen nicht besonders vorsichtig. 

In den Gasstätten, wenn man Wodka bestellt hatte stellte die Bedienung eine Literflasche und ein 100 ml Glas auf den Tisch. Bier war ungenießbar, genau so wie der Wein, Obstwein. Abscheulich!

 

Mein Cousin Paul Hajduk

Der weiter oben, in "Das Elternhaus" erwähnte Paul war unehelich geboren. Ich nehme an, dieser Umstand hat sein ziemlich verpfuschtes Leben beeinflusst. Zunächst abgelehnt, dann, nachdem das Mündel-Gold ausgezahlt wurde, von allen sehr begehrt. Ausgebildet zum Schuhmachermeister, hat er unsere Schuhe repariert. Fast alle Hajduk-Männer waren Schuhmachermeister. Auch der Vorfahr aus Himmelwitz, Martin Hajduk, *1825.

Er wohnte in einer kleinen Wohnung in Hindenburg-Mitte. Als Kind habe ich Paul gerne besucht. Es waren aber auch nur wenige Male, eben dann, wenn es galt Schuhe zur Reparatur zu bringen. Ich habe seine Geschicklichkeit bewundert, er hat mir jeden seiner Handgriffe erläutert, erklärt, wie diese Schuhmacher-Geräte funktionieren.

Man hat sich eine traurige Geschichte seiner Ehe erzählt. Angeblich hat ihn seine Frau, die Anni, nur geheiratet (1937?), um den Namen Hajduk zu erlangen, denn ihr Geliebter hieß ebenfalls Hajduk (?). Als Paul nach dem Krieg nach Hause gekommen ist, fand er dort den "anderen" und seine Frau hat ihn, Paul, weggeschickt. Er durfte gehen. Ob es sich wirklich so abgespielt hat, weiß ich nicht. Sie bekamen zwei Töchter, ob auch Paul der Vater der Jüngeren  war, wurde angezweifelt. Er glaubte jedenfalls fest daran. Auf jeden Fall, war die Älteste von ihm. Wir haben oft über seine Kinder gesprochen. Die Mutter der Mädchen hat jeglichen Kontakt unterbunden. Sein größter Wunsch war gewesen, seine Kinder zu sehen. (ich bin stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, wenn auch nach Jahrzehnten, ein Treffen mit seiner Ältesten zu arrangieren. Eine meiner wenigen "guten Taten". Er hat sein ganzes Leben unter der Trennung gelitten. (Später dazu mehr.)

Er kam uns gerne in Biskupitz besuchen, brachte dann z.B. einen Fisch zum braten mit. Ungehalten hat er reagiert, wenn unsere Schwester diesen Fisch "zerbraten" hat. Die Pfanne war zu klein, um den Fisch ordentlich zu wenden. Die Stücke waren immer zerfallen. 
Seine Spezialität war, unangemeldet zu kommen. Es klingelte an unserer Tür, Paul stand draußen: "Guck nicht so dumm!"

Er hatte später eine Freundin, die Maria, ebenfalls eine etwas verunglückte Beziehung. Maria führte einen Blumen-Laden in Hdbg-Mitte. Völlig unerwartet wurde Paul die Ausreise in den Westen gestattet. Vielleicht deshalb, weil er offiziell als Arbeitslos galt. Die Schuh-Werkstatt war in seiner Wohnung privat. Paul hat alle seine Möbel, seinen ganzen Besitz der Maria vermacht und ist ausgereist.

Jahre später klingelt es an unserer Wohnungstür in Biskupitz, Paul stand da: "Guck nicht so blöd!"

Er ist wieder aus dem Westen zurückgekommen. Die polnische Regierung wollte es propagandistisch ausschlachten, aber Paul hat nicht mitgemacht. Ich glaube, Maria war über seine Rückkehr nicht besonders erbaut. Er hatte Geld mitgebracht und viele "gute Sachen" aus West-Deutschland. Jetzt wollten alle den Paul bei sich aufnehmen. Cousine Charlotte hat das Rennen gemacht und ihn aufgenommen. Es war zu wenig Platz in dieser kleinen Wohnung, sobald alles Geld aufgebracht war, musste Paul gehen. er fand einfach nirgendwo seinen Frieden, ein Zuhause. allerdings konnte Paul auch unverschämt fordernd auftreten.

Paul behauptete, das Essen dort war zu spärlich und zu schlecht. Charlotte "Lotte" wiederum, Paul hätte sich wie ein Pascha aufgeführt.

Wie er das geschafft hat, erneut eine Ausreise nach West-Deutschland zu erlangen, wissen wir nicht.

In West-Deutschland kam er nach Peine, zu Cousine Erna. Erna Wydra, Tochter einer Schwester Vaters, der Ernestine, sie soll die Lieblings Nichte unserer Mutter gewesen sein. Sie war leicht behindert, hatte einen Klumpfuss. Paul wurde dort ebenfalls nicht glücklich. Der Erna gegenüber, seiner (Halb)Schwester, trat er ebenfalls unverschämt fordernd auf. Paul hat sich nicht um Arbeit bemüht, saß zuhause und hat am Essen herumgemäkelt. Als Erna angedroht hat, ihn vor die Türe zu setzen, sagte Paul "Du hast mich eingeladen. Du hast unterschrieben, dass du für meinen Unterhalt sorgst. Ich bleibe". Ob er es so wirklich gemeint hat? Einfach war er nicht.
Er hauste später in einer heruntergekommen Wohnung (mehr, altes lager, als Wohnung). Ein ausgebauter Autositz war sein "Sessel", es war unglaublich schmutzig in dieser Wohnung. Ernas Tochter, die damals 12jährige Sabine(?) hatte als einzige Kontakt zu Paul. Sie sorgte in ihrem beschränktem Rahmen für Paul.

Paul kam oft zu uns nach Mainz zu Besuch. Unsere kleine Tochter war ganz vernarrt in Paul. "Onkel Paul! Onkel Paul" ging es die ganze Zeit. Er war ziemlich hilflos dem Kind gegenüber. Wir saßen manchmal die ganze Nacht zusammen und haben über meine Eltern gesprochen. Er hatte eine innige Beziehung zu seiner Tante, meiner Mutter. Meine Eltern mochten den Paul.

Einmal haben wir Paul auch in Peine besucht. Nicht nur den Paul, auch die Cousine Erna und Heinrich ihren Mann. Ernas Wohnung machte auf mich einen düsteren Eindruck. Die Zimmer voller altmodischer Möbel, man konnte sich kaum darin bewegen. Sie waren sehr herzlich und zuvorkommend. Es war angenehm dort. Übernachtet haben wir, meine damalige Ehefrau und ich, bei der ältesten Tochter. Sie hatten ein schönes Haus, mit einem großen Kamin. "Irgendwann habe ich auch so ein Haus", dachte ich mir.

Pauls "Zuhause" war die reinste Katastrophe. Meine Frau durfte dort aufräumen, ihr hat er es gestattet. Mit Hilfe der Sabine(?) wurde gründlich sauber gemacht, Gardinen wurden aufgehängt. Man erzählte sich, Paul hat viel Geld gespart und sein Geiz hindere ihn,  es für sich sinnvoll einzusetzen. Ich wusste, dass er für seine Töchter gespart hat. Gesagt hat er immer, ich solle dieses Geld erben. Ich bin froh, dass es doch eine seiner Töchter bekommen hat.

Er hatte später eine Freundin,  mit der er auch mal nach Mainz gekommen ist. 

Paul mit Freundin zu Besuch in Manz. Im Vordergrund unsere Tochter Petra.

Paul mit Freundin in Mainz, ca. 1972 (im Vordergrund unsere Tochter)

Sie war sehr "sauber", wie sie immer betont hat, sie hat jeden Tag ihren Schlüpfer gewaschen und auf der Heizung im Wohnzimmer getrocknet. Sie hat mich bearbeitet, ich solle doch Paul dazu bewegen, sein Geld in neue Möbel zu investieren. Ich wusste aber, es soll für seine Töchter als Erbe bleiben. Es hat sie gewurmt, dass sie nicht genau wusste, wie viel Geld Paul hatte.

Paul hat testamentarisch verfügt, ich solle das Geld erben. Als er wieder Mal zu Besuch nach Mainz gekommen ist, habe ich nach seinen Kindern geforscht. Es war gar nicht schwer sie zu finden. Gerade mal 90 km von Mainz entfernt, in Koblenz lebten die jungen Frauen. Ich glaube auch seine geschiedene Frau, die Anni, hat ebenfalls dort gelebt. Telefonisch ist es mir gelungen, ein Treffen mit der Ältesten Tochter, der Rita zu arrangieren. ich werde es nie vergessen, wie Paul und ich auf dem Mainzer Hbf auf die Ankunft des Zuges aus Koblenz gewartet haben. Paul war sehr aufgeregt, hat gezittert. Dann war es so weit, Rita ist aus dem Zug ausgestiegen. wer wen wie erkannt hat, weiß ich nicht mehr. Es war eine recht Kühle Begegnung, aber immerhin, Paul durfte seine Tochter sehen und begrüßen. Das Geld hat Rita später dann doch angenommen, auch das war für Paul, wenn auch erst nach dem Tod eine Genugtuung.

Paul war komisch aber auf seine Art herzlich und ein guter Freund. Er Ruhe in Frieden.

Mit Rita habe ich später ein paar Mal telefoniert, dabei ist es aber geblieben. Die andere Tochter habe ich nie gesehen.

Sabine(?) hat in Wolfsburg bei VW gearbeitet. Sie hat es zum Kfz-Meister gebracht und ist zu VW-Mexiko gegangen. Dort hat sie Jahrelang gearbeitet. Sie war ein liebes und gutes Mädchen. 

Abendschule. Arbeit untertage

Weihnachten mit den früheren Nachbarn Familie Pilny (Bärbel, Regine, Christa und Mutter)
Weihnachten mit Familie Pilny, Bärbel, Regine und Christa mit Mutter. Vater war Kriegsblinder.  
Ich war in die Mittlere, die schöne Regine verliebt. Ich glaube mein Bruder auch.

 In der Uniform der Bergmanns-Schule
Wir Geschwister, ich in der Schul-Uniform der Bergmann-Schule. Im Hintergrund, 
unser Radio, der Stolz unserer Schwester.

Nach Ende der Berufsschule habe ich am Abendgymnasium das Abitur gemacht und das Grubensteiger -Patent erworben. Hier kam mir das Regime etwas entgegen. Ich musste nur noch 42 Stunden in der Woche arbeiten. An drei Tagen in der Woche konnten wir Abendschule-Schüler, die Arbeit zwei Stunden früher beenden. Man musste dafür eine Bescheinigung der Schule vorlegen. Trotzdem wieder Diskriminierung. Die Repatrianten/Migranten, die diese Abendschule besucht haben, wurden Übertage eingesetzt, hatten leichte Büro-Hilfsarbeiten zu verrichten. Wir, zwei Autochthon mussten weiterhin die schwere Knochenarbeit Untertage verrichten. Wie sich später gezeigt hatte, war ich eine Art "Versehen", ich hätte nicht zugelassen werden dürfen am Abendgymnasium. Einmal wegen der Abstammung und weiter wegen meiner politischen Einstellung. Meine Freunde haben nachgeholfen.

Die Schule bekam Order, alle Zuwanderer durchzulassen, unabhängig davon, wie schlecht sie gewesen sind. Aus diesen Absolventen wurde die Kader, das Aufsichtspersonal rekrutiert. Es mussten Polen sein. Einer wurde regelrecht durch die Prüfung geschubst. Er hat bestanden!

Der Schuldirektor sagte mal zu der Sekretärin, das würde nichts ausmachen, aus diesen Leuten sollten auch keine Wissenschaftler werden. Heute würde man sagen: die Quote. In USA mit Farbigen, in Deutschland die mit Zuwanderern, oder Frauen. Positive Diskriminierung!(???) (Wir werden uns noch wundern! Wiederholt sich für mich die Geschichte?)

"Meine" Stenkohlengrube
"Meine" Grube
"Hedwigwunsch" (von 1861)  (heute die erste private Zeche in Polen).


Hedwigwunschgrube, 1903.

"Meine" Kohlengrube


Mein Arbeitsplatz

Radierung von Kätelhöhn

Ein Problem war, den Förderschacht rechtzeitig zu Personenbeförderung zu erreichen. Der Arbeitsplatz Untertage war ein paar Kilometer vom Eingang weit entfernt. Nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten wurden Personen befördert. Die Schale (der "Aufzug") fuhr dann langsamer, als bei der Kohle-Förderung. Mit der Kohle-Förderung, vollgefüllte Kohlenwagen rauf, leere herunter, ging es über 1.000 m "im freien Fall", mit dem entsprechendem Bremsvorgang. Da sind die heutigen Attraktionen, "nichts dagegen". Um den Schacht (den "Aufzug" nach oben) rechtzeitig zu erreichen, sind wir auf den Förderbändern gelaufen.

Diese Förderbänder, (Bandförderer) aus Gummi auf Rollen, waren löcherig, es gab Risse und Schlitze. Diese Schlitze/Risse waren immer längs angeordnet. Wir versuchten den Fuß weitgehend schräg zu setzen.

Beim Laufen auf diesen Bändern konnte der Fuß durch einen solchen unsichtbaren Schlitz durchrutschen und konnte dann nicht mehr zurückgezogen werden. Zunächst wurde der Fuß mehrfach gebrochen, um dann am Ende des Förderbandes, von der Umlenk- bzw. Spannrolle abgetrennt zu werden. Es gab sehr viele solcher Unfälle. Einen habe ich mit angesehen. Ein Arbeiter ist beim Reinigen der Umlenkrolle, vom Band am Ärmel erfasst worden und wurde hineingezogen. Der rechte Arm wurde abgetrennt. Er hat diesen abgetrennten Arm mit der linken Hand aufgenommen und ist zum Förderschacht gegangen. Unter Schock, hat er kein Blut verloren und keine Schmerzen verspürt. Unterwegs sagte er nur: "mein Arm ist ab".

In meiner Abteilung war der Flöz so niedrig, dass man nur im Liegen auf den Bändern mitfahren konnte. Hier war die Gefahr, dass man mit dem Kopf an die (herabgesenkte) Decke stieß und sich das Genick brechen konnte.

Es war streng verboten auf den Bändern zu reisen. Die Arbeitsnorm (wir haben im Akkord gearbeitet) war aber so hoch gesetzt, dass wir bis zuletzt vor Ort gearbeitet haben und um dann noch rechtzeitig zu Personenbeförderung (Fahrung) da zu sein, mussten wir auf diesen Bändern rennen. Das Nichterfüllen der gesetzten Arbeitsnorm, konnte auch als Sabotage ausgelegt werde. Es war gefährlich

 Bergbau - Mystik


Durst

Der Weg "Untertage" war für mich vorgezeichnet und ohne Alternative. Als Autochthon und aus sehr armen Verhältnissen stammend. Die "Vornehmen" (also die Zuwanderer, die Migranten) wurden "Geistige Arbeiter", Angestellte, und möglichst nicht auf der Grube, die anderen wurden "physische Arbeiter", und die ganz unten, in der Grube "Grubenarbeiter". Grubenarbeiter war ein Schimpfwort (Grubniok). Als unser Bruder geheiratet hat, hat die Schwiegermutter in spe großen Wert darauf gelegt, dass sein Beruf, "Schlosser", in der Kirche genannt wurde. Heinz hat später auch Untertage gearbeitet, meistens in Spätschicht, beim Vorbereiten des Kohlenabbaus für die nächste Frühschicht. Später wurde Heinz Sprengmeister, das ist der, der das Dynamit einsetzt, für die Sprengungen.

Die Schwiegermutter "in Spe" hat auch den Pfarrer befragt, was für eine Familie wir denn so seien. Hier hat mich Hochwürden sehr enttäuscht. Hochwürden haben Rache geübt und uns in den schwärzesten Farben dargestellt, die die Hölle so zu bieten hat. Was das Verhältnis zu dieser Familie nachhaltig schlecht werden ließ.

Die Sprengungen waren sehr gefährlich, man sollte sich dabei weit genug vom Sprengungs-Ort entfernen. Bedingt durch die hohen Arbeits-Normen, wurde es nicht befolgt. Wir sind ein paar Meter weit weg und haben uns so gut es ging weggeduckt. Ein Mal bekam ich auch eine Ladung auf meinen Rücken ab. Einige kleine blauen Stellen vom eingelagertem Kohlenstaub, sind als Natur-Tattoos immer noch zu sehen. Auch sonst finden sich einige, blau vom Kohlenstaub, eingefärbte Narben von Unfällen an meinem Körper.

Die "Berufsschule für Bergbau" hat ein Lehrgeld gezahlt, und im dritten, letzten Schuljahr verhältnismäßig viel. Mit 16 Jahren durfte man in die Grube, Untertage,  einfahren. Am 2.01.1957 wurde ich 16 Jahre alt, es war ein Montag und an diesem Tag bin ich auch "eingefahren". Es war ein einmaliges Erlebnis. Diese Stille, diese absolute (ägyptische) Dunkelheit. Die Stille wurde von Wassertropfen und von Stöhnen der Hölzer unterbrochen. Gelegentlich gab es einen Knall, wie beim Donner, (Bergschlag). Man hat sich daran bald gewöhnt. Ein schönes Gefühl war die "Sicherheit", die die Tiefe der Erde "Im Schoß der Mutter Erde", immerhin waren wir über 1.000 m tief, vermittelt hat (Gearbeitet wurde bis in eine Tiefe von 1.230 m.) Besonders genossen habe ich die Feuerwachen am Sonntag. Am Sonntag wurde keine Kohle gefördert, deshalb musste ständig jemand unter Tage Kontrollgänge absolvieren. Man war alleine, es war wie in der Kirche. Durch die Sonntagsschichten, ich hatte an bis zu 50 Sonntagen im Jahr gearbeitet, konnte man den Verdienst etwas aufbessern. Urlaub und sonstige Erholung gab es nicht. Die 7 Tage Tarifurlaub wurden für Krankheiten genutzt. Man konnte sich den Urlaub auch auszahlen lassen. Es war eine Art Weihnachtsgeld, hatte aber an keinem Tag im Jahr frei. Der 1. Mai war ein Feiertag, wir mussten aber zu den Umzügen unter Zwang gehen. Es wurde kontrolliert, das Fehlen am Umzug, als Fehltag gewertet und vom Lohn abgezogen.
Ich war im betrieblichen Alpinen-Verein (Tatra) und dort wurden regelmäßig sportliche Klettertouren veranstaltet. Wir wurden mit einem alten Militärlaster in die Berge gefahren. Das gab ein wenig Abwechslung.

Ich habe mich gerne, wenn bei einer Havarie alles stehen blieb und wir eine erzwungene Arbeitspause hatten, in alten, vergessenen und verlassenen Gängen herumgetrieben. Es war sehr sehr gefährlich, jeder Zeit hätte die Decke einstürzen können - ich wäre für die Ewigkeit verschollen. Ich musste mich durch sehr enge Spalte durchzwängen. Heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich nur einen solchen engen Spalt sehe. Zum Beispiel in Krakau auf dem Turm zum Wawel (das Königsschloss) muss man durch einen solchen engen Spalt. Mit etwa 20 Jahren hat es mir nichts ausgemacht. Mit fast 60 Jahren musste ich umkehren.

Frauen im Bergbau



Arbeiterin.
Aus der kommunistischen Propaganda.

  
Lange vor Beginn meiner Bergmannkarriere hat die Sowjetunion eine völlige Gleichstellung von Mann und Frau auch im Bergbau verfügt (wohl wegen Mangels an Arbeitskräften). Es war eine verrückte Zeit. In diesem Flöz (mehr als 1.000 m tief), war es sehr warm. Die Kumpel arbeiteten nur in Gummistiefeln und mit einem Helm als Kopfschutz. Mehrmals täglich mussten die Fußlappen ausgewrungen werden und der Schweiß aus den Gummi-Stiefeln geschüttet werden. Sonst waren alle ganz nackt. Es gab 2x pro Schicht schwarzen Ersatzkaffee zu trinken. An den Geschmack kann ich mich noch jetzt erinnern.

Ob es die verzweifelte Lage war, auf jeden Fall die Moral (und damit die Arbeitsmoral) waren dahin. Pärchen haben sich in entlegen Ecken aufgehalten, es wurde kaum gearbeitet. Ich weiß noch, dass diese Frauen "sehr scharf" auf die Lehrlinge (Lehrhauer) waren. Diese Frauen hatten einen sehr schlechten Ruf. Es war aber vor meiner Zeit.

Mit den Frauen sind auch die Karbid-Lampen verschwunden. Es war offenes Feuer und deshalb sehr gefährlich. In einen Behälter mit den Karbid-Brocken, tröpfelte Wasser. daraus entwickelte sich ein brennbares Gas. Die Anzahl der Tropfen konnte mit einer Schraube reguliert werden. Ich kann mich noch an Arbeiten mit diesen Carbid-Lampen gut erinnern. Es ist Karbid (CaC2 ), das mit Wasser Acetylen-Gas ergibt. Ein brennbares Gas.

Ethin ist ein brennbares Gas, das aus Kalziumcarbid (CaC2) und Wasser hergestellt werden kann. Verbrannt wurde es in Carbidlampen und diente auch Bergleuten zur Beleuchtung.  

CaC2          

+

H2O      

=>

 C2H2      

+

 Ca(OH)2

C2H2     

+

O2     

=>

CO2  

+

H2O

Das Gas der Carbidlampe strömt mit hoher Geschwindigkeit durch eine enge Düse,
vermischt sich gut mit Luft und verbrennt ohne Ruß.

In der "Waschkaue" konnte man, vor Schichtbeginn und nach Schichtende, sich umziehen. Später wurde unterschieden nach "Weiß Kaue", für die sauberen Sachen und "Schwarz-Kaue", für die schmutzigen Arbeitssachen. Unter der (sehr hohen) Decke waren Hacken angebracht, die man herunterlassen konnte, an einer Eisenkette, die mit einem Vorhängeschloss gesichert worden war. Die Kleider, morgens die Straßenkleider, abends die Arbeitssachen, wurden so "kunstvoll" drapiert, dass es wirklich aussah, als hingen dort Menschen. Die Älteren haben sich immer wieder einen Spaß erlaubt, in dem sie den Neuen, besonders den Kongresspolen, den Migranten, erzählten, es seien Tote, die durch Unfälle ums Leben gekommen sind. Diese jungen Zuwanderer aus den Bergen, "Gorrollä", waren sehr naiv und rückständig. Einer wollte den Wasserhahn aus der Wand abschrauben, und ihn nachhause nehmen, damit seine Mutter nicht mehr das Wasser aus dem weit entfernten Brunnen holen müsse. Sie waren rückständig, aber herzlich und anständig. Es waren Ausländer, die unsere Sprache nicht verstanden haben. Wir haben in Oberschlesien "Wasserpolnisch" gesprochen. Die Deutsche Sprache wurde uns verboten, die Sprache der Fremden wollten wir nicht annehmen - wir haben uns eine eigene Sprache geschaffen: Wasserpolnisch. Deutsche Begriffe wurden mit einer polnischen Endung versehen: "Mytzka" war demnach eine Mütze (poln. Tschappka). "Kartofflä" waren die Kartoffel (poln.: ziemniaki), "Schemua" eine Semmel (poln. bouka), Hitze wurde zu "Hitza". Polnische Begriffe wiederum mit einer deutschen Endung versehen. Wie ein Ostfriese in Ober-Bayern, so haben sich diese Zuwanderer in Schlesien gefühlt. 

Ich war immer wieder erstaunt, welche Dankbarkeit sie mir entgegen brachten, für eine einfache Einladung zum Abendessen zu uns nachhause. Es gab ja nur Brote mit Margarine und Tee. Meine Geschwister waren sehr gesellig und hatten sich auf diese Besuche gefreut.

So wurde der Pole Bronisław I l s k i mein bester Freund (und mein Beschützer). "Bronek" ist leider schon vor Jahren tödlich Untertage verunglückt  
In der Waschkaue haben alle gemeinsam geduscht (einige Hundert Männer). Wir waren von Kopf bis Fuß voll mit Kohlenstaub eingeschwärzt. Wir bildeten große Ringe, in dem einer dem anderen den Rücken waschen konnte. Der Erste in der Reihe, dem Letzten in der Reihe. Der Ring war geschlossen. Es
sah sehr lustig aus. Hier kann man sich das selber ausmalen, wie dort Frauen hineingepasst haben. Es war trotzdem sehr taktvoll dort, bekam einer von uns Jungs, beim Duschen eine Erektion, wurde taktvoll hinweggesehen.

Als Berufsschüler mussten wir durch alle Abteilungen hindurch. In den ersten zwei Schuljahren, Übertage, durch verschiedene Werkstätten. Im dritten Lehrjahr, Untertage. In einer Abteilung (Flöz) war es sehr warm, in einer anderen, weiter oben, hat es in Strömen "geregnet" und es war sehr zugig-kalt. Wir mussten in Regenmänteln arbeiten. Der Dauerregen war das schlimmste!

In "meiner" Abteilung war es sehr niedrig, ca. 1,50 m. Wir haben auf den Knien rutschend gearbeitet, an unseren Arbeitsort gelangten wir auf Bändern liegend, diese waren extra für Personenbeförderung gedacht. De Arbeitsgeräte, z.B. die Kohlenschaufel, hatten extra kurze Stiele.

Im Westen hatten die Sicherheitsvorkehrungen hohen Stellenwert. Zum Beispiel für die Band-Fahrung, trugen die Kumpel einen Kristall am Körper. Die Förderbänder verfügten über Erkennungsvorkehrungen, die dieses Förderband sofort stoppten, wenn der Kumpel nicht rechtzeitig vor Bandende abgesprungen ist.

Die Arbeit selber war sehr schwierig. Eine Knochenarbeit. Kam es bei Havarie oder Unfall zum Stillstand, fielen wir einfach auf die Steine hin und waren sofort eingeschlafen. Nach der Schicht waren wir zu schwach, um den Suppenlöffel zu halten. Es wurde in drei schichten gearbeitet, zu 8 Stunden. In der Frühschicht wurde Kohle abgebaut und heraufbefördert. in der Spätschicht wurden die Maschinen nach vorne verlegt, an die Kohle-Wand. Das Förderband wurde verlegt und der frei gewordene Raum mit (früher Holz) Eisenstempeln (Pfosten aus Eisen) abgestützt. Es war sehr schwierig, auf den Knien rutschend die schweren Eisenstempel zu bewegen. Zwei Arbeiter haben eine 50 kg schwere Doppel- T -Eisenschiene an die Decke gehalten, während ein Dritter den Stempel darunter (mit einem Ruck) setzen musste. Die Nachtschicht hat den dann leeren Raum dahinter (etwa 20 m tief, 200 m lang) mit Versatz versehen müssen. Als Versatz nahm man Steine, die aufgeschichtet wurden, bzw. es wurde Sand hinein gespült, von Übertage, mit sehr hohem Druck. Eine andere, sehr gefährliche Art war, die Decke kontrolliert zum Einsturz zu bringen, Bruch. Durch die aufgeschichteten Steine hat sich die Decke über dem Bruch selber abgestützt.

Wollte die Decke mal nicht einstürzen, musste mit Dynamit nachgeholfen werden.

So sieht ein "Bruch" aus
So sieht ein "Bruch" aus

Die Polen haben am Anfang nicht geglaubt, dass sie über eine längere Zeit die Herren in Schlesien (und Preußen) bleiben würden. Die umgesiedelten Polen aus dem Osten (aus Lemberg "Lwów", "L´viv" z.B.) wollten gar nicht bleiben, sondern haben von einer Rückkehr nachhause geträumt. Ihnen wurde ein Besuch pro Jahr gestattet. Ein Arbeitskollege, Zwangs-Umgesiedelter aus Lemberg, war zu Beginn des Jahres in seiner Heimatstadt zu Besuch. Mitte des Jahres lag seine Mutter auf dem Sterbebett und verlangte ihn zu sehen. Es wurde ihm verwehrt! Er durfte nicht an das Sterbebett der Mutter, und später zur Beerdigung reisen, denn er hatte für dieses Jahr sein Besuchsrecht ausgeschöpft. Das er geweint und geschimpft hat, muss nicht extra erwähnt werden.

Die Polen wollten maximalen Profit aus dem Oberschlesischen Kohlenabbau herausholen. So lange ihnen noch alles gehörte! Es wurde deshalb ein Raubabbau betrieben. Die Kohlenschichten direkt unter der Stadt wurden abgebaut. Die Folgen spürt man heute noch in Hindenburg. Die Stadt sinkt jährlich um etwa 2 cm, mit allen Folgen, die sich daraus ergeben (Bergschäden). Eine andere Folge war, dass wir auf eine verbrecherische Art ausgebeutet worden sind. Es ging darum, möglichst billig, möglichst viel Kohle zu fördern. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden völlig missachtet. Im "Versatz" wurde auf gleiche Weise vorgegangen. Die Norm war so hoch gesetzt, dass wir mogeln mussten. Nicht der ganze Raum wurde mit Steinen verfüllt, sondern eine Mauer vor diesen leeren, zu verfüllenden Raum gesetzt. Auch aus dieser Tatsache ergeben sich "Bergschäden". Um die Arbeiter maximal auszubeuten, mussten sie einigermaßen gut ernährt werden. In Schlesien gab es deshalb gelegentlich sogar Fleisch zu essen. Die Versorgung war ungleich besser, als im restlichen Land. Wer immer wieder die gesetzte Arbeits-Norm übererfüllte konnte auch ein Motorrad erstehen. Wir sagten:   "der Bergmann lebt nur kurz, aber dafür gut".

Ein anderer Spruch, der den "Sozialistischen-Arbeitshelden" Pstrowski verspottete, lautete:
jeśli chcesz iść na Sąd Boski, pracuj tak jak Wicek Pstrowski -
willst du vors Gottes-Gericht, arbeite wie Wicek Pstrowski. Oder ein anderer Spruch:
Wincenty Pstrowski, górnik ubogi, przekroczył normę, wyciągnął nogi -
W. Pstrowski, armer Bergmann-Tropf, übererfüllte die Arbeitsnorm, und ging "hops".

Er überlebte es auch nur 2 Jahre. "Krankfeiern" war nicht, also ging er nach einem Zahnarzt-Eingriff sofort arbeiten, und bekam Sepsis.

Nach meiner erfolgreichen Flucht, habe ich in Deutschland (West) zunächst im Bergbau Fuß fassen wollen. Ich war als Aufsichtshauer in einer Kohlengrube in Gelsenkirchen-Bismarck untergekommen. Es hat sich sehr bald gezeigt, dass es nicht das gewesen ist, was ich mir in der Freiheit erträumte. Ich wollte an die Universität!

"Geholfen" bei meiner Entscheidung den Bergbau zu verlassen hat ein Arzt (der Vertrauensarzt), so wie der Obersteiger Löwe. Der Obersteiger hatte was gegen Flüchtlinge aus Schlesien und der Arzt wollte mir den Magen, wegen Magengeschwüren, wegoperieren.

Ich bin heute Chemiker und mein Magen ist immer noch ganz. (Es waren auch nicht Magengeschwüre, sondern Zwölffingerdarm-Geschwüre!)

Die zweite Gruppe der Zuwanderer umfasste die umgesiedelten Polen aus den polnischen Ostgebieten. Wie bekannt, hat Stalin Polen nach Westen hin verschoben. Natürlich hat Stalin mehr im Osten von Polen abgeschnitten, als im Westen dazugegeben. Die Staatsgrenzen Polens waren nach dem Krieg ca. 500 km kürzer, als vor dem Krieg. Es waren alles ganz nette Menschen, die nur eins wollten: zurück nach Lemberg (Lwów, L´viv). Diese Menschen glaubten nicht, Schlesien würde "für immer" polnisch bleiben. Darunter hatte ich viele Freunde, z.B. den Bronislaw I l s k i. Ihm konnte ich wirklich vertrauen, mehr noch, als den "unsrigen". Viele der "Unsrigen" meldeten sich freiwillig zu der "ORMO" (Freiwillige Reserve der Miliz). Ein Cousin Manfred hat sich eine "Ukrainerin" verliebt und sie auch geheiratet (sehr zum Missfallen der Familie). Er hat aber eine gute Frau bekommen.


Die "ORMO" Bürger-Militz (Freiwillige Reserve der Bürgermiliz)

Helm der "ORMO"

(Man spricht gerne von "vertriebenen Ostpolen". Das soll die Schuld der Polen bei der Vertreibung der Deutschen relativieren. Nein, es waren nicht vertriebene Polen, zwangs-umgesiedelt trifft es besser. Mit Zwang zwar, aber normal umgesiedelt. Sie durften alles mitnehmen, hatten genügend Zeit eingeräumt bekommen. Sie wussten wohin sie fahren - ins Paradies!. Aus dem Elend, ins Paradies. Die Ukraine war damals bitter, bitter arm. Stalin hat die Ukraine bewusst aushungern lassen. Ca. 3 Mio. sollen des Hungertodes gestorben sein. Diese Umsiedler kamen in Schlesien in deutsche Bauernhöfe, bzw. Stadt-Wohnungen. In einen, für sie, unbeschreiblichen Luxus. Die wirklich vertriebenen Deutschen dagegen, durften nichts mitnehmen, das Wenige wurde unterwegs auch noch geraubt. Sie mussten sofort gehen, wurden in Vernichtungs-Vertreibungs Lager verbracht. Später in Viehwaggons in den Westen gefahren. Sie kannten das Ziel nicht, sie gingen aus dem Paradies ins Elend. Das solle man nicht vermischen!)

Viele von den "unsrigen", haben sich als Stiefellecker der neuen Herren gezeigt. Sie wollten polnischer als die Polen selber erscheinen. Leider sehe ich diese Drecksäcke heute in Deutschland mit deutschem Pass herumlaufen. Da kann man das Kotzen kriegen!

Die dritte Gruppe der Zuwanderer bildeten verarmte Polen aus dem Hinterland, sowie "verdiente" Partisanen und Parteifunktionäre, die großzügig belohnt worden waren. Belohnt mit Posten und/bzw. mit den Deutschen geraubtem Hab und Gut. Viele hatten auch den Auftrag erhalten, in Schlesien, im Feindesland zu polnisieren. Wer lesen und schreiben konnte, konnte "Lehrer" werden.

Berufsschule

Wer keinen Hauptschulabschluss vorweisen konnte, musste ein Vorbereitungsjahr absolvieren. Dass hieß für mich, vier Jahre Berufsschule. Es kam nur die Bergbauschule in Betracht, denn dort gab es ein Ausbildungsgeld. Im 3. Lehrjahr sogar realtiv viel Geld. Darüber hinaus eine Schuluniform, also Kleidung. Auf dem Bild links, trägt der Peter Gansiniec die Uniformjacke. Das 3. Lehrjahr wurde auch für die Rente angerechnet, leider von der Rot/Grün in der Bundesrepublik nicht mehr anerkannt, wurde abgeschafft.

Die Ausbildung selber war gut und problemlos. Abgeschlossen wurde mit "Lehrhauer". So etwas wie Geselle. Der "Hauer" wäre demnach ein Meister. Der "Aufsichtshauer" war schon Angestellter (Geistiger Arbeiter - in Polen stand das im Personalausweis, ob man Arbeiter oder Angestellter gewesen ist. Die "Angestellten" wurden z.B. von der Miliz bei Kontrollen besser behandelt.)

Die Arbeit in der Grube Unter Tage, ich bin an meinem 16. Geburtstag eingefahren, am 2.01.1957 6:00 früh, war sehr gefährlich und sehr schwer. Unsere Grube war die tiefste und gefährlichste von allen Gruben im lande. Begonnen wurde um 6 Uhr früh, man musste da schon Unter Tage sein, Ausfahren durfte man erst nach 14 Uhr. Um 6 Uhr wurde die Seilfahrt nach Untertage eingestellt (Umgestellt auf Kohle), um 14 Uhr wurde mit der Seilfahrt nach Übertage begonnen. 
Die erste Einfahrt in die Grube, in die Tiefe, war schon dramatisch.

Es ging im freien Fall über 1.000 Meter in die Tiefe. Ich kam in eine Abteilung, in der es sehr niedrig gewesen ist. Wir mussten die ganze Schicht auf den Knien absolvieren. Es gab dazu Knieschoner, die völlig unzureichend gewesen sind. Sie schützten nur vor Abschürfungen. Durch den vermehrten Druck auf die Menisken, sind bei mir jetzt Schäden aufgetreten (Risse im Hinterhorn des Innenmeniskus beider Knie. Es ist eine Berufskrankheit, die Berufskrankheit Nr. 2102 Meniskusschäden nach mindestens 3 jähriger Arbeit Unter Tage). (Leider vom Sozialgericht nicht anerkannt, sie haben mir Schäden durch Tennis-Spielen unterstellt.)
Ich bekam von dieser Haltung, bei der der Magen immer so gedrückt wurde, Magengeschwüre. Es war zum Heulen.

 

Unsere Schule
Die Berufsschule für Bergbau in Hindenburg Nord-Ost (Biskupitz)
An den Gesichtern erkennt man unschwer die Migranten.

Später folgte eine Anstellung als Aufsichts-Hauer in den "Dellbrück-Schächten" in Makoschau (Heute "Kopalnia Makoszowy".

Die Ausbeutung

Es war ein ausgemachter Schwindel mit der Übererfüllung der Arbeitsnorm um 1.300 %. (Nach sowjetischem Muster des Stachanow, wurde der Migrant aus Belgien Wincenty Pstrowski vorgeschickt. (In der DDR hat es zum 17.Juni geführt!) Trotzdem wurden wir an dieser Norm gemessen. Es hieß, doppelte Arbeit, für die Hälfte des Lohnes. Viele von unseren Leuten sind an dieser Arbeitsnorm zugrunde gegangen. Hinzukam, dass die Versorgung mit Lebensmitteln sehr schlecht war. Wer eine Familie zu versorgen hatte, wie Cousin Willi (Krause), der musste 16 Stunden täglich arbeiten. Willi hat sich zu Tode gearbeitet. 8 Stunden auf der Grube (der Kokerei), weitere 8 Stunden beim Juden in einer Privat-Werkstatt in Hindenburg. Cousine Charlotte wollte unbedingt noch eine Tochter, zu ihren zwei Söhnen. Es wurde wieder ein Junge. Tante Valy, ihre Mutter, bissig: "Hat dich so der A....gejuckt? Musste das sein? Drei Kinder?". Die feine Dame der Familie konnte auch ordinär werden. Sie selbst hatte nur ein einziges Kind. Sie war mit ihrem Schwiegersohn nicht einverstanden. Für ihre einzige Tochter wollte sie etwas besseres, als einen Arbeiter. Sie wohnten anfangs in einer Ein-Zimmer-Wohnung zu dritt. Die Wohnung gehörte der Tante Valy, was sie auch immer wieder erwähnt hat. "Geh ´mal raus Willy und schau mal was auf dem Türschild drauf steht". Sie mussten immer betteln, dass  Tante sie mal im Zimmer alleine läst. "Was, Schon wieder?" 

Jahre später bekamen sie endlich eine eigene Wohnung, mit einem dazugehörendem Garten. 

Ein "typischer Einkauf" aus diesen Tagen: 100 gr. Margarine, 50 gr. Marmelade, 100 gr. Zucker und 3 Zigaretten. Gegessen wurden Pellkartoffeln mit dem Wasser von eingelegten Heringen. Oder Brot mit Maggi beträufelt.

Eine 6 Tage Woche zu 8 Stunden täglicher Arbeitszeit war vorgeschrieben. Die Betriebe haben Abteilungen "Arbeitsdisziplin" geführt. Wer drei Arbeits-Tage im Monat gefehlt hatte, wurde vor Gericht angeklagt und abgeurteilt, "wegen Bummelantentum". Die Abgeurteilten wurden am Pranger mit Bild und voller Adresse ausgestellt. Es konnten auch 5 Jahre Zuchthaus werden.

Die Betriebe hatten einen eigenen Betriebsarzt, der die strikte Anweisung hatte, nicht mehr als die ihm zugewiesenen Fehlzeiten wegen Krankheit pro Jahr zuzulassen. Hatte dieser Arzt dagegen verstoßen, wurde er entlassen. Das führte dazu, dass so mancher von uns mit Fieber und Schüttelfrost in die Grube einfahren musste. Ich hatte eine chronische Gastritis, die auch zu Geschwüren geführt hatte. "Rollkuren und Arbeitsfähig" - das war die Antwort des Betriebsarztes.

Wer ernsthaft erkrankte, der musste seinen Tarifurlaub für die Genesung verwenden. Gegen Jahresende war die Chance krankgeschrieben zu werden größer, als zum Jahresbeginn. Kam es zu Beginn des Jahres zu einem dieser spektakulären Grubenunglücke, die relativ häufig vorkamen, unsere Grube war die tiefste und gefährlichste des gesamten Bergbaus, die Sicherheitsvorkehrungen schlecht bzw. gar nicht vorhanden, auch wegen der hohen Arbeitsnormen, so war die Chance krankgeschrieben zu werden gleich Null.

Für den Samstag wurde später ein 6 Stunden Arbeitstag eingeführt. Von uns Schlesiern hat man aber verlangt, 8 Stunden zu arbeiten und diese zwei Stunden Mehrarbeit, für den Wiederaufbau von Warschau "freiwillig" zu spenden.

Polen schuldet mir den Lohn von ca. 700 Arbeitsstunden, denn Warschau wurde aus anderen Geld-Quellen (der BRD) wiederaufgebaut.

Ab Mitte 1945 arbeiteten die über 104 Steinkohlengruben für die Polen / Russen. Sie Förderten über 95 Mio. Tonnen Steinkohle (Deutscher Steinkohle), lieferten die 15 Stahlwerke 2,4 Mio.: Tonnen Stahl (Deutschen Stahl) pro Jahr. Bezahlt wurden wir für unsere Arbeit mangelhaft.

Wenn, dann schuldet Polen den Deutschen Billionen US-$ !

Wir Schlesier, die Autochthonen, waren Arbeitssklaven und Gefangene des polnischen Staates.

 

"Polenhilfe" der Sowjets.

Die Sowjets haben Schlesien für sich ausgebeutet, mit Hilfe der polnischen Machthaber. Sowohl die schlesische Landwirtschaft, wie auch die schlesische Industrie wurden ausgeplündert.
Probleme bereitete ihnen der Abtransport der "Beute-Güter" in das Landesinnere.

Die Gleise waren in Russland breiter, als in Europa üblich. Dazu hat man sich folgende Geschichte erzählt.
Beim Gleisbau fragte der Vorarbeiter den russischen Ingenieur, ob die Gleise etwa breiter angelegt werden sollen. Er antwortete unwirsch und ordinär mit einer Gegenfrage "Na huj szersze?" Eine Redewendung, die man auch so verstehen konnte, aber nicht so gemeint war: um eine "Schwanz-Länge" breiter" ("Huj", ordinär für das GT).
Richtig gedeutet und übersetzt meinte er, fragend "Beim Schwanz, breiter?". Der Vorarbeiter nahm Maß, und ließ die Gleise 14 cm breiter legen, als im Westen Europas. Tatsächlich wollte ein Zar verhindern, dass feindliches Militär, bzw. Material schnell ins Landesinnere mit der Eisenbahn transportiert werden können.

Es wurden in Kattowitz Eisenbahnwaggons mit Kartoffeln beladen. Eine polnische Aufsichtsperson vergaß dabei seine Aktentasche im Inneren des Waggons.

Monate später wurde Hilfe aus dem "Bruderland", der Sowjetunion angekündigt. Mit Musik wurde der Zug abgewartet, es wurden große Lobesreden auf die Sowjetunion und deren Hilfsbereitschaft gehalten. Beim Ausladen der Waggons wurde die vergessene Aktentasche wieder gefunden. Die Sowjets schickten einfach den Zug zurück, deklariert als Hilfe. Die Kartoffel waren inzwischen verfault.

Diese Geschichte habe ich oft erzählt. Sie wurde auch protokolliert im Dossier über mich und mir später vom Staatsanwalt,  vorgehalten.

Auch ein anderer Witz über den "Generalissimus Stalin" wurde festgehalten.
Als Stalin mal wieder "die Schrauben" angezogen hat, die Norm erhöhen ließ, ließ er einen Passanten in Moskau zu sich holen. Er fragte ihn: "Ich habe die Norm kräftig erhöht. Wie geht es dir dabei". "Sehr gut, Generalissimus Stalin". Stalin weiter: "und wenn ich die Norm noch weiter erhöhe? "Dann wird es mir noch viel besser gehen". Stalin: "So, so. Gut. Was bist du denn von Beruf?. Die Antwort: "Totengräber, Generalissimus".

 

Vae Victis!

Wehe den besiegten!!!

Alexej G. Stachanow (1905 - 1977) im September 1935 in einer einzigen Nachtschicht 102 Tonnen Steinkohle eigenhändig aus einem Schacht im ukrainischen Donezgebiet ...

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