Kurt Masur

 

Eine grandiose Ära geht zu Ende
New York feiert den 75. Geburtstag von Kurt Masur – und sagt Adieu

 
Vom 13.07.2002

NEW YORK – Verehrt haben sie ihn von Anfang an. Doch nie waren sich die New Yorker und der Musikdirektor ihres berühmtesten Orchesters so nahe gekommen wie in den Tagen nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Kurz nach dem Schock vom 11. September setzte Kurt Masur „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf das Programm der New Yorker Philharmoniker. Der Saal war voll, und vor dem Lincoln Center standen Hunderte im Regen, um die Aufführung am Videoschirm zu verfolgen. „Wir alle brauchen die heilende Kraft dieser Musik“, betonte der Maestro.

 
Korrespondentenbericht von

Thomas Burmeister

Die Erinnerung an die Gefühle dieses außerordentlichen Moments werde ihn immer begleiten, sagte der Musikdirektor später in der Rückschau auf diesen Tag. Am kommenden Donnerstag (18. Juli) geht es fröhlicher zu im Lincoln Center als damals. Doch auch Traurigkeit wird dabei sein, wenn Masur an seinem 75. Geburtstag zum letzten Mal als Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker auf der Bühne der Avery Fisher Hall steht. Nach elf Jahren geht die Ära Masur in New York zu Ende. Eine Ära, in der die Klassik-Szene der amerikanischen Kulturhauptstadt von dem ostdeutschen Maestro so tief geprägt wurde wie zuvor nur unter dem Dirigat des Amerikaners Leonard Bernstein.

Sicher, das Ende seiner Laufbahn ist Masurs Abschied von New York nicht. In Paris wartet schon das Orchestre National de France auf seinen neuen musikalischen Direktor, und auch die Londoner Philharmoniker haben mit ihrem Chefdirigenten Masur noch viel vor. „Doch was wir in New York gemeinsam erreicht haben, das ist schon eine Art Vollendung“, sagte Masur kürzlich. „Wir haben hier eine wirklich traumhafte Identifizierung des Orchesters mit meinen Ideen und meine Identifizierung mit des Orchesters Meisterschaft.“

Abschied mit Reue

Dass Masur nicht gehen wollte, sondern von einer einflussreichen Minderheit in der Geschäftsführung der New Yorker Philharmoniker gegen den erklärten Willen der Musiker weggedrängt wurde, ist ein offenes Geheimnis. Längst bereut man im Board, Masur vor zwei Jahren die dritte Verlängerung seines Vertrages verweigert zu haben. Ein Jüngerer sollte ans Pult, weil man dem alten Meister nicht mehr genügend Kraft zur Innovation zutraute. Zwei Jahre wurde in aller Welt gesucht, doch unter den großen Nachwuchstalenten, das zeigte sich bald, war noch niemand so weit, in Masurs Fußstapfen zu treten. Nun wechselt der 72-jährige Lorin Maazel von München nach New York, quasi als Platzhalter, bis Masurs eigentlicher Nachfolger gefunden ist.

Als er 1991 die Philharmoniker übernahm, spielte das Orchester zwar immer noch in der Weltoberliga, aber nicht mehr an der Spitze. Es war hörbar verlottert. Masur kam als ein deutscher Souverän. Nach mehr als 20 Gastdirigaten war der damalige Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses der Wunschkandidat der New Yorker Musiker. Sie wollten ihn, weil er keinerlei Abstriche an der Orchesterdisziplin machte und dennoch fähig war, die Individualität jedes einzelnen Instrumentalisten zu würdigen und zu fördern.

Am Hudson begann die Ära des „eisernen Kanzlers“, wie mancher anfangs noch spöttelte. Schon bald klang das Orchester so geschmeidig und dynamisch, frisch und inspiriert, dass New Yorks kenntnisreiches Klassik-Publikum vor Begeisterung mit den Füßen trampelte.

„Masur hat New York erobert“, bescheinigte ihm die Kritik schon nach den ersten Konzerten. Nicht lange zuvor hatte er sich noch in der Rolle eines Retters gesehen. Als in Leipzig die Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in der DDR drohte, setzte Masur auf der Straße und in Verhandlungen mit der SED-Regierung seine internationale Autorität ein, um ein Blutvergießen zu verhindern.

In Leipzig hatte Masur ab 1970 den Grundstein für seinen Weltruhm gelegt, den er später auf Gastspielreisen mit dem Gewandhausensemble und mit Gastdirigaten bei den international besten Orchestern festigte. Sein Debüt am Dirigentenpult hatte der hoch gewachsene Schlesier, der nach einer Lehre als Elektriker und kurzem Kriegsdienst am Leipziger Konservatorium studiert hatte, 1948 mit der Oper „Rigoletto“ am Theater von Halle. Nach Stationen als Kapellmeister und Dirigent in Erfurt, Dresden, Schwerin und Berlin übernahm er 1970 das Leipziger Gewandhaus. Mit 43 Jahren wurde er ein Nachfolger Mendelssohn Bartholdys an der Spitze des ältesten bürgerlichen Orchesters Deutschlands.

Beeindruckende Karriere

Nicht ohne Staunen nahm man bereits 1974 in der Carnegie Hall beim ersten Gastspiel Masurs mit dem Gewandhausorchester zur Kenntnis, dass die Leipziger Weltklasse waren. Zwei Jahre später erhielt Masur einen Vertrag als 1.Gastdirigent des Dallas Symphony Orchestra und von 1981 an dirigierte er auch regelmäßig die New Yorker Philharmoniker, deren Musikdirektor er schließlich 1991 wurde. In seinen elf Jahren auf dem wohl prestigeträchtigsten Dirigentenplatz der Welt „haben die Philharmoniker besser gespielt als in dem Jahrzehnt zuvor“, bescheinigte ihm zum Abschied die „New York Times“.